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Deponieboom in der Schweiz – Konflikte programmiert

Zu den 400 bestehenden sind mindestens 20 weitere grosse Lagerstätten für Abfall und Aushub in Planung – meistens verbunden mit hitzigen Diskussionen und Einsprachen.

Schlacke aus Kehrichtverbrennungsanlagen braucht Platz: Eine Deponie wird erweitert. (Amt für Abfall des Kanton Zürich)
Schlacke aus Kehrichtverbrennungsanlagen braucht Platz: Eine Deponie wird erweitert. (Amt für Abfall des Kanton Zürich)
Alessandro Della Bella

«Grundsätzlich wollen wir ja alle dasselbe: möglichst wenig oder gar keine Schlacke mehr auf Deponien abladen.» So formulierte es der Zürcher Politiker Walter Angst vor einigen Tagen gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Angst kommentierte damit die undurchsichtigen Vorgänge um eine defizitäre Zürcher Recyclinganlage, die technisch zwar funktioniert, aber offenbar hohe Verluste generiert. Die Frage, die sich für Angst stellt: Ist es überhaupt realistisch, die Anlage kostendeckend zu betreiben?

Wie auch immer die Antwort lauten mag: Deponien für Aushub aus dem Strassenbau, für Metalle aus Kehrichtanlagen oder für die Schlacke aus Siedlungsabfällen stehen nicht vor dem Verschwinden. Im Gegenteil: Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz, konstatiert einen «Deponieboom». Er weiss von mindestens 20 grossen Abfalllagern, die aktuell in Planung sind. Sie würden die rund 400 bestehenden Deponien ergänzen, die das Bundesamt für Umwelt auflistet.

Laut der Stiftung Landschaftsschutz sind mindestens 20 grosse Deponien in Planung.

Wie stark sich der Zuwachs, auch im Vergleich mit früheren Jahren, effektiv ausnimmt, ist schwierig zu beurteilen. Gesuche werden nicht systematisch erfasst. Rodewald konstatiert aber, «dass wir wegen Deponien so oft um Hilfe angefragt werden wie noch nie». Die grosse Nachfrage wird in der Branche bestätigt. «Die Situation ist im Moment eher angespannt», sagt Martin Weder, Direktor des Verbands der Kies- und Betonindustrie.

Viele Einsprachen

Angespannt ist die Situation nicht zuletzt darum, weil der Bau einer Deponie oft mit Konflikten verbunden ist – mit politischen Entscheiden, denen emotionale Diskussionen vorangehen, und mit Einsprachen. Viele Gesuche würden «aufgrund von Anwohnereinsprachen nicht freigegeben», sagt Weder. «Die Planungsbehörden sind hier gefordert.»

Doch auch Verbände gehen juristisch gegen neue Deponien vor, wenn sie auf rechtliche Unstimmigkeiten stossen – und wenn sie, was oft der Fall ist, die Umwelt bedroht sehen. Eine Deponie bedeute einen massiven Eingriff in die Landschaft, sagt Raimund Rodewald. «Da werden ganze Talsenken mit Schutt aufgefüllt, riesige Hügel entstehen.»

Für Anwohner wiederum ist oft der Lastwagenverkehr, den ein Deponiebetrieb mit sich bringt, Anlass zum Widerstand. Bei Sattel SZ, wo auf 5,8 Hektaren Fläche ein Friedhof für 600'000 Kubikmeter Schutt entstehen soll, werden täglich je 20 Hin- und Rückfahrten von 40-Tönnern erwartet. Wie der «Bote der Urschweiz» berichtete, kam es an einem Informationsanlass im ­Januar deswegen zu heftigen Diskussionen.

Ähnliches zeigte sich im Kanton Thurgau, wo bei den Gemeinden Wäldi und Raperswilen eine Deponie für 400'000 Kubikmeter Material entstehen soll. Auch dort hiess es an einer öffentlichen Diskussion vor drei Wochen, man sei «jetzt schon vom Schwerverkehr geplagt», wie die «Thurgauer Zeitung» schreibt. «Wir müssen uns wirklich fragen, ob wir noch mehr Lastwagen wollen», sagte ein Anwesender.

Was aber sind die Ursachen des «Booms»? Rodewald nennt zwei Gründe. Erstens sei in der Schweiz in den letzten Jahren sehr viel Infrastruktur gebaut worden, womit gezwungenermassen Abfälle anfielen. Und zweitens sei der Betrieb einer Deponie, vor allem im Vergleich mit dem Recycling, für die Unternehmer äusserst lukrativ.

Letzterem widerspricht Industrievertreter Martin Weder. «Ein Gesuch für eine Deponie ist finanziell ein beträchtliches Risiko. Es sind hohe Vorinvestitionen nötig – und die Gefahr ist gross, dass das Gesuch schliesslich scheitert und das investierte Geld verloren ist.» Weder weist ausserdem darauf hin, dass der professionelle Betrieb einer Deponie eine aufwendige Angelegenheit sei. «Das gilt vor allem für Sicherheit und Umweltschutz. Das angelieferte Material wird stets umfassenden Eingangskontrollen unterzogen.»

Ein Deckel für Autobahnen?

Die Probleme des Zürcher Recyclingbetriebs zeigen in jedem Fall, dass es mit dem Aufbau eines Wiederverwertungszyklus derzeit hapert. Der grüne Nationalrat Bastien Girod, der den Verband der Betreiber von Abfallverwertungsanlagen präsidiert, hält in absehbarer Zeit aber auch kreativere Lösungen für möglich.

«Denkbar wäre, mit Aushubmaterial Autobahnen zu überdecken», sagt Girod. «Das wäre auch für den Landschaftsschutz eine Chance.» Würde tatsächlich Abfall aus dem Strassenbau zur Überdachung ebenjener Strassen verwendet, wäre zumindest ein Wiederverwertungszyklus ganz eigener Art geschaffen.

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