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Das Unia-Prinzip

Wenn man für eine gute Sache wie die Lohngleichheit lügt, ist das ja auch irgendwie ehrlich.

Aktivistinnen der Gewerkschaft Unia haben sich Baerte angeklebt, um ihrer Forderung nach Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern Nachdruck zu verleihen.
Aktivistinnen der Gewerkschaft Unia haben sich Baerte angeklebt, um ihrer Forderung nach Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern Nachdruck zu verleihen.
Keystone

Eine solche Lügengeschichte hätte Kellyanne Conway, die Trump-Beraterin und Entdeckerin der «alternativen Fakten», kaum besser hingekriegt: Da erfand die Gewerkschaft Unia also zuerst eine Firma samt Website, publizierte dann ein erfundenes Job-Inserat, das einem Mann 20 Prozent mehr Lohn als einer Frau versprach, und als das Ganze aufflog, veröffentlichte sie flugs eine echte Medienmitteilung mit dem Titel: «Ein fiktives Stellenangebot enthüllt die Lohnungleichheiten.»

Die Beweisführung mit selbsterfundenen Belegen mag für eingefleischte Trumpianer eine innovative Weiterentwicklung im Anwendungsbereich von «Fake News» und «alternativen Fakten» sein. Aber aus der nüchternen helvetischen Warte betrachtet, würde man doch erwarten, dass eine Gewerkschaft in den Lohndaten ihrer rund 200'000 Mitglieder und 57 Arbeitslosenkassen-Zahlstellen einen echten Skandalfall findet – wenn es denn einen gibt – anstatt einen zu erfinden. Dem war aber nicht so. Sei’s drum, wird man sich bei der Unia wohl gesagt haben: Wenn man für eine gute Sache wie die Lohngleichheit lügt, ist das ja auch irgendwie ehrlich.

«Die Gewerkschaft als Bewegung»

Wichtiger als Fakten sind für die Unia ohnehin die Medien. «Wir nutzen die Medien als Multiplikator und die Öffentlichkeit als zusätzliches Druckmittel», heisst es in einem Konzept der Unia-Zürich, das so wegweisend gewesen sein muss im Kampf gegen den notorischen Mitgliederschwund, dass es auch an einem internationalen Gewerkschaftskongress vorgestellt wurde. Das ist zwar schon zehn Jahre her, aber das Papier findet sich bis heute im Internet und hat sich allem Anschein nach über Zürich hinaus als landesweit angewandtes Unia-Prinzip bewährt.

«Die Gewerkschaft als Bewegung», lautet der Titel. Dargestellt in einwandfreier Business-Manier, mit Power-Point und Bullet-Points, steht da: «1. Priorität: Jede Aktivität und Kampagne wird unter dem Gesichtspunkt der Mitgliederentwicklung beurteilt.» Punkt 2: «Konflikte werden gezielt gesucht und […] wir nutzen die Medien als Multiplikator und die Öffentlichkeit als zusätzliches Druckmittel.» Punkt 3: «Hohe Präsenz vor Ort, Zugang zu Beschäftigten erkämpfen.» Kein Wunder, ist da auch dem «Know-how-Management Rechtsdienst» hohe Priorität einzuräumen. Schliesslich kommt man bei all diesen Grundsätzen ja bisweilen nicht nur mit den Fakten, sondern auch mit den Gesetzen über Kreuz.

Das Verblüffendste an dem Prinzip ist, wie prächtig es immer wieder funktioniert. Zwar schrumpft der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer seit Jahren dramatisch. Und zentrale gewerkschaftliche Anliegen, wie der nationale Mindestlohn, werden in Volksabstimmungen haushoch abgelehnt. Nichtsdestotrotz haben die Gewerkschaften den Arbeitgebern mittlerweile schon Mindestlöhne und ähnliche Mindestregelungen für fast zwei Millionen Arbeitnehmende abgerungen. Denn mit Krach und Medienöffentlichkeit sind Unternehmer nun mal viel leichter unter Druck zu setzen als die Politik. Dass in besagtem Unia-Konzept auch steht: «Die Zukunft der Gewerkschaft ist weiblich!» sollten die Arbeitgeber deshalb als Drohung für die kommenden GAV-Schlachten um die Lohngleichheit sehr wohl ernst nehmen. Fakten hin oder her.

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