Das Dilemma mit der Munition

Die Armee muss Munition vernichten. Alles pure Verschwendung? Ein paar Gedanken dazu.

Die Hälfte der Munition muss weg – zum Glück.

Die Hälfte der Munition muss weg – zum Glück.

(Bild: Keystone)

Serkan Abrecht

Das hat sie gefreut, die Linken: Die Armee muss rund die Hälfte ihrer Munition entsorgen. Viel «Hahaha» und «Hihihi» kursierten in den sozialen Medien. Man verdrehte die Augen und schimpfte über die Armee. Ich muss sagen – irgendwie merkwürdig. Früher, also als ich in der Rekrutenschule oder in den ersten WK war, da schimpften die Leute, weil wir am Ende unserer Dienstleistung die unverbrauchte Munition verschossen, damit nächstes Jahr das Munitionsetat das gleiche blieb.

Ich weiss noch, wie verwundert ich war, als ich mich nach dem Aufmunitionieren nach vorn an das Gitter in meinem Leopard 2 neigte und meinen Lader fragte: «Wie viel haben sie uns denn gegeben?» – «42 Schuss für die Kanone und mehrere Tausend Schuss fürs Maschinengewehr.» Ich schaute ungläubig drein. Der Kampfpanzer war komplett voll. Kein Schuss hatte mehr Platz. «Abrecht, der Kadi hat gesagt, dass das alles weg muss.» Ich wrang mir demonstrativ die Hände, klappte den Stuhl hoch, startete den Computer des Panzerturms, legte – vor Vorfreude zitternd – die Hände an den Joystick vor mir und begann die Kanone langsam in Richtung Zielhang zu bewegen, die Augen gegen das Okular gedrückt.

So intensiv wie damals auf der Alp in Wicheln haben wir noch nie geschossen. Es war gefühlte 40 Grad heiss im Panzer, und es roch nach Schwefel und Schiesspulver. Mein Lader musste aufpassen, dass er nicht auf den leeren Patronenhülsen am Boden ausrutschte. Ein paar mal musste ich eine Feuerpause einlegen, damit mein Kamerad das Maschinengewehr mit Wasser kühlen konnte. Nach etwa zwei Stunden waren wir leer geschossen.

Als ich dann Freunden von diesem intensiven Nachmittag erzählte, schimpften sie alle was von «Munitionsverschwendung». Aber nun, wo die Armee unverbrauchte Munition vernichten muss, weil die dazuge­hörigen Waffensysteme nicht mehr existieren oder sie schlicht zu alt ist, nun schimpfen die Leute wieder. Wenn wir die Munition verschiessen, ist es nicht recht, wenn wir sie nicht verschiessen, auch nicht. Da soll mal jemand drauskommen.

Diese leidige Debatte erinnert an damals, als der Armee die Ressourcen dafür fehlten, ihre Luftwaffe 24/7 betreiben zu können, und man kurze Zeit nur zu «Bürozeiten» abheben konnte. Da machten sich wieder die Immergleichen über die Armee lustig, obwohl sie ja mitschuldig dafür waren, dass nicht genügend Mittel für das Militär gesprochen wurden. Aber zurück zum Thema.

Munition muss weg. Raketen und Schüsse aller Kaliber haben ebenfalls ein Verfallsdatum. Natürlich ist Mu­nition länger haltbar als ein Nature-­Joghurt oder ein Kalbsplätzli, aber sie hält nicht bis in alle Ewigkeit.

Munition wird genau für zwei Verwendungszwecke gekauft: damit mit ihr geübt oder damit sie im Ernstfall eingesetzt werden kann. Dass es zu überzähliger Munition gekommen ist, liegt mitunter daran, dass die Schweiz – zum Glück – von Kriegsmunitionsbeständen in den letzten Jahren keinen Gebrauch machen musste.

Trotzdem darf sich nach diesem ganzen «Gschiss» um unverschossene Munition jeder Offizier darin bestätigt fühlen, wenn er im WK die übrig gebliebenen Schüsse zum Abschuss freigibt. Ich werde dies jedenfalls in meinen kommenden Einsätzen so handhaben – und will von niemanden mehr irgendein Gejammer hören. Wie wir nun wissen: Der Armeekritiker hat es lieber, wenn die Gewehre knattern statt schweigen.

Basler Zeitung

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