Zum Hauptinhalt springen

«Da war ein Einfränkler» – und schon war er 1000 Franken los

Sie sind alt, sie sind gebrechlich und werden abgezockt – von Dieben und Verwandten, wie Heinz Wyss erleben musste.

Es ist nicht immer der Enkeltrick: Die über 85-Jährigen werden am häufigsten Opfer von Diebstählen. (Archivbild)
Es ist nicht immer der Enkeltrick: Die über 85-Jährigen werden am häufigsten Opfer von Diebstählen. (Archivbild)
Urs Jaudas

Er wollte sich gerade bücken, um sein Velo abzuschliessen, da tritt ein Mann an ihn heran und fragt, ob er ihm rasch Geld für die Parkuhr wechseln könnte. Frau und Baby warteten im Auto und er sei völlig verspätet. Der Mann ist gut gekleidet, spricht gebrochen Deutsch. Heinz Wyss, damals 87, steht in der engen Gasse vor seinem Haus in der Bieler Altstadt. Er kommt gerade vom Bancomaten, wo er 1000 Franken für den Handwerker abgehoben hat.

Kurz vor Mittag sind kaum Leute auf der Strasse. Wyss holt sein Portemonnaie hervor und sucht Münzen heraus. «Das war gerade ein Einfränkler», sagt der Mann und greift ins Portemonnaie. Erst als Wyss oben in der Wohnung den Handwerker bezahlen will, merkt er: Die 1000 Franken sind weg.

Alleine bei den über 54-Jährigen werden hochgerechnet 400 Millionen Franken pro Jahr ertrogen.

Solche oder ähnliche Erfahrungen machen viele ältere Leute, wie eine repräsentative Studie von Pro Senectute zum finanziellen Missbrauch von Personen über 54 Jahren zeigt – die erste dieser Art in der Schweiz. Danach wurde in den vergangenen fünf Jahren jede vierte befragte Person mit betrügerischen Absichten angegangen, jede fünfte erlitt dabei einen finanziellen Schaden. Alleine bei den über 54-Jährigen werden hochgerechnet 400 Millionen Franken pro Jahr ertrogen.

Die Studie hat das Institut zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität der Fachhochschule Neuenburg im vergangenen Februar und März durchgeführt. Dabei liess es 1257 Personen befragen. Die Resultate hat das Institut auf die 2,7 Millionen über 54-Jährigen in der Schweiz hochgerechnet.

Nicht nur Enkeltrickbetrüger

In den Medien lese man oft davon, dass Ältere Opfer von Enkeltrickbetrügern oder von falschen Polizisten würden, sagte Alain Huber, Geschäftsleitungsmitglied von Pro Senectute, vor den Medien. Aber die meisten Missbräuche ereigneten sich auf andere Weise: 155'000 Personen wurden hochgerechnet klassisch an einem öffentlichen Ort bestohlen. Weiteren 62'000 Personen wurde am Bancomaten Geld gestohlen und 60'000 kamen zu Schaden, weil sie wie Heinz Wyss einem Unbekannten helfen wollten.

Olivier Beaudet-Labrecque, Studienleiter und Kriminologe, geht davon aus, dass die Mehrheit der Betrogenen nicht um grosse Summen gebracht wurde. In manchen Fällen waren die Betrüger aber äusserst erfolgreich: Die höchste Summe, die ein Befragter in der Studie angab, beläuft sich auf 508'000 Franken.

Männer werden öfter Opfer

Eher überraschend ist, dass Männer (28 Prozent der Befragten) klar häufiger Opfer von Finanzmissbräuchen werden als Frauen (23 Prozent). Der Grund dafür ist laut Beaudet-Labrecque, dass Männer öfter als Frauen für die Finanzen zuständig sind. Zudem nutzen sie reger Informationskanäle und sind so stärker Betrugsversuchen ausgesetzt.

Die Studie zeigt zudem deutlich, dass die Romands öfter Opfer von Missbrauch werden (37 Prozent der Befragten) als die Deutschschweizer (23 Prozent) oder die Tessiner (12 Prozent). Der Grund dafür ist, dass sich die Romands weniger über finanzielle Missbräuche informieren.

Auch Angehörige missbrauchen

Die älteren Personen sind je nach Altersgruppe unterschiedlich von finanziellen Betrügereien betroffen – am meisten die 55- bis 64-Jährigen und die über 84-Jährigen. Die Erklärung dafür liefern die verschiedenen Betrugsarten: So gaben etwa 38 Prozent der Befragten zwischen 55 und 64 Jahren an, dass Personen versucht haben, sie via Internet zu betrügen, etwa durch gefälschte Anzeigen, vorgetäuschte Liebesbeziehungen oder Phishing.

Bei den über 85-Jährigen waren es nur 12 Prozent. Auch von unseriösen Geschäftspraktiken, etwa dass Waren zu übersteigerten Preisen verkauft werden, oder von weiteren Betrügereien wie dem Enkeltrickbetrug sind die Vertreter der jüngsten Alterskategorie stärker betroffen.

«Wer auf diese Weise von einem Betrüger angepeilt wird, kann sich kaum mehr alleine aus dieser Situation befreien.»

Olivier Beaudet-Labrecque, Kriminologe

Hingegen werden die über 85-Jährigen, die Verletzlichsten der Befragten, am häufigsten Opfer von Diebstählen, sei es in der Öffentlichkeit oder dass jemand versucht, unter einem Vorwand in ihre Wohnung zu gelangen. «Wer auf diese Weise von einem Betrüger angepeilt wird, kann sich kaum mehr alleine aus dieser Situation befreien», sagt der Kriminologe.

Auch sind es die Ältesten der Befragten, die im privaten Umfeld mehr ausgenutzt werden. Sie werden von Angehörigen unter Druck gesetzt, ihnen Geld zu geben, oder diese missbrauchen ihre Vollmacht.

Über Betrugsmaschen informieren

Nicht untersucht wurde, ob die Altersgruppe der über 54-Jährigen öfter Opfer von Betrugsversuchen wird als Jüngere. Die Beobachtungen der Polizei deuten laut Pro Senectute jedoch darauf hin. Wissenschaftlich belegt ist laut Olivier Beaudet-Labrecque, dass Ältere mehr Vertrauen gegenüber Personen haben, die ihnen gegenübertreten, als Jüngere. Diese sind durch ihre Erziehung sensibilisierter auf Missbräuche.

Das Ausmass des finanziellen Missbrauchs von älteren Personen hat Werner Schärer, Direktor von Pro Senectute, überrascht. Für die Organisation bietet sich Handlungsbedarf. Sie gibt deshalb eine Broschüre zum Thema heraus – je mehr Personen über die gängigsten Betrugsmaschen informiert sind, desto besser können Betrügereien verhindert werden.

Zudem prüft sie, Erfahrungsgruppen ins Leben zu rufen, um den Opfern zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Etliche leiden danach an Angstzuständen, Schlaflosigkeit und sind misstrauisch gegenüber Mitmenschen.

Viele schweigen aus Scham

Die meisten jedoch, 61 Prozent der Befragten, sprachen aus Scham mit niemanden über den erlittenen Missbrauch. Heinz Wyss schon. Er war der Einzige, der bereit war, in Bern vor die Medien zu treten. «Ich bin hier als Opfer, als Getäuschter, als Bestohlener», sagte er einleitend.

Natürlich habe er sich im Nachhinein viele Gedanken gemacht, sich gefragt, weshalb er nicht aufmerksamer gewesen sei und wie der Betrüger – wie mit einem Taschenspielertrick – ihm unbemerkt die Noten aus dem Portemonnaie ziehen konnte. «Und Sie sehen, ich stehe nicht mehr stabil. Mir wurde auch bewusst, wie angreifbar ich heute mit 91 Jahren bin.» Vielleicht sei er nach diesem Vorfall etwas vorsichtiger – aber nicht nur gegenüber Personen, die gebrochen Deutsch sprechen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch