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Besuch im Bunker der Regierung

Gebaut, als der Kalte Krieg sich schon dem Ende zuneigte, steht seit 1985 in Utzigen ein grosser Bunker, der im Kriegsfall auch die Berner Kantonsregierung hätte beherbergen sollen. Die Anlage hat ausgedient, wird aber «konserviert».

Ein karges Zimmer für zwei Regierungsräte: Ein Etagenbett, ein Schreibtisch.
Ein karges Zimmer für zwei Regierungsräte: Ein Etagenbett, ein Schreibtisch.
Valérie Chételat
Der Blick aus der Loge beim Bunkereingang.
Der Blick aus der Loge beim Bunkereingang.
Valérie Chételat
Die Zeit scheint stillzustehen, doch die Uhr tickt noch.
Die Zeit scheint stillzustehen, doch die Uhr tickt noch.
Valérie Chételat
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In der Oberwelt, in der klobigen Scheune beim Pflegeheim Utzigen, riecht es nach Heu. In der Unterwelt, im zweistöckigen Bunker unter der Scheune, riecht es nach nichts: Es ist kühl in der grossen Anlage, 12 bis 15 Grad, leise surren einige Entfeuchter. Die Zeit scheint stillzustehen. Die Betonwände des Bunkers sind in unterschiedlichen Farben gestrichen, grün im militärischen, orange im zivilen, gelb im gemeinsamen Teil der Anlage. Neonröhren werfen ihr grelles Licht. Wasserrohre und Kabelkanäle hängen an den Decken der langen Gänge. Einige auf Pavatex aufgezogene grossformatige Fotografien zeigen sommerliche und winterliche Landschaften, die Wand eines Aufenthaltsraums ziert eine Strassenszene aus Bern (mit Trams, die noch grün sind) – doch Leben bringen die Bilder nicht in die sterile Anlage.

8 Millionen für einen Bunker

«Schutzanlage für die Kantonsregierung und den Territorialstab» heisst die Baute im Amtsdeutsch, «Regierungsratsbunker» heisst sie in den Medien – seit sie überhaupt bekannt ist. Denn lange Jahre war die 1985 fertiggestellte Anlage, die militärischen und zivilen Stellen diente, hochgeheim, und als die «Weltwoche» deren Existenz 2003 enthüllte, da wurde der Autor des Artikels, Urs Paul Engeler, vor Militärgericht angeklagt wegen Verletzung militärischer Geheimnisse – wobei das Gericht am Ende auf eine strafrechtliche Verurteilung verzichtete, Engeler aber eine disziplinarische Busse von 400 Franken aufbrummte. Gekostet hatte der Bau einst 8 Millionen Franken, 3,5 Millionen zahlte der Bund, und die 4,5 Millionen Kantonsanteil hatte man seinerzeit so gut im Budget versteckt, dass der Grosse Rat nicht merkte, was er bewilligte.

Doch als der Journalist Engeler 2003 den Bunker enttarnte, da tat sich darin schon nicht mehr viel. Bis ins Jahr 2000 etwa hätten regelmässig Übungen stattgefunden, sagt Ulrich Aebi, der wissenschaftliche Mitarbeiter im kantonalen Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär, der den Journalisten auf Anfrage den Bunker zeigt. Seit zehn Jahren ist dieser praktisch stillgelegt. Zivilschützer machen einmal im Monat einen Kontrollgang, warten die Technik und tragen ihr Wirken fein säuberlich ins Kontrollbuch ein, das bei der Empfangsloge aufliegt. «Viel putzen muss man nicht. Es gibt in dieser unterirdischen Anlage praktisch keinen Staub», sagt Aebi.

Letzte Aktivitäten vor mehr als 10 Jahren

Im Eingangsbereich des Bunkers, nach den Schleusen mit den massiven Betontüren, befinden sich ein Wachlokal, Schlafsäle für Soldaten, im oberen Stock hats auch einen Aufenthaltsraum, eine grosse Küche, Toiletten. Die Anlage wirkt verlassen und auch wieder nicht. Auf den Betten liegen Kissen, in den Küchenschränken befindet sich Geschirr und Besteck, doch die Regale in den Arbeitsräumen im unteren Geschoss sind leer. In einem Raum steht zwar eine Reihe Bundesordner, doch auch die sind leer. Abgeschaltete Telefone stehen auf einigen Tischen, in zwei, drei Räumen finden sich kleine graue Computer der ersten Generation. Von letzten Aktivitäten zeugen in einem Arbeitsraum ein «Blick» vom 21. April 1999 (mit Berichten zum Schulmassaker in Littleton) und ein Berner Staatskalender – Ausgabe 1994/95.

In etlichen Räumen und auch in den Gängen hängen grosse Karten, sie zeigen ein Europa mit einer intakten Sowjetunion und einem ebenfalls noch einheitlichen Jugoslawien. Und auf den grossen Berner Karten gehört das Laufental noch zum Kanton Bern. Wer in den Regierungsbunker hinuntersteigt, macht eine kleine Zeitreise in die Zeit des Kalten Krieges. Eine Zeit, in der man Übungen veranstaltete, wo beispielsweise «Rotland» in den Grenzen der Sowjetunion einen Krieg mit «Blauland» in den Grenzen der Nato-Staaten führte und die Schweiz akut bedroht war.

Sogar ein Teppichboden

Die Anlage in Utzigen zählt laut Aebi rund 70 Räume, und sie weist eine Bodenfläche von 1824 Quadratmetern auf. Sie wird versorgt durch einen Wassertank, der 41 000 Liter fasst, und gut abgeschirmt von weiteren massiven Betonwänden steht in einem kleinen Raum für den Notfall ein grosses Notstromaggregat bereit, die Kopfhörer an der Eingangstüre zeigen, dass es in diesem Raum sehr laut werden kann.

Raum UG 89 schliesslich ist das Regierungsratssitzungszimmer, und hier hat es – grosse Ausnahme in der Betonwelt – tatsächlich einen Teppich am Boden, einen unspektakulären beigen Spannteppich allerdings. Der Rest des Zimmers entspricht der Kargheit der militärischen Anlage: Einfache Holztische stehen da, die klassischen Zivilschutzanlagenstühle. An einer Wand prangt eine Wandtafel, ein frisches Stück Kreide und ein neuer Schwamm liegen bereit: Hier hätte der Regierungspräsident seinen Kollegen die missliche Lage aufzeichnen können. Nahe dem Sitzungsraum liegen die regierungsrätlichen Schlafkojen, es sind enge Zweierzimmer mit Etagenbetten, einem Arbeitstisch, nichts Komfortables. Einmal, sagt Aebi, sei die Regierung bei einer grossen Übung dabei gewesen, da seien die Zimmer mit den Namen der Regierungsräte angeschrieben gewesen.

Keine militärische Bedeutung mehr

In ihren grossen Zeiten sei die Anlage komplett ausgerüstet gewesen, in 24 Stunden hätte sie bezogen werden können, sagt Aebi. Seit dem Ende des Kalten Kriegs aber hat der Staat seine Militärdoktrin geändert, seine Zivilschutzstrategie angepasst: Die Bewältigung von Katastrophen und Notlagen gilt laut Leitbild Bevölkerungsschutz heute als die grösste Herausforderung. «Eine Gefährdung der Schweiz durch einen bewaffneten Konflikt in Europa besteht zurzeit nicht, und man rechnet mit einer mehrjährigen Vorwarnzeit», schreibt die bernische Polizei- und Militärdirektion.

Der Bund ist mittlerweile aus dem Bunker in Utzigen ausgestiegen, die Anlage hat keine militärische Bedeutung mehr. Beim Kanton suchte man eine Zeitlang nach neuen Nutzungen. Als der Kanton aber im vergangenen Jahr erwog, eine Unterkunft für Asylbewerber einzurichten, legten sich die Gemeinde und das Pflegeheim quer. Nun hat der Regierungsrat am 30. Juni beschlossen, den Regierungsratsbunker zu behalten und zu «konservieren», während er acht kleinere Schutzanlagen – ebenfalls Relikte aus dem Kalten Krieg – gänzlich aufhebt.

Vorerst bleibt der Bunker

So bleibt der Bunker in Utzigen vorderhand bestehen. Dies sei in seinen Augen die vernünftigste Lösung, sagt Aebi, es wäre schade, die Anlage aufzuheben. Man wisse ja nie, «was für Zeiten uns entgegenkommen». Wenn der Bunker nun mit minimalem Aufwand «konserviert» wird, heisst dies: Das Wasser wird abgeschaltet, Wasser- und Öltank werden geleert, und noch einmal im Monat wird ein Mitarbeiter der Polizeidirektion einen Kontrollgang machen, aber keine Wartungsarbeiten mehr. Man stelle sicher, dass eine minimale Lüftung gewährleistet sei, kontrolliere die Feuchtigkeit, sagt Aebi. «Wenn wir nichts machen, gibt das hier eine Tropfsteinhöhle.»

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