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«Beim Organspenden gibt es in der Schweiz erhebliche Unterschiede»

Redaktion Tamedia kritisierte den jüngsten Entscheid der Nationalen Ethikkommission (NEK) gegen eine sogenannte Widerspruchslösung bei Organspenden. NEK-Präsident Otfried Höffe antwortet der Kritik.

Widerspruch oder Zustimmung? Die Ethikkommission beschäftigt sich mit der Regelung für Organspenden. (Foto: Nierentransplantation in den USA, 14. Dezember 2009)
Widerspruch oder Zustimmung? Die Ethikkommission beschäftigt sich mit der Regelung für Organspenden. (Foto: Nierentransplantation in den USA, 14. Dezember 2009)
Keystone
Die Ausweisfrage: Sollen künftig jene einen Ausweis auf sich tragen müssen, die nicht Organe spenden wollen? Die Ethikkommission ist für die bisherige Lösung: Ausweis nur bei Zustimmung.
Die Ausweisfrage: Sollen künftig jene einen Ausweis auf sich tragen müssen, die nicht Organe spenden wollen? Die Ethikkommission ist für die bisherige Lösung: Ausweis nur bei Zustimmung.
Keystone
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Wie in nationalen Ethikkommissionen üblich arbeiten auch in der Schweizer Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK) engagierte Fachleute miteinander: Ärzte, Vertreter der Pflegewissenschaften, Juristen und Fachjournalisten sowie als Minderheit sogenannte Ethiker, also Moralphilosophen und Moraltheologen. In Kenntnis relevanter ethischer Debatten können die Ethiker sich gegen gesellschaftliche Moden stemmen; sie sind nicht wie eine Fahne im Wind.

Eine ethische Sonderkompetenz, ein für sie als Philosophen oder Theologen reserviertes Wissen über das, was moralisch gut oder schlecht, was ethisch empfehlenswert oder unzulässig ist, beanspruchen sie aber nicht. Folgerichtig erhalten sie in der Kommission kein grösseres Gewicht als die anderen Mitglieder, die allesamt ausser ihrer jeweiligen Fachkompetenz ein hohes Mass an ethischer Urteilsfähigkeit mitbringen.

Stellungnahme war kein Schnellschuss

Für ihre Stellungnahmen ist die Kommission keinerlei politischen Vorgaben unterworfen. Für sie zählen allein Fachkenntnisse zum jeweiligen Thema, ferner unstrittige ethische Grundsätze und, wo erforderlich, die geltende Schweizer Rechtsordnung.

Die vom Bundesrat erbetene Stellungnahme «zur Widerspruchslösung im Bereich der Organspende» ist kein Schnellschuss. Selbstverständlich gingen der Stellungnahme der NEK eine Sichtung der Schweizer und der internationalen Debatte voraus, auch Anhörungen einschlägiger Fachleute und Organisationen, nicht zuletzt Vorarbeiten einer Arbeitsgruppe und mehrfache Plenumsdiskussionen. Wer mit der abschliessenden Stellungnahme nicht zufrieden ist, braucht daher bessere Argumente als die Behauptung eines «Aufbäumens der Ethiker», das sogar zu einem «kleinen» Aufbäumen marginalisiert wird (wie vom Immunologen Beda Stadler).

Sein pures Verärgertsein auszusprechen, genügt nicht. Und bezüglich der Fortsetzung des Kritikers, die Moral sei «im Grunde nur ein genetisches Programm», sind mittlerweile selbst die einschlägigen Fachwissenschaften skeptisch. In der Frühzeit ihrer Forschung hochgemut, pflegen sie heute Bescheidenheit. Dass wir alle «biologisch nur aufgrund eines enormen Zufalls auf der Welt» sind, kann man problemlos anerkennen. Zu diesem biologischen Zufall gehört aber die menschliche Intelligenz. Sie erlaubt es, über die Grundsätze unseres Handelns nachzudenken und die Kerngrundsätze in unserer Rechtsordnung als gegebenenfalls einklagbare Verbindlichkeiten zu verankern. Eine Folge: Hervorragende Immunologen pflegt man für ihre Leistungen auszuzeichnen, die (glücklicherweise extrem seltenen) Kollegen dagegen, die sich betrügerisch profilieren, werden kritisiert, in schweren Fällen sogar geächtet.

Im Tessin viel mehr Organspenden

Bekanntlich übersteigt weltweit die Nachfrage nach Spenderorganen bei weitem das Angebot. Dabei kann sich die Schweiz keiner besonders hohen Spendenbereitschaft rühmen. Allerdings gibt es gemäss einer Studie des Nationalfonds erhebliche Unterschiede: Im Tessin wurden dreimal so viele Organe gespendet als in der Deutschschweiz und doppelt so viele als in der französischen Schweiz. Damit gehört das Tessin, obwohl es keine (!) Widerspruchslösung praktiziert, zur europäischen Spitze, weit vor Österreich, das wegen seiner Widerspruchslösung als Vorbild hingestellt wird.

In dieser Situation ist eine Sache unstrittig, eine andere dagegen nicht. Unstrittig ist ein vitales Interesse, das Angebot an Spenderorganen kräftig zu erhöhen. Und dafür braucht man kein partikulares Interesse ins Spiel zu bringen, etwa eines von Transplantationsmedizinern. Denn hier liegt ein Allgemeininteresse vor. Dass man einem Patienten mit einem medizinisch berechtigten Wunsch auf ein Spenderorgan seinen Wunsch möglichst erfüllt, gebietet schon das erste hippokratische Gebot: «Salus aegroti suprema lex», «das Wohlergehen des Kranken sei oberstes Gesetz». Von dem behaupteten Verschonen der «Schweizer vor jedem Gedanken an eine Organspende» kann keine Rede sein.

Erfahrungen aus Brasilien oder Österreich reichen nicht

Die Fragen, wie man das Angebot am besten erhöhe, sind dagegen alles andere als unstrittig. Im Gegenteil, sie sind hoch kontrovers. Erste Frage: Welche Massnahmen entsprechen am ehesten unserer Rechtsordnung und ihren ethischen Grundsätzen wie dem Schutz der Menschenwürde und dem der Persönlichkeitsrechte? Derartige Grundsätze darf man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Zweite Frage: Welche Massnahmen versprechen in empirischer Hinsicht deutlichen Erfolg? Dazu eine Vorbemerkung: Die von einem Neoliberalismus mitgetragene Ökonomisierung unserer Lebenswelt wird heute zu Recht, wenn auch gelegentlich zu pauschal, kritisiert. In dieser Situation sollte man sich den im «Tages-Anzeiger» erwähnten Hinweis auf das «Sparpotenzial von einer Milliarde» schenken. Dies umso mehr, als die dabei erwähnten Nieren, die an der Börse «bis zu 30'000 Euro kosten», doch von Lebendspendern stammen können. Dann brauchen sie deren Zustimmung und dürfen ihnen gewiss nicht entnommen werden, weil kein Widerspruch vorliegt.

Die empirische Frage nach dem zu erwartenden Erfolg lässt sich nun weder durch den Verweis auf die negative Erfahrung mit der Widerspruchslösung in Brasilien noch mit der positiven Erfahrung in Österreich beantworten. Naturwissenschaftler, die gewohnt sind, nach Ursachen zu fragen, sollten nicht der NEK, sondern sich selbst Vereinfachung vorwerfen. Sie sollten sich eingestehen, dass hier die Kausalverhältnisse noch nicht einmal annähernd bekannt sind.

Wer nüchtern-seriös argumentiert, greift lieber auf unstrittig Bekanntes zurück, namentlich auf die hohe Spendenbereitschaft in der italofonen Schweiz: Warum bleibt man nicht im eigenen Land und überlegt sich, wieso die Spendenbereitschaft im Tessin so viel höher liegt? Wieso versucht man nicht, nach Massgabe der dortigen Erfahrungen die Spendenbereitschaft in der gesamten Schweiz signifikant zu erhöhen?

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