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Beim Alter schaut die Behörde weg

Die Mehrheit der minderjährigen Asylanten hat keine Papiere, trotzdem findet keine Altersüberprüfung statt.

Buben oder Männer? Unbegleitete minderjährige Asylsuchende im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen.
Buben oder Männer? Unbegleitete minderjährige Asylsuchende im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen.
Keystone

Im deutschen Kandel (Rheinland-Pfalz) wurde eine 15-jährige Schülerin erstochen, in Freiburg im Breisgau eine Studentin vergewaltigt und getötet. In beiden Fällen sind die Tatverdächtigen angeblich minderjährige Asylbewerber. Im Fall von Freiburg wurde im Laufe des Gerichtsverfahrens jedoch bekannt, dass der Täter nicht wie bei der Einreise nach Deutschland angegeben 17, sondern wohl 33 Jahre alt ist. Im Fall von Kandel bestehen erhebliche Zweifel an der Minderjährigkeit des Täters, hier wurde nun ein Altersgutachten angeordnet.

Dies hat in Deutschland eine breite Debatte darüber ausgelöst, ob die Behörden bei sogenannten unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern standardmässig medizinische Alterstests durchführen sollen. Aktuell stützen sich die deutschen Behörden auf die von den Asylbewerbern gemachten Altersangaben und prüfen in der Anhörung anhand gezielter Fragestellungen, ob das Alter mit den Angaben zu Biografie, Familie, Fluchtweg und Bildungsstand korrekt sein kann.

Minderjährige sind bessergestellt

Ähnlich gehen die Schweizer Migrationsbehörden vor. Die systematische forensische Altersbestimmung sei laut Asylgesetz nicht zulässig, heisst es beim Staatssekretariat für Migration (SEM). Nur in Verdachtsfällen könne ein Test angeordnet werden. Und dies, obwohl die Behörden bei der überwiegenden Mehrheit der UMA, wie die unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber im Behördenjargon heissen, nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Denn wie der Bundesrat in einer Interpellationsantwort schrieb, reisen 96 Prozent der UMA ohne Papiere ein. Seit 2004 kamen insgesamt 9700 von ihnen in die Schweiz, laut SEM-Statistik stammen die meisten aus Eritrea, Afghanistan oder Somalia, sind männlich und mit 16 bis 17 Jahren kurz vor der Volljährigkeit. Dabei wäre die Altersbestimmung wichtig. Zumal unbegleitete minderjährige Asylbewerber bevorzugt behandelt werden, gelten für sie doch Kinder- und Jugendschutzbedingungen. Konkret bedeutet dies etwa, dass Minderjährige in kleinen Wohngruppen oder bei Pflegeeltern statt wie Erwachsene in Asylzentren untergebracht werden müssen. Zudem werden sie entweder in der Regelschule und/oder in speziellen Integrations- und Förderkursen geschult. Das bedeutet erheblich höhere Kosten, als dies für erwachsene Asylbewerber der Fall ist.

Der Kanton Bern gab letztes Jahr über 5000 Franken pro UMA und Monat aus – das ist fast das Fünffache von dem, was der Bund den Kantonen für die Unterbringung und Betreuung von Asylbewerbern vergütet. Günstiger ist der Kanton St. Gallen: Dort kostet ein UMA pro Monat 3600 Franken. Die Luzerner schaffen es mit 2460 Franken. Allerdings fehlt wie üblich im Asylwesen auch hier die Gesamtsicht, weil die meisten Kantone die Kosten für die UMA nicht bekannt geben.

Auch wenn sie straffällig werden, gelten für UMA mildere Bestimmungen, weil sie nach dem Jugendstrafrecht beurteilt werden. Die Minderjährigkeit schützt zudem auch vor Abschiebung. Selbst wenn UMA kriminell werden, können sie nicht so einfach aus der Schweiz ausgewiesen werden. So müssen die Behörden erst abklären, ob sie in ihren Herkunftsländern Familie haben, zu der sie zurückkehren können. Laut SEM-Statistik wurden von 2007 bis 2017 gerade einmal 32 UMA in einen Dublinstaat, 96 in ihre Heimat und 20 in einen Drittstaat zurückgeführt. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum sind 1968 der angeblich Minderjährigen untergetaucht. Anders als in Deutschland ist es den UMA in der Schweiz jedoch seit 2014 nicht mehr erlaubt, ihre Verwandten nachzuholen.

Tests auf zwei Jahre genau

Es wäre keine Hexerei, das Alter der minderjährigen Asylbewerber zu überprüfen. Dafür stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Die bekannteste ist das Röntgen der Hand. Dabei lässt sich aufgrund des Grades der Verknöcherung der Handwurzelknochen auf das Alter einer Person schliessen. Allerdings ist dieser Reifungsprozess nicht bei jedem Menschen gleich. Auch kann die Entwicklungsgeschwindigkeit krankhaft verändert sein. Laut Experten gibt es beim durch die Röntgenmethode bestimmten Alter eine Fehlermarge von zwei Jahren. Das heisst, wenn die Messung ein Lebensalter von 18 Jahren ergibt, dann kann die Person zwischen 16 und 20 Jahre alt sein. Kritiker monieren denn auch, die Methode sei zu ungenau und tauge daher nicht.

Eine neue Methode ist die Untersuchung der Handknochen durch Ultraschall. Entwickelt wurde sie vom deutschen Fraunhofer-Institut, der grössten Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen in Europa. Mit dieser Methode lässt sich prüfen, ob sich die Wachstumsfugen der Handknochen vollständig geschlossen haben, ohne den Körper einer Strahlenbelastung auszusetzen. Zudem ist die Untersuchung mittels eines mobilen Gerätes möglich. Laut dem Fraunhofer-Institut soll das Messgerät zur Bekämpfung von grenzüberschreitendem Kinderhandel eingesetzt werden und wurde deshalb zur schnellen und mobilen Altersbestimmung konzipiert. Die Forscher stellten es letzten November auf der Medizin-Messe Medica in Düsseldorf vor. Das Handscanner-System ermögliche die Bestimmung der Volljährigkeit und könne nicht-invasiv und effizient ohne richterlichen Beschluss im Verdachtsfall angewendet werden, schreibt das Institut in einer Mitteilung.

Mehrheit machte falsche Angaben

Laut einem Bericht der deutschen Welt lässt sich das Alter eines jungen Menschen mittlerweile auch anhand einer Speichelprobe feststellen. Entwickelt hat die Methode der Genforscher Steve Horvath, Professor an der University of California in Los Angeles. Dabei geht es darum, Informationen im Erbgut zu analysieren, die sich, anders als die Sequenz der DNA, im Laufe des Lebens verändern. Zwar beträgt die Genaugikeit dieser Methode ebenfalls plus/minus zwei Jahre. Allerdings würde dies in vielen Fällen ausreichen: Wenn jemand behauptet 17 Jahre alt zu sein, und der Alterstest ergibt 22, dann wäre die Person mindestens 20 Jahre alt und damit erwachsen.

Dass sich eine Altersüberprüfung aufdrängt, zeigt auch die Erfahrung in anderen Ländern. So haben Alterstests per Röntgenaufnahme in Dänemark oder Norwegen gezeigt, dass die Mehrheit der überprüften angeblich Minderjährigen falsche Angaben gemacht hatte. Und: Seit Norwegen die routinemässige Alterskontrolle eingeführt hat, ging laut Medienberichten die Zahl der minderjährigen Asylanten markant zurück.

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