Ballone, Bratwürste, Bundesräte

Zwei Monate vor den Wahlen feiern FDP, SVP, Grüne und EDU die grosse Schlussoffensive. Die richtige Inszenierung war dabei wichtiger als Inhalte.

  • loading indicator

Über Konfetti müsste man nachdenken. Silbern oder golden, wie sie es bei den grossen Fernsehshows machen, beim WM-Finale oder bei jeder zweiten Wahlkampfveranstaltung in den USA. Viel fehlt beim Freisinn nicht mehr zur perfekten Inszenierung, zum perfekten Show-Wahlkampf. Statt Konfetti hatte die FDP Ballone, 700 weisse, 800 blaue, in drei Netzen an der Decke der Stadthalle von Sursee. Während Parteipräsident Philipp Müller entspannt die Showbühne entlangschlenderte und zum vierten Mal den Vergleich mit Mick Jagger, dem Sänger der Rolling Stones machte («Ich kann es immer noch kaum glauben. Diese Bühne! Diese vielen Menschen!»), kauerten Mitarbeiter des Generalsekretariats unter den Netzen, eine Schere in den Händen. Bis um 2 Uhr morgens hätten sie am Vortag diesen verdammten Ballone aufgeblasen, sagte der stolze Generalsekretär Samuel Lanz später.

Alles für den perfekten Wahlauftakt. Dass eines der drei Netze seinen Inhalt etwas zu früh über die beinahe 1500 Freisinnigen in Sursee ergoss – geschenkt. Das Bild hatte Kraft. Im Hintergrund dröhnte pathetisch irgendein Motivationssoundtrack aus den Boxen, vorne stand Philipp Müller, umrahmt von den Bundesräten Johann Schneider-Ammann und Didier Burkhalter, und winkte in die Menge. Die Ballone flogen kreuz und quer, Burkhalter bewies bei ein paar Auskicken eine beneidenswerte Schusshaltung, Schneider-Ammann eher weniger.

«Jetzt gilt es zu kämpfen!»

Wahlen werden mit dem Herzen gewonnen, mit Emotionen, hatte Müller zuvor auf der Bühne in den Saal gerufen. «Lasst euch nicht beirren von den guten Resultaten in den Kantonen, von den Umfragewerte. Es ist noch nicht gelaufen. Jetzt gilt es zu kämpfen!»

Gegen wen der Freisinn zu kämpfen habe, daran liess Müller keinen Zweifel. Einmal mehr teilte der Parteipräsident gegen die Sozialdemokraten aus. Frei nach Churchill: Kapitalismus verteile das Kapital ungleich, Sozialismus verteile die Armut gleichermassen. Und frei nach Franz Josef Strauss: «Irren ist menschlich. Immer irren ist sozialdemokratisch.» Man wolle keine sozialistische Schweiz, keine «levratische» Schweiz. «Wir wollen eine freie Schweiz!»

Witze über Schneider-Ammann

Soviel Politik war an diesem heiteren Nachmittag. Den weitaus längsten Auftritt bei der FDP hatte Komiker Fabian Unteregger, der sich über die politische Konkurrenz aber mehr noch über den Freisinn selber lustig machte. Über Didier Burkhalter, den «Schweizer des Haares» und über Johann Schneider-Ammann, der an den Solothurner Literaturtagen einen Spezialpreis erhalten werde, weil er mit einem Satz ein ganzes Buch füllen könne. «Es gibt bald eine neue Langenscheidt-Ausgabe», scherzte Unteregger, «Deutsch-Schneider-Ammann, Schneider-Ammann-Deutsch».

Etwas mehr als eine Stunde dauerte der offizielle Teil der freisinnigen Schlussmobilisierung. Danach, vor der Halle, begann der offiziell gemütliche Teil. Kostenlose Bratwürste, Kinderschminken, Hüpfburg, Jodlerchörli. Alles wie beim Wahlkampfauftakt vor einem Jahr in Zug, an dem sich die FDP zum ersten Mal als Volkspartei inszeniert hatte. Der aktuelle Anlass war noch eine Spur ausgefeilter, professioneller. Und er hatte einen sinnigen Abschluss: ein Ballonwettbewerb.

SVP auf dem Luzisteig

Nicht nur die FDP feierte diesen Samstag den Auftakt zum Schlussspurt. Auf der St. Luzisteig bei Maienfeld im Kanton Graubünden versammelten sich rund 800 Mitglieder der SVP zum grossen Wahlfest. Auch hier: Musik, Unterhaltung, Inszenierung. Dazu Ansprachen der Schwergewichte in der Partei. Christoph Blocher bezeichnete in seiner Rede das Jahr 2015 als Schicksalsjahr für die Schweiz. Das linke Parlament und der linke Bundesrat führten die Schweiz auf einen landesverräterischen Irrweg. Nur die SVP könne dieses Treiben stoppen. «Die SVP ist noch die einzige Partei, die gegen den EU-Anschluss und für Unabhängigkeit, Freiheit, Volksrechte, Neutralität und den freiheitlichen Rechtsstaat kämpft», sagte Blocher laut Redentext. Parteipräsident Toni Brunner präsentierte ein Wahlversprechen, das die Kandidaten der SVP ablegen müssen. Darin die bekannten Punkte: Kein Anschluss an die EU und keine Anerkennung von «fremden Richtern», Begrenzung der Zuwanderung, die Ausschiffung von kriminellen Ausländern und den Kampf gegen «Missbräuche im Asylwesen».

Grüne in Schaffhausen

Ganz anders tönte es in Schaffhausen, wo sich die Grünen zur Delegiertenversammlung trafen. Co-Präsidentin Regula Rytz warnte vor den populistischen Rezepten der bürgerlichen Parteien – gerade im Asylwesen. «Es gibt keine Asylkrise in der Schweiz, es gibt eine Krise der weltweiten Gerechtigkeit», sagte sie. Eine Welt, in der viele nichts mehr zu verlieren hätten, sei eine sehr gefährliche Welt. Neben der Migrationsfrage beschäftigten sich die Grünen auch mit Wirtschaftspolitik und verabschiedeten eine Resolution zu «grünen Wegen aus der Franken- und Ressourcenkrise». Um den Wirtschafts- und Industriestandort zu stärken, brauche es eine Stabilisierung des Frankens durch ein verbindliches Währungsziel sowie einen ökologischen und technischen Innovationsschub.

Die EDU auf dem Bauernhof

Die vierte Partei, die diesem Samstag in die Schlussphase Wahlkampfs startete, war die EDU. Auf einem Bauernhof in Huttwil (BE) orientierte die EDU über die Kinderadoption für gleichgeschlechtliche Paare (die sie selbstredend ablehnt) und ihre Nationalratskandidaturen (die EDU tritt in zwölf Kantonen an). Danach feierte sie bei Brassband-Musik das 40-Jahr-Jubiläum der Partei. Mit Grilladen, Salatbuffet und Glacestand. Aber wahrscheinlich auch ohne Konfetti.

Mit Material der SDA.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt