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Ausgebrannt im Klassenzimmer

Eine bisher unveröffentlichte Studie aus Zürich zeigt: Mindestens jede zehnte Lehrkraft ist stark Burn-out-gefährdet. Selbst Polizisten fühlen sich durch ihre Arbeit weniger stark belastet.

Primarschüler 1959 in Trogen AR. Seither hat die Belastung stetig zugenommen. Foto: Keystone/Fotostiftung Schweiz
Primarschüler 1959 in Trogen AR. Seither hat die Belastung stetig zugenommen. Foto: Keystone/Fotostiftung Schweiz

Als Jürg Brühlmann, Geschäftsleitungsmitglied des Schweizerischen Lehrerverbands, vor 50 Jahren zur Schule ging, las sein Lehrer während des Unterrichts die Zeitung. Damit er die Schüler, die still Aufgaben lösen mussten, dennoch beobachten und wenn nötig massregeln konnte, hatte der Lehrer ein Loch in die Zeitung geschnitten. Die Schüler standen vor einem Rätsel: Wie konnte der Lehrer trotz der grossen Zeitung vor dem Gesicht jede Bewegung im Klassenzimmer registrieren? Sie schrieben dem autoritären Mann magische, übermenschliche Fähigkeiten zu. Der Respekt vor ihm war gross.

Diese Geschichte wäre in den heutigen Klassenzimmern undenkbar. «Die Unterrichtsformen sind viel anspruchsvoller geworden, und das Verhalten der Kinder hat sich stark verändert», sagt Brühlmann. Auch ist die Liste der jüngsten Reformen lang: Zusätzlicher Fremdsprachenunterricht in der Primarschule, die Integration von Sonderschülern in Regelklassen, das Schulharmonisierungskonkordat Harmos oder der neue Lehrplan 21 sind nur ein paar Beispiele. Immer wieder reagieren Lehrkräfte auf die verschiedenen Herausforderungen ihres Berufs mit Erschöpfung und sind ausgebrannt, lassen sich deswegen krankschreiben. «Burn-out» steht dann häufig auf dem ärztlichen Attest.

Teure Ausfälle

Durch die krankheitsbedingten Ausfälle entstehen an verschiedenen Stellen beträchtliche Kosten, wie Daniel Frey, ­Mediziner und Ex-Direktor der Stadtzürcher Schulgesundheitsdienste, sagt. Weil Burn-out als Diagnose nirgendwo systematisch erfasst wird, fehlen genaue Zahlen. Verfügbar ist die Zahl der IV-Frühpensionierungen von 2009 bis 2013: Gemäss Frey liessen sich in der Stadt Zürich in der Zeit 43 Lehrpersonen invaliditätsbedingt frühpensionieren. Dadurch gingen nach seinen Schätzungen über 400 Arbeitsjahre verloren, und es entstanden IV-Kosten in Millionenhöhe. Mindestens die Hälfte dieser Frühpensionierungen erfolgte aus psychischen Gründen.

Mediziner Frey hat im vergangenen Jahr eine Studie zum Thema Arbeit und Gesundheit unter den Stadtzürcher Lehrern geleitet. Die bisher unveröffentlichten Ergebnisse zeigen: Den meisten Lehrern geht es grundsätzlich gut. Aber: Mindestens jede zehnte Lehrkraft weist so starke emotionale Erschöpfungszeichen auf, dass das Risiko eines Burn-outs beträchtlich ist. 40 Prozent der befragten rund 1000 Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer der Volksschule gaben an, sie seien eher oder stark psychisch belastet. Weil gleichzeitig über 11'000 andere Verwaltungsangestellte befragt wurden, ist erstmals in der Schweiz ein Vergleich zwischen dem Burn-out-Risiko der Lehrer und anderer Berufe möglich. «Selbst Polizisten oder das medizinische Pflegepersonal fühlen sich im Durchschnitt weniger ausgelaugt als die Lehrer», sagt Frey, der heute als Gesundheitsexperte tätig ist. Das habe sicher auch damit zu tun, dass der Polizeiberuf eine Männerdomäne sei und Männer bei Befragungen generell weniger über psychische Probleme sprächen. Für den Lehrerberuf sei es allerdings auch nötig, einfühlsam zu sein.

Die Belastung zeigt sich auch bei den körperlichen Beschwerden: Jede vierte Klassenlehrkraft berichtet von einer ­«Erschöpfung und Energielosigkeit», beim Verwaltungspersonal beträgt dieser Anteil knapp 17 Prozent. Frey rechnet vor: «Hochgerechnet fühlen sich 10 Prozent von rund 2000 Klassenlehrkräften in Zürich nach der Arbeit ausgelaugt und psychisch stark belastet. Wenn man davon ausgeht, dass jeder dieser 200 Lehrer eine Klasse à 20 Schüler unterrichtet, dann werden allein in Zürich 4000 Kinder von solchen Lehrkräften unterrichtet.»

Schülerbeziehung in Gefahr

Für Frey sind diese Zahlen alarmierend. «Es ist ein grosser Unterschied, ob ein Lehrer oder ein Steuerberater ein Burn-out hat», sagt er. Denn Lehrer sei ein Beziehungsberuf. Eine gute Beziehung zwischen Schülern und Lehrer sei die Basis für erfolgreiches Lernen und Erziehen.

Die Zürcher Befunde bestätigen die bisherigen Burn-out-Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz. Im Kanton Basel-Stadt litt 2001 fast jede dritte Lehrperson unter emotionalen Erschöpfungszuständen, im Thurgau berichtete 2006 jede vierte befragte Primarlehrkraft davon. Im Herbst wird die erste gesamtschweizerisch repräsentative Studie zu dem Thema veröffentlicht. Studienleiterin Doris Kunz Heim von der Pädagogischen Hochschule FHNW verrät noch keine Ergebnisse, sagt aber: «Ein Teil der Lehrpersonen steht unter grossem Druck.» Verschiedene Kantone reagieren bereits und organisieren Weiterbildungen zur Burn-out-Prävention. Ein Westschweizer Kanton hat beim Arbeitsmedizinischen Institut in Lausanne eine Untersuchung in Auftrag gegeben, weil sich die psychischen Krankschreibungen der Lehrer derart häuften.

Dem Schweizerischen Lehrerverband (LCH) reicht dies nicht. An der Delegiertenversammlung von heute in Basel steht das Thema Burn-out zuoberst auf der Traktandenliste. «Wir wollen, dass die Behörden endlich Verantwortung übernehmen», sagt Brühlmann. Heute würden die Lehrkräfte mit den gesundheitlichen Problemen oft allein gelassen. Es werde erwartet, dass sie sich selbstständig um Prävention bemühten. Dies, obwohl das Burn-out-Phänomen den Staat viel Geld koste und auch den Kindern schade. Als Erstes wird der LCH eine arbeitsmedizinische Studie in Auftrag geben. «Wir wollen genau abklären: Was bedeutet es für die Gesundheit einer Lehrperson, wenn diese in einem zu kleinen Schulzimmer bei schlechter Luft und hoher Lärmbelastung täglich mehrere Stunden voll präsent sein muss?», sagt Brühlmann. Sobald der LCH über vertiefte Befunde verfügt, will er politische Forderungen an die kantonalen Erziehungsdirektoren stellen. Zum Beispiel könnten die Lehrer eine Reduktion der Unterrichtspensen verlangen.

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