Auf die Nichtwähler, fertig, los!

In der Schweiz sind die Nichtwähler in der Mehrheit. Die Parteien träumen vom brachliegenden Wählerpotenzial. Doch so einfach ist das nicht.

Die zweitgrösste Fraktion der ­Nichtwähler findet Politik zu ­kompliziert. Sie bezeichnet sich als schlecht informiert.

Die zweitgrösste Fraktion der ­Nichtwähler findet Politik zu ­kompliziert. Sie bezeichnet sich als schlecht informiert.

Balz Stückelberger

Ende der Achtzigerjahre schaffte es ein gewisser «Tiao» bei der Wahl zum Bürgermeister von Rio de Janeiro auf den dritten Platz bei zwölf Kandidaten. 400'000 Stimmen konnte er für sich verbuchen. Ein respektables Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Tiao ein Schimpanse aus dem städtischen Zoo war. Eine Protestbewegung empfahl ihn zur Wahl, weil er die Angewohnheit hatte, seinen eigenen Kot auf die Besucher zu schmeissen – eine Handlung, die dem Gehabe von Politikern offenbar sehr nahe kam.

Die Protestwahl als Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem politischen System ist aber selten. Viel häufiger sind Protest-Nichtwahlen. Befragungen zeigen, dass die Wahlabstinenz vor allem mit mangelndem Vertrauen in die Politik zu tun hat: In Frankreich zum Beispiel, wo der Nichtwähleranteil in den Banlieues gegen 70 Prozent beträgt, weil die Menschen dort jegliches Vertrauen in den Staat verloren haben. Oder in Deutschland, wo die meisten Nichtwähler angeben, die Schnauze voll zu haben von Politikern, die ohnehin nur an sich und ihre Partei denken und den Kontakt zum «Volk» längst verloren haben.

Stimmbeteiligung gesunken

Und in der Schweiz? Hier sind die Nichtwähler mittlerweile in der Mehrheit. Die durchschnittliche Stimm­beteiligung sank in den letzten Jahren auf magere 45 Prozent. Haben wir also 2,5 Millionen frustrierte und vom Leben enttäuschte Politikhasser unter uns, die schon bald mit einer gelben Weste durch die Strassen ziehen?

Nein, sagt eine Studie der Uni Bern. Die Schweizer Nichtwähler ticken anders. Die grösste Gruppe dieser politisch passiven Population ist nämlich schlicht und einfach zufrieden. Man findet es ganz o.k., wie es so läuft, und muss deshalb nicht auch noch seinen Senf in die Urne geben. Diese Gruppe wird übrigens als überdurchschnittlich interessiert und gut situiert charakterisiert.

Die zweitgrösste Fraktion der ­Nichtwähler findet Politik zu ­kompliziert. Sie bezeichnet sich als schlecht informiert und ist bildungsmässig weniger gut gestellt. Und dann gibt es noch die kleine Gruppe der wirklich Politikverdrossenen, die einfach alles doof finden. Sie gehören zur «die da oben machen ja sowieso, was sie wollen»-Fraktion.

Fragliche Strategie zur Wählerbindung

Das Problem der Nichtwähler ist in der Schweiz also nicht so virulent. Dennoch träumen alle Wahlstrategen vom brachliegenden Wählerpotenzial der Abstinenten. Doch auf welche Untergruppe soll man sich stürzen? Auf die Politikverdrossenen? Eher nein, da ist der Aufwand viel zu gross. Auf die weniger gut Informierten? Vielleicht. Um sie kümmern sich Parteien mit Extrempositionen, weil man dort mit einfachen Botschaften und süffigen Versprechen punkten kann. Die Nachhaltigkeit dieser Art der Wählerbindung ist allerdings fraglich. Wirklich interessant sind die vielen Zufriedenen und gut Informierten. Gleichzeitig sind sie aber auch am schwierigsten zu erreichen, weil die klassische Wahlwerbung mit Plakaten und Inseraten bei ihnen keinen ­Wahlimpuls auslöst. Sie sind halt anspruchsvoller und reagieren auf persönliche Ansprache. Das ist zwar unheimlich aufwendig, aber sehr effizient.

Die Erfahrungen aus den USA und neu auch aus dem Kanton Zürich zeigen, dass sich persönliche Ansprachen direkt auf den Wahlerfolg auswirken. Deshalb telefonieren die einen ganze Telefonbücher durch, während andere in bester Missionars-Manier von Tür zu Tür gehen. So wie ich, trotz anfänglicher Skepsis. Wer will denn schon am Samstagmorgen einen Politiker im Vorgarten stehen sehen? Doch siehe da: Bisher stiessen wir ausschliesslich auf Interesse und Wohlwollen. Oder sagen wirs mal so: Es gab weder Beschimpfungen noch fliegende Tomaten.

Entscheidung fällt an der Front

Und oben drauf erhielten wir die Bestätigung der These, dass viele Nichtwähler über bestes Politik­verständnis und eine klare Meinung verfügen. Nach dem Talk an der ­Haustüre konnten sich die meisten vorstellen, wieder mal an der Urne vorbeizuschauen.

Wenn also in diesen Tagen wieder alle Laternenmasten mit Plakaten von wahnsinnig kompetenten, lösungsorientierten und dynamischen Politikerinnen und Politikern vollgehängt werden, dann ist das nur ein Nebenschauplatz. Darauf achtet eh nur, wer sowieso zur Urne geht. Die Entscheidung um die ersehnten Zusatz­prozente fällt an der Eröffnung des Gartencenters, am Jubiläum des Mundharmonika-Vereins oder eben an der Haustüre. Im Einzelabrieb an der Front. Deshalb heisst es ja Wahlkampf.

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