Auch SVP-Urgestein Reimann kehrt der Partei den Rücken

Nach 32 Jahren als SVP-Parlamentarier wird Maximilian Reimann seiner Partei abtrünnig. Im Oktober konkurrenziert er sie mit einer eigenen Wahlliste.

Langzeitparlamentarier Maximilian Reimann. Foto: Keystone

Langzeitparlamentarier Maximilian Reimann. Foto: Keystone

Markus Häfliger@M_Haefliger

Franziska Roth ist nicht die Einzige: Kurz nach dem Parteiaustritt der Aargauer Regierungsrätin wird jetzt bekannt, dass auch Maximilian Reimann faktisch mit der SVP Aargau bricht. «Ich gehe bis nach den eidgenössischen Wahlen parteimitgliedschaftsmässig im Aargau in den Ausstand», schreibt der Nationalrat in einer E-Mail an mehrere SVP-Politiker, die dieser Zeitung vorliegt.

Der Auslöser für Reimanns Ankündigung sind die kommenden eidgenössischen Wahlen. Reimann ist seit 32 Jahren ununterbrochen National- oder Ständerat. Damit ist er (nach SP-Ständerat Paul Rechsteiner) der am zweitlängsten amtierende Bundespolitiker überhaupt. Trotzdem will er im Oktober als 77-Jähriger nochmals antreten.

In der SVP Aargau gilt Reimann jedoch seit Jahren als überfällig. 2017 hat der Kantonalvorstand die Hürden für Langzeitpolitiker wie ihn erhöht: Nach 16 Amtsjahren braucht es für eine nochmalige Nominierung neu eine Zweidrittelmehrheit am Parteitag. Dieses Prozedere sei «willkürlich», kritisiert Reimann, darum habe er auf eine erneute Kandidatur für die SVP verzichtet – doch nicht auf eine Kandidatur überhaupt.

Nun hat Reimann mit fünf weiteren Kandidaten eine eigene Wahlliste namens Team 65+ gebildet. Deshalb trete er in den Ausstand bei SVP-Veranstaltungen. «Sonst heisst es noch, ich betreibe Wahlkampf-Spionage.»

Bekanntheitsbonus bei Senioren

Für die SVP Aargau verschärft Reimanns Sezession die Probleme, die sie ohnehin schon hat. 2015 eroberte sie einen siebten Sitz (von 16), aber nur knapp. Angesichts ihrer schweizweiten Schwächephase wird es für sie ohnehin schwierig bis unwahrscheinlich, alle sieben Sitze zu verteidigen.

Das Team 65+ dürfte sie nun weitere wichtige Stimmen kosten, denn die Liste ist nicht chancenlos: Reimann selbst geniesst bei älteren Wählern einen Bekanntheitsbonus als früherer Fernsehansager. Im Aargau hat er immer gute Wahlresultate erzielt. Bei der Stimmenjagd hilft ihm als Mitkandidatin zudem die prominente Pfarrerin Claudia Bandixen, die Direktorin von Mission 21 und Ex-Präsidentin der Aargauer Landeskirche.

Offiziell reagiert die SVP gelassen. Ob das Team 65+ ihr Stimmen wegnehme, werde von den Listenverbindungen abhängen, sagt SVP-Parteisekretär Pascal Furer. Doch Reimann und seine Mitstreiter schliessen eine Verbindung mit der SVP oder einer anderen einzelnen Partei schon jetzt kategorisch aus. Infrage komme allenfalls eine Allianz mit mehreren bürgerlichen Parteien. Damit könnten Reimanns Stimmen am Ende auch der FDP oder CVP zugutekommen und nicht der SVP.

Bleibt er SVP-Mitglied?

SVP-Politiker finden darum wenig freundliche Worte über Reimanns Sonderzug: Er handle antidemokratisch, weil er sich nicht einmal dem Entscheid des Parteitags gestellt habe. «Wenn eine Partei willkürlich eine Altersguillotine einführt, muss sie damit rechnen, dass die älteren Semester dies nicht einfach so mit sich machen lassen», sagt dazu Reimann. Das Team 65+ sei keine Konkurrenz zu irgendjemandem. Vielmehr setze es sich ein für die «vernachlässigten Seniorenjahrgänge». In einer Volkskammer müsse das Volk auch altersmässig abgebildet sein.

Wie es mit seiner SVP-Mitgliedschaft nach den Wahlen weitergeht, lässt Reimann offen. Angesichts des Konflikts um Regierungsrätin Roth sei er jedenfalls nicht unglücklich, derzeit nicht an SVP-Versammlungen gehen zu müssen, so Reimann. Dass sich der Kantonalpräsident für Roths Nomination entschuldigt habe, «dafür habe ich kein Verständnis».

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt