Arbeitsgesetz – endlich zeitgemäss denken

Seit langer Zeit versuchen wirtschaftsnahe Parlamentarier mit verschiedenen Vorstössen überholte Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung im Arbeitsgesetz zu lockern.

Ein Arbeitnehmer erfasst seine Arbeitszeit.

Ein Arbeitnehmer erfasst seine Arbeitszeit.

(Bild: Marc Dahinden)

Barbara Gutzwiller@arbeitgeberbasl

Unser Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel, das Arbeitsgesetz, stammt aus dem Jahr 1964. Es löste das Bundes-Fabrikgesetz ab, das seit 1877 die kantonalen Fabrikgesetze ersetzt hatte. Zwar führte 1998 eine Revision zu etwas mehr Flexibilität; das Arbeitsgesetz verkörpert aber nach wie vor sehr stark den Geist des Industriezeitalters und entspricht je länger, je weniger den Bedürfnissen unserer modernen Dienstleistungsgesellschaft.

Seit Jahren versuchen deshalb wirtschaftsnahe Parlamentarier mit verschiedenen Vorstössen, die überholten und praxisfremden Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung im Arbeitsgesetz zu lockern oder für bestimmte Angestelltengruppen ganz abzuschaffen.

Es geht dabei nicht darum, den Schutz von Menschen in den klassischen Produktionsprozessen aufzuweichen. Vielmehr sollen einzig und allein für Vorgesetzte und Fachspezialisten mit mindestens 120000 Franken Jahreslohn und/oder Hochschulabschluss Neuerungen in Bezug auf die Lage, Gestaltung und Erfassung ihrer Arbeitszeit ermöglicht werden.

Diese Gruppe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gehört naturgemäss nicht zur Klientel der Gewerkschaften. Trotzdem schiessen diese seit Monaten aus allen Rohren und behaupten, solche flexiblen Arbeitszeitregelungen seien extrem gefährlich. Wenn die Arbeitgeber davon entlastet würden, die Arbeitszeit aller ihrer Mitarbeiter minutiös zu erfassen, führe dies zwangsläufig zu Stress und Burnout des Personals.

Schützenhilfe erhalten die Arbeit­nehmerorganisationen von Arbeitsmedizinern, der kirchlich dominierten Sonntagsallianz und von Arbeits­inspektoren. Die gemeinsame ­Befürchtung dieser Gruppierungen liegt auf der Hand: der Verlust ihrer Einflussmöglichkeit auf diejenigen Arbeitnehmer, die ihre Arbeitszeit freier gestalten können.

Die Gegner der Flexibilisierung argumentieren einseitig und inkonsequent. Zahlreiche Arbeitnehmer-Befragungen zeigen nämlich, dass eine flexible Arbeitszeitgestaltung sehr geschätzt beziehungsweise dort häufig als Wunsch genannt wird, wo sie noch nicht realisiert ist. Mitarbeiter, die sich ihre Arbeit freier einteilen können, fühlen sich deutlich weniger unter Druck gesetzt. Auffallend häufig geben sie an, die Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Pflichten werde durch mehr Flexibilität erleichtert.

Genau diese Vereinbarkeit verlangen aber manchmal auch die Gewerkschaften – beispielsweise, wenn es um den Fachkräftemangel geht. Während sie also einerseits von den Arbeit­gebern Flexibilität fordern, damit insbesondere auch die Frauen ihre Karriere einfacher mit der Familie kombinieren können, behaupten sie andererseits ernsthaft, nur mit dem heutigen, antiquierten Arbeitsgesetz könne die körperliche und geistige Gesundheit der Angestellten erhalten werden. Sie trauen den Arbeit­nehmern also nicht zu, eigenverantwortlich Arbeits- und Freizeit von­einander zu trennen. Tatsächlich ist diese Trennung – gerade in der heutigen vernetzten Welt – anspruchsvoll. Sie hängt aber nicht ab von überholten Gesetzesvorschriften.

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