Alles wieder kuschlig

Die Zukunft der Republik hängt am Schicksal eines einzigen Mannes. Gross ist die Erleichterung der deutschen Intelligenz, dass Jan Böhmermann bei seinem ersten Auftritt nach dem Schmähgedicht wieder Böhmermann ist.

«Ich halt mich da raus»: Jan Böhmermann während seiner ersten Sendung nach der Schmähkritik-Affäre.

«Ich halt mich da raus»: Jan Böhmermann während seiner ersten Sendung nach der Schmähkritik-Affäre.

(Bild: Screenshot «Neo Magazin Royale»)

Philipp Loser@philipploser

Was tun, wenn plötzlich alle (wirklich alle) zuschauen? Was bringen, wenn dein letzter Auftritt eine mittlere Staatskrise ausgelöst hat? Kann da überhaupt noch etwas kommen?

Man wäre gerne dabei gewesen, bei den letzten Redaktionssitzungen des «Neo Magazin Royale» von Jan Böhmermann. Jenen Sitzungen, in denen Sendung Nummer 1 nach der Erdogan-Schmähkritik-Implosion geplant wurde. Man wäre auch gerne dabei gewesen bei den letzten Redaktionssitzungen in den Kulturabteilungen der führenden deutschen Medien. Der «Süddeutschen», der «Zeit», wo Böhmermann sich zum ersten Mal nach dem Schmähgedicht öffentlich geäussert hatte, des «Spiegels» oder der FAZ. Über Wochen wurden dort, im Feuilleton, Böhmermann, die Anzeige aus der Türkei, die Rolle von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die medienwissenschaftliche Bedeutung der Affäre (meta!) und die Zukunft der Republik debattiert.

Ein schwaches Flimmern

Die erste Sendung nach der vierwöchigen Pause wurde darum förmlich herbeigesehnt als Abschluss einer Affäre, als Versöhnung mit dem grossen Ganzen. Und so wurde sie denn auch gesehen, die erste Sendung danach, in der Böhmermann den türkischen Präsidenten nur als schwaches Flimmern mitlaufen liess und sich stattdessen der – nicht unbekannten – Schmuddelpraktiken von Schmuddelsender RTL annahm. Böhmermann jubelte der Sendung «Schwiegertochter gesucht» schon vor Wochen zwei gefälschte Kandidaten unter und illustrierte damit die Vorliebe von Privatsendern für das Demütigen von minderbemittelten Menschen. Das war nicht hohe Politik, nicht das – mancherorts ebenso herbeigesehnte – moralische Bekenntnis, die grosse Geste. Stattdessen: «Ich halte mich da raus. Ich will nichts mit dem zu tun haben.» Ein Kollege auf der eigenen Kulturredaktion formuliert es so: Mit dem Stück gegen das Unterschichtenfernsehen und seine Methoden zieht sich Böhmermann in die linksliberale Komfortzone zurück. Und holt sich sicheren Applaus seiner Fans ab.

Von dieser – berechtigten – Skepsis ist in der Rezeption der deutschen Intelligenz wenig zu spüren. Die «Zeit» ortet zwar einen «kleinen Beigeschmack», dass das Stück über «Schwiegertochter gesucht» just nach der Erdogan-Sendung kommt und mit etwas «zu viel moralischer Überlegenheit» vorgetragen wird. Aber: «Böhmermann hat geschafft, was ihm in den vergangenen Wochen, in denen er nur Objekt der Berichterstattung war, verwehrt blieb. Er zieht die Strippen und dirigiert die Erregungsgesellschaft.» In der «Süddeutschen» spürt man die Erleichterung des Autors, dass jetzt alles wieder gut ist: «War was? So heisst die 45. Ausgabe von Böhmermanns Late-Night-Show. Und alles ist – im besten Sinne des Wortes – wie immer», heisst es da, bevor man sich dem «grossartigen Coup» von Böhmermann zuwendet. Auch bei der FAZ und bei «Bento», dem jungen Ableger des «Spiegels», ist das Aufatmen gross. «War da eigentlich was? Das ‹Neo Magazin Royale› mit Jan Böhmermann macht da weiter, wo es aufgehört hatte. Vielleicht mit ein paar mehr Zuschauern als vorher», heisst es bei «Bento». Selbst die konservative FAZ verteilt gute Noten. «Böhmermann setzt nicht auf flaue Witze über einen Despoten, sondern auf seine Paradedisziplin, den ‹Fake›, schaltet aber einen Gang zurück, womit die Sache viel mehr Geschwindigkeit bekommt.»

Spezialeinsatzkommando

Okay. Und was ist nun davon zu halten? Was haben wir erwartet? Was wurde geliefert? Warum sind die Besprechungen im deutschen Feuilleton zwar freundlich, aber nicht so hymnisch wie sonst?

In einem Interview vor der Sendung hatte sich Böhmermann als «Spezialeinsatzkommando» bezeichnet. «Ich trete die Tür ein, und die Leute müssen selbst schauen, was dahinter ist.» Was dahinter ist? Wir wissen es immer noch nicht. Und das ist wahrscheinlich der Punkt: die zumindest leicht enttäuschte Sehnsucht des – zugegeben – linksliberalen Publikums, wenn ihm jemand wie Böhmermann halt doch nicht die Welt, sondern nur die Praktiken eines dubiosen Privatsenders erklären kann.

baz.ch/Newsnet

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