Alles auf Cassis

Der Vorstand der Tessiner Freisinnigen schlägt eine Einerkandidatur vor. Damit steigen die Chancen für eine Wahl von Ignazio Cassis in den Bundesrat.

Soll die Nachfolge von Didier Burkhalter antreten: Ignazio Cassis. (Video: Tamedia/SDA)
Philipp Loser@philipploser

Ignazio Cassis soll also Bundesrat werden. So möchte er es, und so möchte es der Vorstand der Tessiner FDP. Dieser schlägt den freisinnigen Delegierten eine Einerkandidatur Cassis vor. Das kommt nicht von ungefähr: Seit der Rücktrittsankündigung von Didier Burkhalter arbeiten entscheidende Kräfte in der Tessiner FDP auf eine Einerkandidatur hin. Nur so, sagte beispielsweise der ehemalige Parteipräsident Fulvio Pelli mehrfach, habe eine Tessiner Kandidatur eine echte Chance.

Dass Pelli dabei immer nur einen Namen im Kopf hatte, war offensichtlich: Ignazio Cassis. Der FDP-Fraktionschef galt im Moment der Ankündigung von Burkhalter als Kronfavorit für dessen Nachfolge. In der Öffentlichkeit hat Cassis zum Thema stets geschwiegen. Bis heute: An einer Medienkonferenz der Tessiner FDP in Camorino bei Bellinzona kündigte Cassis an, für den Bundesrat kandidieren zu wollen. «Ich trete an, weil ich dieses Land liebe», sagte Cassis. «Das tönt zwar banal. Doch es ist die Wahrheit.» Er wolle dem Land dienen, er wolle mithelfen, Lösungen zu finden.

Gute Ausgangslage

Seine Ambitionen auf das Amt der Regierung sind schon länger bekannt. Nun hat Cassis offensichtlich den vergangenen Monat genutzt, um seine eigene Ausgangslage innerhalb der Tessiner FDP zu verbessern. Die Chancen auf eine tatsächliche Wahl eines Tessiner Kandidaten sei mit einer Einerkandidatur am grössten, begründete FDP-Präsident Bixio Caprara vor den Medien. Caprara rechnet mit einem Zweier-Ticket der Bundeshausfraktion – mit einem Vertreter der Romandie und einem Vertreter der italienischsprechenden Schweiz. «Und bei dieser Ausgangslage hat Ignazio Cassis die mit Abstand grössten Chancen, gewählt zu werden.»

An der Pressekonferenz der Tessiner Freisinnigen wurde erneut das Engagement von Cassis für den Krankenkassen-Verband Curafutura, für dessen Präsidium er 180'000 Franken im Jahr erhält. Im Tessin kennt man Cassis deshalb auch unter dem Übernamen «Krankencassis», den ihm die auflagenstarke Lega-Zeitung «Il Mattino» regelmässig anhängt. Vor den Medien verteidigte Cassis sein Engagement: Als Arzt seien seine beruflichen Verbindungen ins Gesundheitswesen immer transparent gewesen. Ein Lobbyist zu sein, sei nichts Verwerfliches.

Cassis aussichtsreichsten Gegner innerhalb der Partei und des Kantons sind die ehemalige Regierungsrätin Laura Sadis und der amtierende Wirtschafts- und Finanzdirektor Christian Vitta, die beide in den Medien Interesse an einer Kandidatur geäussert hatten. FDP-Präsident Caprara dankte den beiden vor den Medien für das Verständnis für den Entscheid des Vorstands. Allerdings ist auch nach diesem Entscheid das Rennen weder für Sadis noch für Vitta vorbei. Definitiv wird die Tessiner FDP erst am 1. August an ihrer Delegiertenversammlung über die Kandidatur entscheiden. Und dort sind Überraschungen durchaus möglich.

Ohne Überraschungen

Es wäre die erste Überraschung eines an Überraschungen bisher äusserst armen Kampfs um den Sitz von Didier Burkhalter. Zwar mehren sich Stimmen wie jene des neuen GLP-Präsidenten Jürg Grossen, der in einem Interview mit dem «Blick» einen grösseren Wert auf das Geschlecht der neuen Bundesrätin Wert legt als auf deren Herkunft. Auch Regula Rytz, Präsidentin der Grünen, und SP-Präsident Christian Levrat wünschen sich eine Frauenkandidatur. Allerdings lassen diese Wortmeldungen das Gefühl zurück, es gehe den linken Vertretern nicht in erster Linie um eine Frau im Bundesrat – sondern um eine Figur, die sich möglichst ebenso weit am linken Rand des Freisinns bewegt wie das Didier Burkhalter tut.

Ignazio Cassis steht rechts von Burkhalter - gerade in Europa- und wirtschaftsliberalen Themen. Cassis Positionierung ist auch ein Ergebnis seiner zehn Jahre im Bundeshaus. Der Fraktionschef begann eher links und hat sich dann nach rechts bewegt.

Für seine Kandidatur kann das nur ein Vorteil sein: Sollte Cassis auch von seiner Fraktion nominiert werden, hat er die Stimmen der rechten Ratshälfte auf sicher. Und das weiss (und hofft man) auch im Tessin.

baz.ch/Newsnet

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