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Abrahams lebensgefährliche Reise in die Freiheit

Wie Tausende anderer Afrikaner riskierte Abraham auf seiner Flucht durch die Wüste und im Boot über das Mittelmeer sein Leben. Er entschied sich für die Freiheit oder den Tod.

«Ich habe viel gelitten», sagt Abraham. Jetzt will er nach vorne schauen, in der Schweiz werde man ihm helfen.
«Ich habe viel gelitten», sagt Abraham. Jetzt will er nach vorne schauen, in der Schweiz werde man ihm helfen.
THOMAS BURLA

Abraham* sitzt im Aufenthaltsraum eines Zürcher Durchgangszentrums und scherzt mit einer Mitarbeiterin in gebrochenem Deutsch. Solch eine Situation hätte sich der 25-jährige Mann aus Eritrea noch vor wenigen Monaten nicht zu erträumen gewagt. Dafür hatte er sein Leben aufs Spiel gesetzt. Für Hunderte anderer Afrikaner jedes Jahr endet die Reise nach Europa mit dem Tod in der Wüste oder in den Fluten des Mittelmeers.

Abraham hat überlebt und erzählt: Noch vor eineinhalb Jahren sass er in einem eritreischen Gefängnis und erwartete die Schläge der Aufseher. Mit Gewalt sollte ihm der christliche Glaube ausgetrieben werden. Eines Nachts entschied er sich zur Flucht. Die Gelegenheit war günstig: Der Gefängniswächter war unachtsam, da Abraham von den Misshandlungen einen geschwollenen Fuss hatte. Trotzdem schaffte er es zu entkommen. Als er ausser Reichweite seiner Verfolger war, drosselte er den Schritt und marschierte humpelnd weiter in Richtung sudanesische Grenze. Nun gab es kein Zurück mehr.

Bevor Abraham wegen Desertierens aus der Armee eingesperrt wurde, hatte er vier Jahre am Stück Militärdienst geleistet. Wie alle Studentinnen und Studenten seines Jahrgangs musste auch er im Jahr 2003 das Studium abbrechen und auf unbestimmte Zeit für einen Hungerlohn in der Armee Dienst leisten. Da halfen ihm auch die Bestnoten nicht weiter, die er von der Schule mitbrachte. Viele seiner Dienstkollegen hatten sich erhängt, um der Trost- und Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Abraham hatte seinen Glauben. Er glaubte daran, dass Gott ihm helfe und dass er im Ausland die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben bekommen würde.

In sieben Tagen durch die Sahara

Nach drei Tagen Fussmarsch erreichte Abraham die Grenze zum Sudan. Hier kam er für zwei Monate bei seinem Onkel unter. Das Land kannte er bereits: Abraham hatte seine Kindheit zusammen mit der Familie in einem sudanesischen Flüchtlingslager verbracht. Im Sudan habe man als Flüchtling keine Rechte, könne nicht studieren, sagt Abraham. Ein Verbleiben dort war keine Option. Also zog er weiter. Sein Verhandlungsgeschick und die Kontakte aus seiner Zeit als Geschäftsmann kamen ihm zu Gute: Schon nach zwei Monaten hatte Abraham eine verhältnismässig günstige Fahrgelegenheit gefunden: Für 150 Dollar bekam er einen der 45 Plätze auf der Ladefläche eines Toyota-Lieferwagens. Aussen sassen Schulter an Schulter die Erwachsenen, in der Mitte die Kinder. So eingepfercht durchquerten Abraham und seine Gruppe in sieben Tagen die Sahara.

Immer wieder liest man über schreckliche Zustände bei solchen Überfahrten: Männer werden von den Fahrern misshandelt, Frauen vergewaltigt und deren Angehörige umgebracht, wenn sie sich einmischen. Abraham wird einsilbig, wenn man ihn nach den Umständen der Reise fragt. «Ich schaue nicht gerne zurück», sagt er leise, «ich habe viel gelitten. Jetzt will ich nach vorne schauen.»

26 Insassen überlebten die Fahrt

In Libyen versteckte sich Abraham mit drei weiteren Flüchtlingen in einer Wohnung, die ihm sein Onkel vermittelte. Abraham hatte grosses Glück – oder Gottes Beistand, wie er selber sagt: Im Gegensatz zu vielen anderen «Illegalen» in Tripolis wurde er nicht entdeckt und entkam damit Gefängnis unter menschenunwürdigen Bedingungen und Rückschaffung. In einer windstillen Nacht im Juni dieses Jahres war es so weit: Nach nur 10 Monaten Aufenthalt in Libyen hatte Abraham für 800 Dollar seinen Platz auf einem kleinen Holzboot mit einem 40-Watt-Motor. Mit 26 Schicksalsgefährten legte er ab, «um das Gute zu erreichen», wie er lächelnd sagt, «das unbekannte Gute».

Zum Essen hatten sie etwas Brot dabei, zum Trinken einen Kanister mit 40 Liter Wasser. Als Mittel zur Navigation diente ein simpler Kompass, dessen Nadel sie nach Norden folgten. Europa kannte Abraham aus Geschichtsbüchern. Über die Schweiz hatte er gelesen, dass dort der Sitz der Uno und anderer internationaler Organisationen sei. Dort weiss man über die Lage in Eritrea Bescheid, war er überzeugt, dort würde man ihm bestimmt helfen.

Nach drei Tagen Überfahrt war Land in Sicht: die Mittelmeerinsel Malta. Ein grosses Schiff näherte sich von der Küste her, offensichtlich im Auftrag der Regierung. Die 27 Afrikaner in ihrer motorisierten Nussschale wurden mit Benzin, Essen und Trinken versorgt – und in Richtung Sizilien weitergeschickt. Im Schutze der Dunkelheit, um vier oder fünf Uhr morgens, erreichten sie tags darauf bei Syrakus das europäische Festland. Ein Mann starb unterwegs, er war Diabetiker. Die restlichen 26 Bootsinsassen überlebten die Fahrt.

Verhaftung in Chiasso

Am Bahnhof von Syrakus kaufte sich Abraham mit in Libyen gewechselten Euros eine Zugfahrkarte nach Bologna. In Tripolis hatte er gehört, dass Flüchtlinge in Italien schlecht behandelt würden, dass sie dort keine Unterstützung fänden. Dies bestärkte seinen Wunsch, in die Schweiz weiterzureisen. Ein Sudanese organisierte für ihn in Bologna den Grenzübertritt, wenige Tage später überquerte er im Zug unbehelligt die Schweizer Grenze bei Chiasso. Dort angekommen, suchte er als Erstes die Kirche auf – offensichtlich ein beliebter Ort bei Neuankömmlingen wie ihm: Er wurde direkt von der Polizei in Empfang genommen und zur Empfangsstelle für Asylsuchende gebracht.

Zehn Tage später fand Abrahams Reise ihr vorläufiges Ende in einem Durchgangszentrum im Kanton Zürich. Hier muss er bleiben, bis das Bundesamt für Migration über seinen Asylantrag entschieden hat. Abraham sagt, dass ihn das Verfahren momentan nicht sehr beschäftige. Er denke daran, wie er sich so schnell wie möglich integrieren, wie er hier eine Zukunft aufbauen kann. In absehbarer Zeit könne er nicht in sein Heimatland zurückkehren.

* Name geändert

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