«Zugesetzt hat mir die ständige psychologische Begutachtung»

Interview

Nach ihrer Wiederwahl hofft Eveline Widmer-Schlumpf, nicht mehr permanent infrage gestellt zu werden. Es habe Momente gegeben, in denen sie sich fragte, ob ein Weitermachen richtig sei.

Möchte gerne eine Aufbruchstimmung erreichen: Die zukünftige Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf bei einer Sessionssitzung.

Möchte gerne eine Aufbruchstimmung erreichen: Die zukünftige Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf bei einer Sessionssitzung.

(Bild: Keystone)

Die letzten vier Jahre waren Sie die Verräterin, weil Sie die Wahl anstelle von Christoph Blocher angenommen haben. Nach Ihrer heutigen Wiederwahl werden Sie als Totengräberin der Konkordanz bezeichnet. Wie leben Sie damit? Ich verstehe mich weder als Verräterin noch als Totengräberin. Wenn man die Konkordanz nicht rein arithmetisch betrachtet, wurde sie am heutigen Tag eingehalten. Konkordanz hat auch mit Inhalt zu tun, mit Ideen, mit Vorstellungen, die man gemeinsam umsetzen will. Diese Auffassung von Konkordanz wurde heute bestätigt.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten Ihre Politik ganz nach der Wiederwahl ausgerichtet. Sie sprachen sich plötzlich für den Atomausstieg aus, präsentierten eine ökologische Steuerreform und heben das Bankgeheimnis auf. Sie wollten der Linken gefallen. Wenn man die einzelnen Themen genauer anschaut, meine jeweiligen Standpunkte analysiert und sich mit den von Ihnen erwähnten Bereichen detailliert auseinandersetzt, stellt sich diese Frage nicht. Beim Steuerbetrug, der Amtshilfe oder dem Bankgeheimnis finden Sie viele auch bürgerliche kantonale Finanzdirektorinnen und -direktoren, die meine Haltung voll und ganz teilen. Das Gleiche gilt für ökologische Themen oder den Energiebereich. Dieses Links-rechts-Schema ist eine starke Vereinfachung von komplexen Sachthemen, mit denen man sich eben vertieft befassen muss. In gesellschaftlichen Themen wie der Kinderbetreuung oder der Familienbesteuerung ist dieser Vorwurf erst recht falsch. Diejenigen, die mir linke Verbeugungen vorwerfen, wollen mich einfach in ein Schema pressen und nehmen sich nicht die Mühe, meine Haltungen genauer zu hinterfragen.

Wird Ihre Arbeit nach dem heutigen Tag einfacher? Seit vier Jahren wünsche ich mir, dass ich mich auf die sachliche Arbeit konzentrieren könnte und diese nicht immer infrage gestellt würde, weil man mir unterstellt, ich würde mich wegen meiner Wiederwahl so oder anders verhalten. Zumindest diese Frage ist nun vom Tisch. Allerdings war es gar nicht diese Problematik, die mir am meisten zu schaffen machte. Zugesetzt hat mir vor allem die ständige psychologische Begutachtung meiner Person und meines Charakters.

Die Psychologisierung könnten Sie ein für alle Mal unterbinden, wenn Sie endlich klar sagen würde, was genau vor Ihrer Wahl im Jahr 2007 geschehen ist. Das habe ich mehrmals getan, und dazu gibt es nichts mehr zu sagen. Detailliert aufgeschrieben habe ich die Geschehnisse bis zum Zeitpunkt des Ausschlusses aus der Partei. Diesen Bericht werde ich eines Tages meiner Familie übergeben. Aber er ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Dann bleiben Widersprüche. Etwa dass der ehemalige Bündner SP-Nationalrat Andrea Hämmerle in seinem Buch schreibt, Sie seien in einem langen Telefonat über die Entwicklungen orientiert worden. Oder dass Sie nie mit ihm über Annahme oder Ablehnung der Wahl diskutiert hätten. Sie erklärten jedoch, ihm gesagt zu haben, eine Annahme der Wahl sei keine Option. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, als ich mit Andrea Hämmerle gesprochen habe. In meiner Empfindung hat das Gespräch nicht lange gedauert. Die einen beurteilen eine Viertelstunde als lang, die anderen als kurz. Was die Wahlannahme anbelangt, habe ich immer gesagt, dass ich mir nicht vorstellen könne, auf Bundesebene ohne Fraktion im Rücken politisieren zu können. Ich konnte damals wirklich nicht damit rechnen, dass mich die SVP Schweiz samt der Bündner Kantonalpartei aus der Partei ausschliessen würde.

Hatten Sie Kenntnis von Andrea Hämmerles Buch? Ende Oktober habe ich durch die Verlegerin davon erfahren. Kurz vor Erscheinen hat er mich selber informiert. Dass er mich nicht früher orientierte, ist korrekt, schliesslich hat er keine Gespräche mit mir geführt, und es kommen weder Interviews noch Zitate von mir vor. Bis anhin habe ich Passagen daraus gelesen. Zwischen Weihnachten und Neujahr will ich es ganz lesen.

Ab wann dachten Sie, dass Sie die Wiederwahl schaffen könnten? Nach den eidgenössischen Wahlen im Herbst und nach verschiedenen Gesprächen mit Vertretern der BDP.

Gab es Momente, in denen Sie nicht mehr antreten wollten? Ja, aus familiären und persönlichen Gründen. Ich habe immer wieder viele Gespräche geführt, auch mit meinem Mann und mit meinen Kindern.

Auch nach dem 23. Oktober? Ja. Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob ein Weitermachen richtig sei. Aber ich bin jemand, der vorwärtsschaut. Das war vor allem auch nach den eidgenössischen Wahlen so.

Ich gehe davon aus, dass Sie Finanzministerin bleiben wollen? Das ist eine richtige Annahme.

Im Wirtschafts- und Finanzbereich werden wir ein sehr nahrhaftes 2012 vor uns haben. Gleichzeitig sind Sie im nächsten Jahr Bundespräsidentin. Welche Schwerpunkte setzen Sie im nächsten Jahr? Auch wenn ich nicht mit der Wiederwahl gerechnet habe, wäre es fahrlässig gewesen, wir hätten uns diesbezüglich nicht schon Gedanken gemacht. Für das Präsidialjahr möchte ich gerne eine Aufbruchstimmung erreichen. Ich möchte die Leute mitnehmen, begeistern, ihnen zeigen, dass es vorwärtsgeht und wir gute Perspektiven und einige Stärken haben. Im Finanzbereich müssen wir in erster Linie die Situation mit den USA klären. Dann müssen wir unsere bisher guten Vorbereitungen mit Blick auf die Verschuldungskrise im EU-Raum weitervorantreiben. Das ist von grosser Bedeutung für unseren Werkplatz Schweiz. Wichtig ist auch, dass wir die Energiestrategie 2050 und alle damit zusammenhängenden Projekte vorantreiben können.

Das ist Arbeit für weitere acht Jahre. Es ist vor allem eine Frage der Organisation. Als Mutter, Berufsfrau und Politikerin bin ich es gewohnt, die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Man muss aber auch den Mut haben, sich Oasen zu schaffen. So habe ich mit meiner ältesten Tochter schon abgemacht, an welchen Wochenenden ich mein erstes Enkelkind hüten werde.

Und diese Wochenenden werden Sie einhalten? Mit hundertprozentiger Garantie. Nur so kann ich das Berufs- und Politikerleben gelassen angehen. Auch in den schwierigsten und turbulentesten Zeiten nach meiner Wahl im Jahre 2007 habe ich Konzerte meines Sohnes besucht. Weil mir dieser Ausgleich ausserordentlich wichtig ist.

Machen Sie dennoch in vier Jahren Platz für den zweiten SVP-Sitz? Ich wäre sehr dankbar, wenn man nicht schon im ersten Jahr der zweiten Amtszeit darüber spekuliert, wie lange ich bleiben werde. Während vier Jahren musste ich mich ständig rechtfertigen, warum ich da bin, wo ich bin und ob ich wieder antrete. Es wäre schön, wenn man mich jetzt vier Jahre lang einfach mal in Ruhe arbeiten lassen würde.

Wie gross sind die Chancen, dass Ihr Wunsch in Erfüllung geht? In den letzten Jahren wurde ich noch mehr zur Realistin, als ich es eh schon bin. Aber ich glaube immer noch an die Hoffnung.

Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt? Ich habe meine Arbeit gemacht, habe mich im Parlament engagiert und die Projekte weitergetrieben. Zugesetzt haben mir die persönlichen Angriffe. Ich habe notgedrungen gelernt, damit umzugehen, aber einfach ist es immer noch nicht.

Welches war Ihre erste Reaktion, als Sie hörten, dass Sie mit 131 Stimmen im ersten Wahlgang wiedergewählt worden sind? Ich war mit meiner Tochter und dem Enkelkind auf meinen Armen in meinem Büro. Meine Tochter sagte, «so Mami, das packen wir jetzt auch noch». Genau das dachte auch ich.

Sie haben das Verhalten Ihrer ehemaligen Partei, der SVP, am heutigen Tag hautnah miterlebt. Machen Sie sich Gedanken darüber? Ich bin mehr und mehr überzeugt, dass es auch in der heutigen SVP Kräfte gibt, die das heutige Verhalten nicht tolerieren. Weil es unschweizerisch, undemokratisch ist und die Institutionen verhöhnt.

Mit Micheline Calmy-Rey scheidet nicht nur die einzige Grossmutter neben Ihnen aus der Regierung aus. Mit dem jungen Alain Berset zieht auch eine neue Generation ein. Was erwarten Sie vom neuen Bundesrat? Ich kenne Alain Berset gut, wir haben schon in Kommissionen zusammengearbeitet, und ich schätze ihn sehr. Er ist sehr konstruktiv und teamfähig. Ich bin überzeugt, dass wir gute Leistungen erbringen werden, und ich werde mich sehr bemühen, dass wir als Team wahrgenommen werden.

Tages-Anzeiger

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