Zivilcourage kommt vor dem Fall

Wer auf Missstände am Arbeitsplatz aufmerksam macht, muss mit schweren Konsequenzen im Beruf und Privatleben rechnen. Fahnder Hafner droht dasselbe Schicksal wie vielen Couragierten vor ihm.

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Man nennt ihn den «Schimanski von Zürich»: Der Zürcher Polizeifahnder Fredi Hafner soll den Fall Nef ins Rollen gebracht haben, indem er Informationen an die «SonntagsZeitung» weiterleitete, die den früheren Armeechef als Stalker entlarvten. Die Staatsanwaltschaft hat vor wenigen Tagen bekannt gegeben, dass sie gegen den bekannten Stadtpolizisten Anzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung erstattet. Im schlimmsten Fall drohen Hafner bis zu drei Jahre Haft und die Entlassung.

Whistleblower müssen mit Karrierenende rechnen

Hafners Schicksal würde sich damit einreihen in eine lange Liste von so genannten Whistleblower (ungefähr: Hinweisgeber), die nach ihren Enthüllungen den Job verloren und ihre berufliche Karriere an den Nagel hängen mussten. So erging es auch dem ersten bekannten Whistleblower des Landes, dem Zürcher Wachtmeister Kurt Meier. Er steckte der Presse, dass wohlhabende und reiche Persönlichkeiten von der Zürcher Polizei eine Vorzugsbehandlung erhielten. «Meier 19», von der Jugendbewegung zur Gallionsfigur erkoren, verlor in der Folge wegen Amtsgeheimnisverletzung seinen Job und musste über 30 Jahre auf seine Rehabilitation warten.

Nicht viel besser erging es Christoph Meili: Der Securitas-Wächter rettete Dokumente über nachrichtenlose Vermögen vor dem Schredder. Meili wurde entlassen und bei seiner Emigration in die USA als Nestbeschmutzer beschimpft. Der Wachmann gab später zu Protokoll, er bereue heute, dass er die Dokumente aus der SBG herausgeschmuggelt habe. In der Romandie wurde letztes Jahr ein Informatiker des Westschweizer Radios RSR entlassen, weil er öffentlich machte, dass einer seiner Vorgesetzten pädophile Bilder auf seinen Rechner am Arbeitsplatz heruntergeladen hatte. Trotz Protestkundgebungen von Mitarbeitern, einem Hungerstreik und juristischen Massnahmen konnte der Mann bis heute nicht seine Forderung durchsetzen: seine Wiedereinstellung bei RSR.

Korruptionsfälle kommen nur dank Hinweisen von Insidern ans Tageslicht Die Liste von Couragierten, die mit schweren Konsequenzen rechnen mussten, nachdem sie auspackten, liesse sich noch verlängern. Honoriert wird ihre Arbeit praktisch nie – dies obwohl nur dank ihren Enthüllungen Missstände ans Tageslicht kommen. «In der Regel werden Korruptionsfälle nur dann aufgedeckt, wenn Insider ihre Kenntnisse an Vorgesetzte oder an die Strafverfolgungsbehörden weiterleiten», stellt die Organisation Transparency International (TI) dazu fest. Die Organisation rechnet laut «NZZ» damit, dass 97 bis 99 Prozent der Korruption im Dunkeln bleiben.

Schweiz verbessert Schutz von Whistleblower

In der Schweiz hatten Whistleblower zuletzt einen besonders schweren Stand: In anderen westlichen Ländern wie den USA und England wurden in den vergangenen Jahren Gesetze eingeführt, die Hinweisgeber besser schützen. Erst jetzt will auch die Schweiz nachziehen: Der Bundesrat hat vor wenigen Tagen eine Revision des Obligationenrechts in die Vernehmlassung geschickt, die Zeugen von Missständen im Betrieb besser schützen soll. Für den Fall einer missbräuchlichen Kündigung wird eine Entschädigung bis zu sechs Monatslöhnen vorgesehen. Angestellte des Bundes sind künftig gar gezwungen, Verbrechen und Vergehen anzuzeigen.

baz.ch/Newsnet

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