Wunschflüchtling: Christlich, jung, weiblich, Arzt

Wer darf warum einwandern? Laut einer Studie wollen die Europäer andere Flüchtlinge, als momentan kommen. Muslime haben es besonders schwer.

Flüchtlinge fliehen aus brennendem Lager auf Lesbos.

Flüchtlinge fliehen aus brennendem Lager auf Lesbos.

(Bild: Keystone Stratis Balaskas)

Michael Soukup@nachdenkend

Welche Asylsuchenden will Europa aufnehmen? Die Antwort liegt eigentlich aufgrund zahlreicher Medienberichten und Äusserungen in der Politik sowie in den sozialen Medien auf der Hand. Nun ist es aber wissenschaftlich erwiesen: Der Idealflüchtling ist eine junge, christliche, gefolterte und die Landessprache beherrschende Ärztin aus Syrien. Gleichzeitig ist eine starke Abneigung gegenüber Muslimen festzustellen. Dies ist die auf den Punkt gebrachte Erkenntnis einer breit angelegten Umfrage bei 18'000 Personen in 15 verschiedenen europäischen Ländern inklusive der Schweiz.

«Unsere Ergebnisse zeigen, dass in den Augen der europäischen Öffentlichkeit nicht alle Flüchtlinge gleich sind», sagt Dominik Hangartner, Co-Leiter der Studie und Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Die Studie wurde gemeinsam mit der London School of Economics and Political Science und der amerikanischen Stanford-Universität durchgeführt.

Topkriterien: Wirtschaftlicher Nutzen und Religion

Bemerkenswert ist, dass die Befragten zur Beurteilung drei dominierende Kriterien beizogen: volkswirtschaftlicher Nutzen, humanitäre Überlegungen und eine starke Abneigung gegenüber Muslimen. Asylsuchende, die vorher als Ärzte, Lehrer oder Buchhalter gearbeitet haben, stehen in der höchsten Gunst. Etwas weniger willkommen sind Niedrigqualifizierte, während Arbeitlose sich keine grosse Hoffnungen machen können. Sehr wichtig ist den Befragten zudem, dass die Asylbewerber bereits die jeweilige Landessprache fliessend sprechen. Ältere haben wiederum deutlich schlechtere Karten als junge Flüchtlinge. Eine ähnliche Präferenz ist bei Befragten für Frauen gegenüber Männern festzustellen. Als wichtigster Asylgrund wird Folter genannt, akzeptiert werden grundsätzlich politisch, religiös und ethnisch verfolgte Menschen, während Wirtschaftsflüchtlinge klar das Nachsehen haben.

Auffallend ist die grosse Abneigung gegenüber muslimischen Flüchtlingen im Vergleich zu Christen. Die muslimische Religionszugehörigkeit wirkt sich noch negativer aus als bei der Wahl zwischen einem Lehrer und Arbeitslosen. Die Geringschätzung gegenüber Angehörigen des Islam existiert in sämtlichen Ländern und in allen Gruppen von Befragten. Sie ist aber bei Personen, die sich im politischen Spektrum eher rechts einordnen, doppelt so stark als bei eher Linken.

Die Herkunft eines Flüchtlings spielt allerdings eine sekundäre Rolle: Generell auf weniger Akzeptanz stossen Kosovaren, während sich syrische und ukrainische Flüchtlinge eher gute Chancen auf Aufnahme ausrechnen können. Zwischen diesen beiden Polen befinden sich Asylbewerber aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan und Eritrea.

«Die starke Präferenz für gut ausgebildete, christliche Asylsuchende, die die Landessprache beherrschen, stellt die Politik vor grosse Herausforderungen, Asylsuchende aufzunehmen und zu integrieren», gibt Hangartner zu bedenken. Denn die meisten würden derzeit aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammen und beherrschten vor der Einreise die Sprache des Gastlandes kaum. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse auch, dass die europäische Bevölkerung zumindest teilweise im Einklang mit der Genfer Flüchtlingskonvention bereit ist, besonders bedürftige Asylsuchende mit anerkannten Fluchtgründen aufzunehmen.

Grösste Skepsis in Tschechien und Grossbritannien

An der Umfrage beteiligten sich Personen aus folgenden Ländern: Tschechien, Grossbritannien, Ungarn, Frankreich, Holland, Schweden, Dänemark, Schweiz, Norwegen, Polen, Griechenland, Deutschland, Italien und Spanien. Pro Land wurden rund 1200 Personen telefonisch rekrutiert und anschliessend Ende Februar, Anfang März online befragt. Die Befragten mussten jeweils zehn fiktive Profile von Asylsuchenden beurteilen. Diese unterschieden sich nach Alter, Geschlecht, Herkunftsland, beruflichem Hintergrund, Religion, Sprachkenntnissen, Fluchtgründen und Glaubwürdigkeit. Erstellt wurden die insgesamt 180'000 Profile. Auf die grösste Ablehnung stiessen die Profile in Tschechien und Grossbritannien, die grösste Akzeptanz gab es in Italien und Spanien. Die Schweiz lag etwa in der Mitte der Ländergruppe.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt