Wirte bangen um ihre Fumoirs – und werden erfinderisch

Schweizer Gastrobetriebe haben in den letzten Jahren für teures Geld rund 4000 Fumoirs eingerichtet. Diese Investition sehen die Wirte nun durch die Volksinitiative «Schutz vor Passivrauchen» gefährdet.

Eine Fehlinvestition? Bedientes Fumoir in der Zürcher Kaufleuten-Bar.

Eine Fehlinvestition? Bedientes Fumoir in der Zürcher Kaufleuten-Bar.

(Bild: Sophie Stieger)

Stefan Häne@stefan_haene

Eine Dame, die ihre Kaffeetasse eigenhändig die Treppe hoch ins Fumoir trägt – für Andreas Wyss ist das unvorstellbar. «Wir werden das unseren Gästen sicher nicht zumuten», sagt der Direktor des Zürcher Traditionsrestaurants Kronenhalle, das über eine Smoking Lounge mit zwölf Plätzen verfügt.

Am 23. September gelangt die Volksinitiative «Schutz vor Passivrauchen» an die Urne. Findet das Anliegen der Lungenliga bei Volk und Ständen eine Mehrheit, wären in der ganzen Schweiz künftig statt bediente nur noch unbediente Raucherräume erlaubt. «In unserem Fumoir gäbe es folglich keinen Service mehr», sagt Wyss, der selber nicht raucht. Ihm scheint die Initiative überdies widersprüchlich zu sein: «In den unbedienten Fumoirs muss ein Angestellter trotzdem regelmässig die Aschenbecher leeren und die Tische putzen.» Diesen Punkt regelt die Initiative in der Tat nicht. Die Lungenliga ist sich dessen bewusst und anerkennt, dass das Personal solche Arbeiten weiterhin verrichten muss. Es bestehe jedoch ein erheblicher Unterschied, ob jemand längere Zeit in einem Raum arbeiten müsse oder nur während der kurzen Zeit des Putzens, sagt Sprecherin Barbara Weber. Sie spricht von einem Kompromiss, «der aus gesundheitlicher Sicht vertretbar ist».

Raucher geben mehr Trinkgeld

Wie viele Fumoirs und Raucherlokale es landesweit gibt und wie viele Angestellte darin arbeiten – dazu gibts keine verlässlichen Angaben. Gastrosuisse schätzt die Zahl der Raucherlokale auf 500, dazu kommen 2500 bediente und 1500 unbediente Fumoirs. Von den rund 215'000 Angestellten in der Gastrobranche arbeiten gemäss Gastrosuisse gegen 13'000 im blauen Dunst – freiwillig, wie die Wirte unisono versichern. Jeder zweite Angestellte rauche selber. Zudem erhalte das Personal in Fumoirs mehr Trinkgeld, da Raucher in der Regel spendabler seien.

Anders als in der Kronenhalle löst die Initiative bei manchem Besitzer eines kleinen Gastrobetriebes «Existenzängste» aus, wie es Andrea Schatt formuliert. Die Wirtin des Restaurants Isebähnli in Einsiedeln SZ führt einen «typischen Arbeiterspunten», wo ihren Angaben gemäss fast alle Gäste qualmen. Hier ein Fumoir einzurichten, sei aus Platzgründen nicht möglich. Ein Ja zur Initiative wäre für sie deshalb eine «Katastrophe». Der Umsatz würde einbrechen, weil die Gäste ihr Bier anderswo tränken, befürchtet Schatt.

Besorgt gibt man sich auch im Kaufleuten. Rund 500'000 Franken hat das Zürcher Lokal in seine Fumoirs investiert. Nun könnten sich die neuen Lüftungen und baulichen Anpassungen als Fehlinvestition entpuppen, denn Fumoirs unbedient zu betreiben, rechne sich kaum. Für Kaufleuten-Geschäftsführer Marc Brechtbühl ist dies deshalb die schlechtere von zwei Varianten. Er tendiert dazu, die Gäste draussen rauchen zu lassen und die Fumoirs in bediente Nichtraucher-Bars umzuwandeln. Im Tessin wurde ebenfalls Geld investiert. Als Reaktion auf das Rauchverbot haben die Casinos rund 3 Millionen in bediente Fumoirs gesteckt, wie der «Corriere del Ticino» berichtete.

Schiebetür als Schleuse

Erfindergeist zeigt Josip Calic vom Restaurant Tödi in Ilanz GR. Bei einem Ja wird er eine Schiebetür in die Fumoirwand einbauen und so die Getränke «von aussen nach innen reichen». Dies sei eine kostengünstige Massnahme, um den Service aufrechtzuerhalten. Einen anderen Kniff wendet René Hürlimann vom Hotel Alex in Zermatt VS an. Im Wallis gilt heute bereits, was die Initiative landesweit verankern will: Das Personal darf Gäste in Raucherräumen nicht bedienen. Weil Hürlimann Miteigentümer des Hotels ist, darf er im Fumoir arbeiten. Und tue dies auch, wenn ein Gast eine Bestellung aufgebe. Ob auch seine Angestellten servieren, dazu nimmt er keine Stellung.

Das Rauchverbot gilt im Wallis seit 2009. Nach anfänglich grossem Widerstand respektiert mittlerweile die grosse Mehrheit der Betriebe das neue Gesetz. Das haben die knapp 600 Kontrollen der Walliser Behörden in den letzten drei Jahren ergeben. Für Helena Mooser Theler von der Walliser Sektion der Lungenliga kommt dies nicht überraschend: Dass die Fumoirs unbedient seien, werde von den Gästen goutiert. Gestützt sieht sie sich durch eine Umfrage, die das Westschweizer Institut MIS Trend 2010 durchgeführt hat. Das Resultat: 82 Prozent der Walliser Bevölkerung und 53 Prozent der Raucher begrüssen den Schutz vor Passivrauchen in ihrem Kanton. Für Mooser Theler ein Indiz, dass das Walliser Modell auch im Rest der Schweiz Akzeptanz finden wird.

Tages-Anzeiger

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