«Wir sind kein Staatssender!»

Interview

SRF-Superdirektor Rudolf Matter (57) über unabhängige Journalisten, hohe Gebühren und tiefe Quoten – und übers «Fremdsehen».

«Wer sagt, man könne die TV-Gebühren halbieren, attackiert schweizerische Werte»: Rudolf Matter.

«Wer sagt, man könne die TV-Gebühren halbieren, attackiert schweizerische Werte»: Rudolf Matter.

(Bild: Keystone)

Adrian Zurbriggen@hollerazu

Rudolf Matter, wir sitzen im Büro des Radio- und TV-Superdirektors – aber kein Fernseher, kein Radio läuft. Schauen Sie auch ab und zu, was Ihre Mitarbeitenden so machen?
Rudolf Matter: Ich kann Sie beruhigen, ich kenne unsere Programme. Als ich bei N-TV war, liefen in meinem Büro immer zwei Fernseher. Heute ist das nicht mehr nötig, weil ich die Sendungen im Internet selektiv und zeitverschoben schauen kann. Zudem kann ich schlicht nicht jede Sendung unserer sechs Radio- und drei TV-Kanäle hören oder sehen. Aber das muss ich als Direktor ja auch nicht; wir haben Chefredaktoren und Redaktionsleiter, welche für die Qualitätssicherung verantwortlich sind. Ich schaue Sendungen, die neu sind oder in der Kritik stehen.

Der Direktor ist für die strategischen Leitplanken zuständig. Aber Sie intervenieren auch im Tagesgeschäft, hört man. So sollen Sie die erste Fassung des «Tatorts» «Wunschdenken» persönlich gestoppt haben.
Unsere Partner von der ARD haben einige Anpassungen verlangt. Da wurde ich selbstverständlich involviert, war doch der Comeback-«Tatort» eine prestigeträchtige Programmentwicklung. Und ich fand den Vorschlag der Abteilungsleiterin Kultur, gewisse Passagen zu überarbeiten, sinnvoll.

Ein anderes Renommierstück werden soll die neue Talkshow «Schawinski». Haben Sie Roger Schawinski nach der ersten Sendung gesagt, er solle seine Gäste auch mal ausreden lassen?
Ich habe ihm nach der ersten Sendung gratuliert.

Aber die erste Sendung ist doch ziemlich missglückt. Schawinski war nervös, sprang atemlos von Thema zu Thema.
Man soll eine Sendung nicht vor der dritten Ausstrahlung bewerten.

Mittlerweile wurden fünf Ausstrahlungen gezeigt. Ihr Fazit?
Ich bin zufrieden, die Sendung wurde mit jedem Mal besser. Roger Schawinski ist ein Profi, der selber weiss, wo es noch Optimierungspotenzial gibt.

Optimierungspotenzial haben Sie vor Amtsantritt bei der politischen Berichterstattung geortet. In den Schweizer Medien werde generell zu wenig recherchiert – und damit auch bei SRF.
Wir stehen im Vergleich gut da, finde ich. Aber auch wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die Recherche-Kapazitäten steigern können.

Was ist für Sie eine gute Recherche?
Da kommen mir die Dokfilme unserer Infoabteilung in den Sinn, die längerfristige Entwicklungen nachzeichnen, zum Beispiel «Der Fall» von Hansjürg Zumstein, ein Film über die Finanzkrise. Das ist ein hervorragendes Lehrstück, das die Finanzwelt erklärt. Das wünsche ich mir vermehrt für die Zukunft, dass sich zwei, drei Journalisten einige Wochen Zeit für die Vertiefung eines Themas nehmen können.

Sie sprechen jetzt von der gepflegten Langzeitrecherche für Dokumentarfilme. Doch bei den täglichen News-Flaggschiffen tut sich einzig «10vor10» ab und zu mit Eigenrecherchen hervor.
Da muss ich widersprechen. Hören Sie das «Echo der Zeit», wie dort unsere Korrespondenten tagtäglich die News einordnen, das basiert auf Recherche. Auch bei der «Tagesschau» greifen wir immer mehr auf das Wissen unserer Korrespondenten zurück.

SRF-Journalisten sind Mitarbeiter eines Staatssenders. Sind Sie diesem Staat gegenüber trotzdem kritisch – etwa in Interviews mit Bundesräten?
Zuallererst: Wir sind kein Staatsfernsehen oder Staatsradio, die SRG ist privatrechtlich organisiert. Unsere Journalisten sind einmal prinzipiell kritisch, weil sie zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden können. Ich finde aber auch, dass unsere Leute bei Interviews, etwa in der «Rundschau», sehr kritisch Fragen stellen. Da erhalten wir regelmässig Feedback aus dem Publikum, jemand sei allzu hart befragt worden.

Es gibt auch Gegenbeispiele: Als die Bundesräte Schneider-Ammann und Widmer-Schlumpf ihr ursprüngliches 2-Milliarden-Hilfspaket präsentierten, war keine kritische Frage zu hören.
Ich habe die Berichterstattung nicht lückenlos präsent. Aber die «Rundschau» beispielsweise hat vor einigen Wochen Schneider-Ammanns Wirken sehr kritisch analysiert.

Heute startet SRF mit «Treffpunkt Bundesplatz» die heisse Phase des Wahlkampfs. Wie definieren Sie die Aufgabe von SRF in der politischen Berichterstattung?
Wir wollen über die wichtigen, für das Leben der einzelnen Menschen relevanten Themen so informieren, dass sich jeder und jede eine eigene Meinung bilden kann. Das heisst, wir wählen in völliger Unabhängigkeit und Unparteilichkeit die relevanten Themen aus, liefern alle notwendigen Informationen und bilden die wichtigen Meinungen mit den besten Argumenten ab.

Unabhängigkeit und Unparteilichkeit tönt gut – aber ist das überhaupt möglich? Schon mit der Auswahl der Themen, aber auch mit der Analyse etwa durch Korrespondenten macht man doch politische Aussagen.
Die Auswahl der Themen ist das Wichtigste im journalistischen Alltag, ganz klar. Und die Analyse, die Einordnung der News, ist immer mehr gefragt. Dafür braucht es die qualifiziertesten Leute.

Sie weichen aus. Ganz konkret: Wie gewichtet ein der Unabhängigkeit verpflichteter Staatssender im Wahlkampf, wo sich die Veranstaltungen und Einladungen der Parteien nur so jagen?
Wir sind kein Staatssender! Wir gewichten im Sinne des Publikums. Dafür braucht es kompetente Redaktoren, die die Politik schon lange verfolgen und sagen können, dass das, was jetzt gerade die Partei X verkündet, alter Kaffee ist und anderes hingegen News-Wert hat.

Wie viele Dutzend Beschwerden flattern bei Ihnen täglich auf den Tisch von Parteien und Verbänden, welche sich nicht genügend gewürdigt fühlen?
Nur ganz wenige. Der Politikbetrieb ist mittlerweile stark professionalisiert. Die Profipolitiker gehen sehr entspannt, aber auch bewusst mit Medien um: Sie wissen, dass nicht jedes Interview vollständig gesendet wird, und sind zufrieden, wenn die Kernbotschaft ankommt.

Es ist aber immer wieder davon zu hören, dass Parteichefs oder auch Bundesräte Druck machen und Bedingungen stellen, etwa was die Gästeliste oder Themenwahl der «Arena» betrifft.
Solche Briefe leite ich an die Redaktion weiter. Die Besetzung der «Arena» entnehme ich der Programmvorschau. Sie ist Sache der Redaktion, allenfalls von Chefredaktor Diego Yanez.

Die Behauptung, SF-Journalisten seien links, ist so alt wie das TV selbst...
...wird aber durch ständige Wiederholung nicht wahrer...

wenn es nicht stimmt: Warum widerlegen Sie dies denn nicht ein für allemal und führen eine Offenlegungspflicht von Parteimitgliedschaften ein?
Schauen Sie, wer vom Fernsehen in die Politik zu welchen Parteien gegangen ist. Zuletzt wars Matthias Aebischer, der ist bei der SP. Davor aber waren es mit Filippo Leutenegger, FDP, Max Reimann, SVP, und Norbert Hochreutener, CVP, drei Bürgerliche.

Jene, welche sich so «geoutet» haben, sind ja nicht das Problem.
Es gibt gar nicht so viele SRF-Journalisten, die in einer Partei sind...

...was Sie auch belegen könnten mit einer Offenlegung.
Eine allfällige Parteizugehörigkeit hat nichts mit der journalistischen Arbeit zu tun. Was zählt, sind die journalistischen Standards. Deren Einhaltung kontrollieren wir ständig.

Wie sieht es punkto Parteizugehörigkeit bei Ihnen aus?
Ich bin seit meinem Eintritt bei der SRG als 23-Jähriger in keiner Partei. Ich finde es – wie die meisten anderen hier – nicht sinnvoll als Journalist Mitglied einer Partei zu sein. Aber die Qualität der journalistischen Arbeit hängt nicht davon ab, was jemand privat denkt oder wählt.

Aber vor Ihrem SRG-Start haben Sie politisiert?
Ich war zu Gymerzeiten bei den Jusos aktiv.

Wissen Sie schon, wen Sie am 23.Oktober wählen?
Nein. Aber es zeichnet sich ab, dass es eine ganz schwierige Entscheidung wird.

140000 Schweizer forderten per Petition die Halbierung der TV-Gebühren. Das sollte für Sie kein Problem sein: Bei N-TV, so sagten Sie einst, hätten Sie gelernt, schärfer zu rechnen. Wo hat SRF Sparpotenzial?
Da muss man nicht scharf rechnen. Mit der Halbierung würde ein urschweizerischer Wert wegfallen: der, dass alle Regionen ein ähnliches mediales Angebot haben. Würden die Deutschschweizer nur für ihr eigenes Fernsehen Gebühren zahlen, so würden sie nicht 460, sondern bloss 260 Franken bezahlen. Wer also sagt, man könne die Fernsehgebühren halbieren, attackiert schweizerische Werte.

Seit April bewegt sich der Marktanteil der drei SF-Sender unterhalb der wichtigen 30-Prozent-Markt. Tiefer waren die Quoten noch nie. Das ist Wasser auf die Mühlen der Gebührenhalbierer.
Auf Monatsbasis sind wir ganz leicht unter 30 Prozent, auf Jahresbasis ganz leicht darüber. Doch zentral ist etwas anderes: SF1, wo Eigenproduktionen wichtig sind und das meiste Geld hin fliesst, läuft exzellent. SF2 mit Sport, Fiktion und dem Kinderprogramm liegt dagegen unter Plan.

Muss sich SF mittelfristig von 30 Prozent Marktanteil verabschieden?
Man soll diese 30 Prozent nicht zum Fetisch machen. Wir müssen realistisch sein. Auf lange Frist wollen wir dort dominieren, wo die meisten Schweizer fernsehen – am Abend. Aber es scheint unausweichlich, dass alle grossen Sender Marktanteile verlieren. Der Wettbewerb wird intensiver, es gibt immer mehr Spartensender, vom Golfkanal bis zum Gärtnersender.

Wenn es alle Sender trifft, verliert der einzelne zwar absolut Zuschauer, aber nicht bei der Quote, die ja die Relation zu den anderen Sendern zeigt.
Spezialisierte Angebote führen vor allem bei breit aufgestellten Sendern wie den unseren zu Verlusten. Und sinkende absolute Zuschauerzahlen sind fatal. Die Reichweite bestimmt die Tarife für die Werbung. Uns geht also Geld verloren. Darum möchten wir das kompensieren, indem wir an ausgewählten Orten im Internet Werbung platzieren dürfen.

Damit wären wir beim Thema Konvergenz, dem Verschmelzen von Radio, TV und Internet. Ist dieses Projekt, das auf Anfang Jahr umgesetzt wurde, nicht bloss ein Kniff, um im Internet neue Geldtöpfe zu öffnen?
Nein, es ist unseres Publikums wegen eine Notwendigkeit. Heute gibt es Geräte, die entfernt aussehen wie Telefone, mit denen kann man telefonieren, aber auch im Internet surfen, Radio hören, Fernsehen empfangen. Das führt dazu, dass die lineare TV-Nutzung – das Schauen der «Tagesschau» um 19.30 Uhr – abnimmt. In Zukunft wird man Radio und TV zunehmend dann konsumieren, wenn es zeitlich gerade passt. Das ist die Konvergenz in der Nutzung – und unsere ganz grosse Herausforderung. Wir müssen uns überlegen: Wie bedienen wir jenen Nutzer, der keinen Fernseher mehr hat? Deshalb mussten wir zusammenwachsen: Da wir in absehbarer Zeit nicht über mehr Mittel verfügen werden, müssen wir unsere Kräfte bündeln.

Wir sitzen hier im Fernsehstudio am Leutschenbach. Vom Zusammenwachsen mit dem Radio, dessen Studios drei Kilometer stadteinwärts sind, merkt man nichts.
Wir schliessen nur dort zusammen, wo es Sinn macht. Musterbeispiel ist die Sportredaktion, der wir gerade einen Newsroom bauen. Dort werden ab 2012 die tagesaktuellen Radio- und TV-Sendungen gemacht, ebenso das Internetangebot. Selbstverständlich wird es auch dort noch Radio- und TV-Spezialisten geben, aber sie haben einen gemeinsamen Input: Brauchen sie von einem Sportler ein Statement, ruft in Zukunft nur noch ein Journalist an statt dreier.

Nicht von einer Modernisierungswelle erfasst scheint uns der Unterhaltungsbereich. Der richtet sich mit Formaten wie «SF bi de Lüt» an ein älteres, ländliches Publikum. Haben Sie die jungen Urbanen ans Internet oder an deutsche Privatsender verloren?
Auch das Publikum von RTL ist nicht mehr so jung, wie es mal war. Mit unserem aktuell wichtigsten Unterhaltungsevent, den «Grössten Schweizer Talenten», ist es uns erstmals seit Jahren wieder gelungen, gleichermassen Junge wie Alte, das gesamte Publikum zu erreichen.

Sie sollen ein begeisterter Hobbykoch sein – da muss Sie der Flop mit der neuen SF-Kochsendung besonders wurmen. Da haben wir ja auch ganz schnell reagiert und sie nach fünf Folgen gestoppt.

Weil die Quoten schlecht waren? Die Sendung hat unseren Ansprüchen nicht genügt. Und denen des Publikums ganz offensichtlich auch nicht.

Wie muss man sich den TV-Konsum bei Ihnen zu Hause vorstellen? Gibts da in jedem Zimmer einen Fernseher?
Wir haben nur einen einzigen. Der Fernsehkonsum meiner drei Kinder ist beschränkt.

Dürfen sie auch etwas anderes schauen als Schweizer Fernsehen?
Ihre Lieblingssendung kommt von der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz in Deutschland, «Die Sendung mit der Maus». Ein unschlagbarer Favorit.

Und Sie selbst? Dürfen Sie abends auch mal «fremd sehen» und RTL einschalten?
Ich komme zu Hause meist nicht vor «10vor10» zum Fernsehen. Dann aber bin ich ein klassischer Zapper und bleibe gerne mal bei einem Krimi hängen. Auch bei der Konkurrenz.

Berner Zeitung

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