Wie aus «Jesus» ein Grüner wurde

Die Neuen in Bern

Balthasar Glättli ist seit Teenagertagen pausenlos auf Sendung: als Prediger im Gymnasium, als Organisator von Nacktdemos – und nun als Nationalrat.

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David Schaffner@SchaffnerDavid

Nationalrat Balthasar Glättli ist einer, der «schon immer Gas gegeben hat», wie er selbst sagt. Kein Wunder, hat sich der 40-Jährige kurz nach seiner Wahl in Bern bereits einen Namen gemacht und einen beachtlichen Erfolg feiern können. Angespornt von weltweiten Protesten weibelte er während Wochen gegen das Markenschutzabkommen Acta und organisierte schliesslich an den parlamentarischen Entscheidungswegen vorbei ein Treffen unter Politikern. Am Tag darauf schlossen sich FDP und CVP dem Widerstand an, und dem Bundesrat blieb nichts anderes übrig, als die angekündigte Unterzeichnung von Acta zu sistieren.

Auf der Überholspur befindet sich der Zürcher Balthasar Glättli seit seiner Teenagerzeit: Nachdem er von einer Erkrankung mit Leukämie genesen war, begann er sich am Gymnasium unaufhörlich für alles zu engagieren, wovon er sich eine Verbesserung der Welt versprach. 1985 in die Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon eingetreten, war er unter über tausend meist älteren Schülern schon bald der bekannteste.

Predigt in der grossen Pause

In der grossen 10-Uhr-Pause führte auf dem Weg in die Schulhaus-Cafeteria oft kein Weg an Glättli vorbei, den alle nur «Jesus» nannten: Mit langen Haaren, Sandalen, Geige und einer namenlosen Schar von Mitläufern musizierte er regelmässig für die Bibelgruppe ? geschickt positioniert bei der grossen Treppe, von wo aus seine spirituellen Klänge durch das halbe Schulhaus drangen.

Der Fokus seines Engagements wechselte noch in der Schulzeit, fortan kämpfte Glättli primär für einen Raucherraum am Gymnasium. Heute bezeichnet er sich als «atheistisch-christlichen Sozialisten». Obwohl nicht mehr gläubig, fasziniere ihn die Vorstellung eines «Reiches Gottes, einer gerechteren Welt für alle». Vor einem Jahr ist Glättli aus der Kirche ausgetreten ? enttäuscht darüber, dass sich der evangelische Kirchenbund anerbot, die Beobachtung von Ausschaffungsflügen zu übernehmen, die Glättli prinzipiell ablehnt.

Im Parlament engagiert sich Glättli als ehemaliger Geschäftsführer von Solidarité sans Frontières denn auch schwergewichtig in der Asyldebatte. Mit unzähligen Anträgen übernahm er die Führung im Abwehrkampf der Linken gegen die Verschärfungen, die der Nationalrat beschlossen hat. Daneben setzt sich Glättli für Sicherheit im Internet ein, neue Formen der Entschädigung von Musikern in Zeiten des Downloads sowie für klassisch grüne Anliegen wie die Sicherheit von Velofahrern.

Nacktdemo und Parteispaltung

Übrig geblieben aus seiner Zeit als «Jesus» ist Glättlis Geschick, seine Anliegen zu vermarkten. National fiel er erstmals 1997 auf, noch als Philosophiestudent. In Zürich organisierte er unter dem Motto «Lieber flitzen statt rasen» Nacktdemos gegen den Autoverkehr. Ein Jahr später sass er im Zürcher Gemeinderat, wo er mit 26 sogleich Fraktionschef wurde. Beruflich war er als Gründer einer Internetfirma beim ersten Onlineboom dabei. Nebenberuflich ist er heute noch in der Branche tätig.

Als einige Jahre später bei den Grünen ein Richtungskampf ausbrach, lieferte sich der prononciert linke Glättli einen Machtkampf mit der damaligen Regierungsrätin und heutigen Ständerätin Verena Diener und Nationalrat Martin Bäumle, die den rechten Flügel vertraten. 2004 eskalierte der Streit und endete in der Spaltung der Grünen und der Gründung der Grünliberalen.

Im Nationalrat gehört Glättli zu jenen, die als Person stark polarisieren und von Kollegen entweder geliebt oder gehasst werden. Ruedi Noser (FDP) schätzt ihn als «cleveren Typen und guten Ratskollegen». «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel empfahl ihn gar zur Wahl und lobte seinen Studienkollegen als «belesen und klug». Andere wie SVP-Nationalrat Hans Fehr sehen in Glättli einen «selbstverliebten Schwätzer mit pfarrherrlichem Auftreten, der mit endlosen Grundsatzdebatten den Kommissionsbetrieb lähmt».

Chic aus purer Höflichkeit

Im persönlichen Gespräch fällt auf, dass Glättli einerseits über sehr viele Themen detailliert Bescheid weiss, andererseits mit hoher, leicht schneidender Stimme gerne zu Ausführungen über sich selbst ansetzt. Täuscht der Eindruck, oder geht es Glättli – der pausenlos auf Twitter, Facebook und einem Blog auf Sendung ist – häufig ebenso um sich selbst wie um seine Botschaft? «Politiker, die nicht gerne vor Menschen auftreten und nicht etwas narzisstisch sind, haben die Jobbeschreibung falsch verstanden», erklärt Glättli und gibt obendrein zu, dass er regelmässig in der Mediendatenbank SMD nachschaut, wie oft die Zeitungen über ihn berichten.

Als einer von wenigen Schweizer Politikern achtet Balthasar Glättli überdies peinlich genau auf seine Kleidung: Mit dunkelblauem Hemd, silbernem Anzug und dicker Hornbrille hat er sich selbst zu einer optischen Marke gemacht. «Es ist eine Frage der Höflichkeit», sagt er, «den Menschen die Möglichkeit zu geben, mich wiederzuerkennen.»

Tages-Anzeiger

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