Wer sind die wahren Kultursünder?

Mit einer Preisbindung wird der Buchhandel von Konsumenten zusätzliche Gewinne abschöpfen. So entstehen laut Volkswirtschafter Reiner Eichenberger falsche Anreize, die dem Kulturgut Buch schaden.

Ökonomie und Literatur: Bei der Buchpreisbindung geht es vor allem ums Geld.

Ökonomie und Literatur: Bei der Buchpreisbindung geht es vor allem ums Geld.

(Bild: Keystone)

Bernhard Kislig@berrkii

Befürworter der Buchpreisbindung sprechen bisweilen von Ökonomie, als ob es ein Schimpfwort wäre. Sie verstehen darunter gnadenlose Gewinnmaximierung, die auf Kosten von anspruchsvolle Literatur geht, weil diese für den Massenmarkt nicht taugt. Ökonomie befasst sich aber mit mehr als solchen betriebswirtschaftlichen Fragen. Sie basiert nicht auf buchhalterischem Kalkül, sondern vor allem auf Erfahrungswerten.

Die Folgen von Marktbehinderungen sind ein zentrales Thema der Ökonomie. Die Frage, ob der freie Markt dem Kulturgut Buch schadet oder eine Preisbindung mehr Schaden anrichtet, ist also nicht zuletzt auch eine ökonomische Frage. Nach Verlegern und Autoren (siehe Ausgabe vom Samstag) kommen deshalb nun Ökonomen zu Wort.

«Preisbindung setzt falsche Anreize»

Reiner Eichenberger, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, vertritt eine klare Haltung: «Die wahren Kultursünder sind der Schweizerische Buchhändler- und Verlegerverband sowie die Händler, die zurück zur Buchpreisbindung wollen.» Wenn in der deutschsprachigen Literatur etwas Schaden anrichte, dann sei es eine Preisbindung. Warum?

Mit einer Preisbindung könne eine Branche höhere Preise verlangen, als ihr die Konsumenten zugestehen würden. «Der zusätzliche Gewinn hält aber nur kurze Zeit an.» Mittel- bis längerfristig richte die Marktbehinderung vor allem Schaden an. Der abgeschöpfte höhere Gewinn wecke eine Reihe von Fehlanreizen. «Einen Wettbewerb über den Preis gibt es nicht mehr – die Buchhandlungen müssen deshalb auf andere Weise um Kunden kämpfen», sagt Eichenberger.

Als «Haupteffekt» führe eine Buchpreisbindung zu überteuerten Ladenausstattungen, ist Eichenberger überzeugt. Als Beispiel nennt er die Handelskette Orell Füssli: Sie liefere Konkurrenten einen Kostenwettlauf um eine möglichst attraktive Inneneinrichtung. Das sei für den Buchhandel mittel- bis längerfristig «tödlich». Denn solche unnötigen Wettläufe würden die zusätzliche Preisbindungsmarge auffressen. Die Renditen seien auf diese Weise letztlich gleich oder sogar tiefer als im freien Wettbewerb. «Einziger Unterschied: Es wird mehr Geld für Dinge verwendet, die nicht zu einer höheren Qualität des Kulturguts Buch beitragen.»

Abgesehen von solchen negativen Effekten, zweifelt Eichenberger keine Sekunde, dass neue Technologien und Märkte eine Buchpreisbindung rasch unterlaufen würden. Tatsächlich ist schon vor der Abstimmung umstritten, wie weit die Buchpreisbindung auch den Onlinehandel vom Ausland erfasst. Und selbst wenn er erfasst wäre, fände er laut Eichenberger einen Weg, die Schweizer Preisbindung zu umgehen. «Wenn Amazon die Schweiz nicht aus Deutschland zu günstigeren Preisen beliefern darf, dann wird es eine Tochterfirma aus Irland tun. Und wenn auch diese Tochterfirma mit einem Verbot belegt wird, macht es ein anderes Unternehmen aus England – und so weiter», sagt Eichenberger. Ihn erstaune, dass ausgerechnet die Linke in dieser Frage plötzlich einen Kontrollstaat fordere, ergänzt er. Um die Preisbindung durchzusetzen, müsste konsequenterweise auch an der Grenze kontrolliert werden, was für Bücher Schweizer im Ausland gekauft hätten. Das zeige, wie absurd die Vorschriften seien.

Der Anreiz, die Preisbindung zu umgehen, ist laut Eichenberger gross. «Es wäre naiv, zu meinen, dass Konsumenten bei Büchern nicht auf den Preis achteten», erläutert er.

Nach Lehrbuch ist ein Markteingriff wie eine Preisbindung nur bei einem Marktversagen erlaubt. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Marktteilnehmer mit seiner Produktion die Umwelt verschmutzt, ohne die Kosten dafür zu tragen – er kann also zulasten anderer billiger produzieren. «Ich habe bisher noch kein einziges Argument gehört, das im Buchhandel ein Marktversagen belegt», sagt Eichenberger. Er bestreitet nicht, dass das Buch ein Kulturgut sei. Das sei aber kein Grund, den Preiswettbewerb zu beseitigen. «Wenn man wie die Buchhändler argumentiert, müsste für fast alles Preisbindung herrschen – denken Sie nur an die Bäcker und Metzger mit ihren lebenswichtigen Produkten.»

«Unterstützung wie bei der Landwirtschaft»

Peter Aebli studierte an der Hochschule St.Gallen Betriebsökonomie. Er war Geschäftsführer der Buchhandels- und Verlagsgruppe Baeschlin und Verwaltungsratsmitglied des Schweizer Buchzentrums. Heute ist Aebli Rektor der Kantonsschule Glarus. Ein typisches Marktversagen (siehe Beitrag von Reiner Eichenberger) kann Aebli im Buchhandel nicht feststellen. Er zieht stattdessen einen Vergleich mit der staatlichen Subvention der Landwirtschaft. «Diese wird unterstützt, damit sie weiterhin qualitativ hochwertige Lebensmittel produzieren und daneben auch noch weitere Aufgaben übernehmen kann», argumentiert er.

Vielleicht liege kein klassisches Marktversagen vor, ergänzt Aebli, aber im Buchhandel spiele der Markt nur sehr beschränkt. So kämpfe zum Beispiel Ex libris mit ungleich längeren Spiessen als die anderen Marktteilnehmer. Mit der finanziell potenten Migros im Rücken könne Ex libris die Preise der Konkurrenz unterbieten. «Sie verkaufen Bücher zum Einstandspreis oder sogar billiger, nur um Konkurrenten wie Orell Füssli aus dem Markt zu drängen», sagt Aebli. Mit einer Buchpreisbindung wäre ein solch ungesunder Verdrängungswettbewerb nicht möglich.

Aber ist es nicht so, dass der Markt für kleine und mittelgrosse Buchläden auch mit Preisbindung schrumpft, weil sie durch grosse Handelsketten, Internet-anbieter und E-Books bedrängt werden? «Natürlich schrumpft der Markt», erwidert Aebli. Beim E-Book handle es sich aber um einen ganz anderen Markt mit eigenen Vertriebskanälen. Aebli räumt ein, dass eine Preisbindung zu einer gewissen Strukturerhaltung des heutigen Buchhandels beitrage. «Wir zahlen auch für einen Brief mehr Porto, um in abgelegenen Gebieten Poststellen zu finanzieren.» Wenn auch kleinen Buchhandlungen nicht die Lebensgrundlage entzogen werde, müssten zum Beispiel weniger Gemeinden eine eigene Bibliothek führen.

Die ökonomische Argumentation funktioniere nur bei transparenten Märkten, wehrt sich Aebli. Der Buchmarkt sei für Konsumenten aber nur wenig transparent. «Denn sie vergleichen kaum Preise zwischen verschiedenen Buchhandlungen.» Es gebe viele Stammkunden. Allenfalls würden Konsumenten dort einkaufen, wo es «gefühlsmässig» preisgünstiger sei. Ein «brutaler Wettbewerb» findet laut Aebli aber zum Beispiel zwischen zwei verschiedenen Kochbuchverlagen statt. Von diesem Wettbewerb würden Buchkäufer auch mit einer Preisbindung weiterhin profitieren.

«Ein freier Markt wäre nicht das Ende der Geschichte»

Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann könnte mit einer Buchpreisbindung leben. Die Nachteile sind ihm bekannt. Er illustriert sie am Schweizer Bier-kartell, das dank Preisabsprachen jahrzehntelang von Konsumenten zusätzliche Gewinne abschöpfen konnte. «Das Ende des Kartells war nicht das Ende der Geschichte, sondern bedeutete für die Bierindustrie einen Neuanfang.» Die grossen Produzenten gerieten unter Druck, dafür konnten sich kleine Hersteller in Nischen etablieren.

Die Nachteile einer Marktbehinderung sind für ihn bei der Buchpreisbindung jedoch zweitrangig, die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Vorlage hält er für gering. Zugleich weist er darauf hin, dass «in der Schweiz ohnehin mehr als 50 Prozent aller Preise administriert sind». Es gibt also bereits sehr viele Preisbindungen.

Zudem zeige die Geschichte, dass in der Schweiz Markteingriffe toleriert würden, wenn es um die Landesversorgung oder die Identität des Landes gehe. «Zwischen Literatur und Identität gibt es einen Zusammenhang.» Insofern ist ein Ja zur Buchpreisbindung für Tobias Straumann denkbar.

Berner Zeitung

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