Was die Schweiz vom Sozialismus lernen sollte

Niemand will Diktaturen wie im Ostblock. Aber für die Gleichstellung der Frau tat man dort mehr.

Zwei Frauen in einer Bauarbeiterkantine im Prenzlauer Berg in Berlin (Ost), aufgenommen 1984. Foto: Getty Images

Zwei Frauen in einer Bauarbeiterkantine im Prenzlauer Berg in Berlin (Ost), aufgenommen 1984. Foto: Getty Images

Andreas Tobler@tobler_andreas

Auf Anhieb klingt die These im Titel radikal bekloppt. Sie lässt sich so missverstehen, als wolle man ein kriegsverschontes Land wie die Schweiz in die Knechtschaft einer Sowjet-Diktatur hineinschwadronieren – und schon ziemlich bald die ersten Gulags am Napf, im Münstertal und anderswo eröffnen. Aber selbstverständlich wünscht sich niemand ein autoritäres Terrorregime herbei.

Aber der Sozialismus sollte ein Vorbild sein, wenn es um die Lösungen für jene Probleme geht, die jüngst in einer Studie des Bundesamtes für Statistik offenkundig wurden: 70 Prozent aller Frauen befürchten, die Geburt des ersten Kindes könnte ein Karriere­killer sein (hier nachzulesen). Wenn Kinder da sind, wird in zwei Dritteln der hiesigen Familien die Hausarbeit hauptsächlich von der Frau übernommen.

Wenig deutet in dieser Statistik auf fortschreitende Emanzipation hin. Die Bundesamtszahlen dokumentieren vielmehr eingeschränkte Möglichkeiten, denn Beruf und Familie lassen sich offensichtlich nur schlecht vereinbaren. Es gibt also in der Schweiz eine Mehrheit unter den Frauen, deren Leben bestimmt sind von Ängsten, traditionellen Rollenbildern und der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Männern. Denn selbstverständlich ist im Kapitalismus nur frei, wer eigenes Geld verdient oder sonst wie erhalten hat. Schweizer Hausfrauen gehören nicht dazu.

Die Frauen galten als unverzichtbar

Ängste und Unfreiheit in einem der reichsten Länder der Welt: Das kann und darf doch nicht sein. Muss auch nicht, wenn man sich als Spiegel die untergegangenen sozialistischen Staaten vorhält. Frauen galten in den ehemaligen Ostblockländern als unverzichtbar, nicht nur als Gebärende. Auch als Arbeitskräfte, auf deren Intelligenz und Produktivkraft man nicht verzichten wollte – nicht zuletzt im Sinne des Gleichheitsideals, das zu einer nachhaltigen Aufwertung der Frauen in der Gesellschaft führte.

Die Strukturen der sozialistischen Staaten machten es den Frauen leichter, unabhängig von den Männern zu sein.

In der Schweiz scheint dies alles auch heute noch nicht der Fall zu sein. Mehr als 100 Jahre nachdem russische Pionierinnen das Studienrecht für Frauen an Schweizer Universitäten durchgesetzt hatten. Und obwohl heute mehr Frauen als jemals zuvor mit einem Abschluss die hiesigen Hochschulen verlassen, also sehr gut ausgebildet sind. Anders im Ostblock, wo selbst unter den Ingenieuren und Technikspezialisten die Hälfte aller Beschäftigten Frauen waren. Die bewunderungswürdigen Langzeitfolgen: Von zehn europäischen Staaten mit dem höchsten Frauenanteil im IT-Sektor liegen acht in Osteuropa.

Untermauert wird dieser Befund vom neu auf deutsch erhältlichen Buch mit dem Titel «Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben». Autorin ist die amerikanische Osteuropa-Professorin Kristen R. Ghodsee. Zu verstehen ist es als eine Art neuer Sputnik-Schock: ein Wettkampf mit einem feindlichen System wie dem Sozialismus, um es selbst besser zu machen (lesen Sie hier mehr über das Buch von Kristen R. Ghodsee).

Den Schweizer Frauen mehr Autonomie einräumen

Auch wenn sie das Versagen der sozialistischen Diktaturen wiederholt deutlich benennt (etwa der Gebärzwang in Rumänien), pocht Ghodsee doch darauf, dass die Strukturen der sozialistischen Staaten es den Frauen leichter machten, unabhängig von den Männern zu sein, da Einkommen und die Arbeitsstellen gesichert waren.

Frauen in sozialistischen Ländern waren also nie gezwungen, eine Ehe aus Vernunft oder Kalkül einzugehen. Deshalb hatten sie auch besseren Sex. Weil sie autonom waren. Und nichts anderes verspricht der Kapitalismus: dass wir alle ein selbstbestimmtes Leben führen können, wenn wir uns produktiv einbringen.

Es wird Zeit, dass dies auch für alle Schweizer Frauen möglich ist, die das wollen, dank staatlichen Krippen und Vaterschaftsurlaub. Oder dank einem Modell wie einst in Bulgarien: Bei der Geburt eines Kindes erhielten alle Familien ein Budget von 120 Tagen Ferien, das von der Frau, dem Mann oder den Grosseltern bezogen werden konnte. Ja, das geht, wenn wir der Hälfte der Bevölkerung ein Leben ohne die bisherigen Ängste und Abhängigkeiten ermöglichen wollen.

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