Vom Wert des Goldes

Die Goldinitiative will, dass die Nationalbank mehr Gold hortet. Die Gegner warnen, dass eine solche Pflicht die Stabilität der Wirtschaft gefährde.

Wie viel Gold braucht die Schweiz? Blick in den Tresorraum der Schweizerischen Nationalbank in Bern.

Wie viel Gold braucht die Schweiz? Blick in den Tresorraum der Schweizerischen Nationalbank in Bern.

(Bild: Keystone)

David Schaffner@SchaffnerDavid

Gold ist Gold ist Gold. Im vollen Vertrauen auf den ewigen Wert des Edel­metalls fordert eine kleine Gruppe aus SVP-Politikern, dass in der Geldpolitik das Gold wieder eine wichtigere Rolle spielt. Sie verlangt, dass die Schweizerische Nationalbank mindestens 20 Prozent ihrer Bilanz in Gold hält und dieses prinzipiell nicht mehr verkaufen darf. Am 30. November kommt das Anliegen an die Urne.

Auf den ersten Blick ist die Logik der Forderung bestechend. Tatsächlich ist Gold über Jahrhunderte zum Inbegriff für Werthaltigkeit geworden. «Gold hat alle Krisen überstanden und ist ein ­bewährtes Zahlungsmittel», sagt der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann, der sich im Befürworterkomitee engagiert. «Gold ist nicht beliebig vermehrbar und nicht durch staatliche Eingriffe manipulierbar.» Insbesondere sei es sichererer als die Fremdwährungen, welche die Nationalbank in den letzten Jahren in grossen Mengen gekauft hat. Diese drohten wegen der unsicheren Wirtschaftslage in Europa stark an Wert zu verlieren und die Na­tionalbank mit sich in den Abgrund zu reissen.

Doch glänzt wirklich alles, was Gold ist? Im Zusammenhang mit der Geldpolitik verneint der Wirtschafts­historiker Tobias Straumann diese Frage. «Es ist zwar sinnvoll, wenn die Nationalbank wie bereits heute einen Teil ihrer Anlagen in Gold hält», erklärt der Professor, der an der Universität ­Zürich lehrt. «Damit diversifiziert sie das Risiko.» Tatsächlich sei Gold län­gerfristig sicherer als einzelne Aktien oder Staatsanleihen. Solche können im Extrem­fall ihren ganzen Wert verlieren, Gold hingegen werde nie gänzlich wertlos.

Hauptaufgabe gefährdet

Eine weitgehende Deckung der Währungen durch Gold, wie dies früher der Fall war, ist heute laut Straumann aber nicht mehr möglich. «Die Menge des Goldes wächst weniger schnell als die Leistungs­kraft der Weltwirtschaft.» Gold könne daher nicht als Abbild des Wertes ganzer Volkswirtschaften respektive Währungen dienen. Nationalbanken müssten zwingend ihre Bilanzen auch aus Anleihen oder Aktien halten.

Soll das Stimmvolk der Nationalbank nun einen fixen Anteil Gold vor­schreiben, da eine vollständige Deckung unmöglich ist, Gold als Anlage aber prinzipiell empfohlen wird? Straumann sowie Politiker aus dem Gegnerkomitee verneinen auch dies. «Die Initiative gefährdet die Unabhängigkeit der Nationalbank und schränkt ihren Handlungsspielraum ein», kritisiert die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter, die im Gegnerkomitee sitzt. Zentrale Aufgabe der Nationalbank sei es, die Preise stabil zu halten. «Zwischen Preis­stabilität und Goldanteil in der Bilanz gibt es keinen Zusammenhang.»

Um dies zu verstehen, ist ein Blick auf die Herausforderungen der Natio­nalbank in den letzten Jahren hilfreich. Damit die Preise stabil blieben, musste sie das Problem des starken Frankens bekämpfen. Wäre der Franken weiterhin stark gestiegen, wäre die Wirtschaft im Inland geschwächt worden. Die Arbeitslosigkeit wäre gestiegen, das Preisniveau wäre unter Druck geraten.

Um den Frankenpreis zu drücken, kaufte die Nationalbank zwischen 2010 und 2012 massiv Währungen ein, insbesondere Euros. Damit weitete sich ihre Bilanz massiv aus, von total 118 Milliarden Franken im Jahr 2004 auf 522 Milliarden in diesem Sommer. Ihr Besitz an fremden Währungen – in Form von ausländischen Aktien und Staatsanleihen – nahm im gleichen Zeitraum auf 471 Milliarden zu.

Wetten gegen den Franken

Wäre die Politik des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro, welche die Schweiz im September 2011 eingeführt hatte, nach einem Ja zur Initiative noch möglich? «Nein», ist der Luzerner CVP‑Ständerat und Wirtschaftspolitiker Konrad Graber überzeugt. Laut Tobias Straumann wie auch Karin Keller-Sutter würde es nach einem Ja zur Initiative wohl zu Wetten von grossen Spekulanten gegen die Nationalbank kommen. Hedgefonds wüssten dann genau, wie sich die Nationalbank am Markt verhalten müsste, was die Position der Notenbanker schwächen würde.

«Die Spekulanten wüssten genau, dass die Nationalbank nicht unbeschränkt Euros kaufen kann, sondern nur so lange, als der Goldanteil mindestens 20 Prozent beträgt», erklärt Straumann. Die Nationalbank wäre in der Folge gezwungen, immer mehr Gold zu kaufen, um weiter Franken ausgeben zu können. Sie müsste ihre Bilanz also noch stärker ausdehnen als heute. Irgendwann würde sie an ihre Grenzen stossen und müsste den Mindestkurs aufgeben. Die Spekulanten könnten einen satten Gewinn einstreichen, die Schweizer Wirtschaft hätte das Nachsehen. Und die Nationalbank wäre auch nach einer Aufgabe des Kurszieles nicht frei, weil sie das viele Gold, das sie gekauft hatte, nicht mehr verkaufen dürfte.

SVP ist dagegen

Kurzfristig würde die Initiative weitere Verwerfungen auslösen: Um einen Anteil von 20 Prozent zu erhalten, müsste die Nationalbank aufgrund der aktuellen Bilanz Goldbarren im Wert von 65 Mil­liarden Franken kaufen. (Aktuell hält sie 1040 Tonnen Gold mit einem Wert von 39 Milliarden, was 7 Prozent der Bilanz entspricht.) Durch diese Nachfrage würde sie den Preis des Goldes in die Höhe drücken und die eigene Rechnung verteuern. Der Goldkurs, der in den letzten zehn Jahren volatiler war als jener der Fremdwährungen, würde noch instabiler.

Angesichts der Unsicherheiten ist die Initiative auch in der SVP umstritten. Im Nationalrat hatte sich knapp die Hälfte der Parteimitglieder für das Anliegen ausgesprochen. Die andere Hälfte enthielt sich der Stimme, um ein Anliegen aus den eigenen Reihen nicht zu desavouieren. Fünf Mitglieder waren da­gegen, darunter Wirtschaftspolitiker wie Hansruedi Wandfluh. Inzwischen beschloss der SVP-Zentralvorstand mit 35 zu 34 Stimmen die Nein-Parole.

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