Studieren statt kontingentieren

Eine Quote für Ausländer ist der falsche Ansatz, um den Ansturm an die Schweizer Universitäten zu bremsen.

Grosser Andrang: Die ETH fordert Mittel, um allzu volle Hörsäle zu verhindern. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Grosser Andrang: Die ETH fordert Mittel, um allzu volle Hörsäle zu verhindern. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Der Appell von ETH-Präsident Ralph Eichler tönte dramatisch: Seine Hochschule werde es in zehn Jahren so nicht mehr geben, sie könnte zur «Provinz­universität» verkommen. Sollte das Stimmvolk Ja sagen zur Ecopop-Initiative, so fürchtete Eichler, bleiben die dringend benötigten Studenten und Professoren aus dem Ausland weg.

Doch nun sorgt ausgerechnet die ETH selbst dafür, dass sich ausländische Studenten in Zukunft nicht mehr so willkommen fühlen könnten wie bisher. Gemeinsam mit der ETH Lausanne möchte sie die Zahl der Ausländer beschränken können, falls es aus Platzgründen nötig wird (TA vom Mittwoch). Die Hochschulen hätten die Idealgrösse erreicht, man wolle die Qualität der Lehre sicher­stellen. Wohlgemerkt: Überfüllt sind beide Schulen (noch) nicht.

Eichler sieht in seiner Forderung keinen Widerspruch: Die Initiative verlange das Fallbeil, die ETH wolle bloss zum Skalpell greifen, sagte er gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Trotzdem: Die Forderung mitten im Abstimmungskampf zu lancieren, ist politisch mehr als ungeschickt. Die Hochschulrektoren schmälern damit ihre Glaubwürdigkeit. Einerseits wehren sie sich gegen die fixe Ausländerquote, die Ecopop vorschreibt. Andererseits wollen sie bei ihren eigenen Studenten zu eben­diesem Mittel greifen können. Auch wenn sie das Wort Quote tunlichst vermeiden: Bei ihrem Ansinnen handelt es sich um nichts anderes.

Ausbilden statt importieren

Niemand kann voraussehen, ob der Andrang auf die ETH in den nächsten Jahren anhält. Auch wenn das Stimmvolk Nein sagt zu Ecopop: Das politische Klima in der Schweiz ist rauer geworden, das wird auch im Ausland registriert. Ausserdem wird der Fachkräftemangel wohl noch zunehmen – gerade in technischen Branchen, die ihr Personal an der ETH rekrutieren. «Ausländische Studierende sind ein Gewinn. Es ist besser, wir bilden hier genügend Leute aus, als dass die Firmen sie importieren müssen», sagte Eichler vor vier Jahren.

Natürlich, an einer ETH als Massen-Uni hat niemand ein Interesse. Die Qualität des Studiums muss aufrechterhalten bleiben. Das erreicht die ETH aber nicht, indem sie Ausländer fernhält, sondern indem sie in die Lehre investiert.

Das Mittel, das den ETH-Präsidenten vorschwebt, ist zudem das Falsche. Eine starre Ausländerquote hält unter Umständen genau die Studenten fern, die zum hohen Niveau der Hoch­schulen beitragen. Den Zugang für Schweizer Studenten zu beschränken kommt ebenso wenig infrage. Die Tatsache, dass nur rund 20 Prozent der Schweizer Schüler die Matura machen, schafft bereits eine Auslese. Sinnvoller wäre es, den Andrang mit höheren Studiengebühren für Ausländer zu bremsen, schliesslich kosten sie die Unis auch mehr. Studiert ein Schweizer in einem anderen Kanton, leistet sein Heimatkanton einen finanziellen Beitrag. Bei Ausländern fällt dieser Beitrag weg.

Gleichzeitig müsste zwingend das Stipendienangebot für Ausländer ausgebaut werden. Es wäre tragisch, würden Begabte und Motivierte vom Studium in der Schweiz abgehalten, nur weil ihnen das nötige Geld fehlt. Oder, wie Ralph Eichler selbst sagte: «Wir wollen keine Quote. Weil wir die Guten haben wollen – egal, ob Schweizer oder Ausländer.»

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