Ständerat könnte Legalisierung von Snus stoppen

Die Mehrheit im Nationalrat will den heute verbotenen Handel mit dem Mundtabak Snus erlauben. Das käme der Tabakindustrie gelegen. Doch die Kantone sind skeptisch.

Ab unter die Oberlippe: In Schweden gehört der Genuss von Snus zum alltäglichen Bild.

Ab unter die Oberlippe: In Schweden gehört der Genuss von Snus zum alltäglichen Bild.

(Bild: Paul Hansen (NYT, Redux, Laif))

Christian Brönnimann@ch_broennimann

Mundtabak aus Schweden wird hierzulande immer beliebter. In den letzten Jahren vervielfachte sich die Menge der registrierten Importe. 2012 erfasste der Schweizer Zoll über 28 Tonnen, sechs Jahre zuvor war es erst eine. Gemäss geltendem Recht ist die Einfuhr von Snus jedoch nur für den privaten Gebrauch erlaubt und auf 1,2 Kilogramm pro Sendung begrenzt. Der Handel mit dem in kleinen Beutelchen portionierten Tabak, den sich die Konsumenten unter die Lippen schieben, ist wie fast überall in der EU verboten.

Nun schickt sich der Nationalrat an, dieses Regime umzukrempeln. 115 von 200 Ratsmitgliedern aus allen Lagern unterschrieben eine parlamentarische Initiative von Lukas Reimann (SVP, SG). Diese verlangt, Produktion und Handel von Snus zu legalisieren. Damit würde den Konsumenten das Bestellen via Internet künftig erspart.

Reimann erkennt eine Chance für den Wirtschaftsstandort Schweiz, wie er erklärt. Ihn störe die Ungleichbehandlung von Snus und anderen Tabakprodukten wie Kau- oder Schnupftabak. Zudem könne Snus für Raucher zu einem Ersatz der noch schädlicheren Zigaretten werden, sagt Reimann. Schweden, wo der Handel mit Snus erlaubt ist, habe eine der tiefsten Raucherquoten in Europa.

Industrie plant Snus-Offensive

Mit der Tabakbranche will Reimann seinen Vorstoss nicht abgesprochen haben. Klar ist aber, dass grosse Tabakkonzerne angesichts sinkender Verkaufszahlen von Zigaretten neue Geschäftsfelder suchen. Philip Morris ist vor einigen Jahren beim grössten schwedischen Snus-Hersteller Swedish Match eingestiegen. Das gemeinsame Joint-Venture hat sich nach offizieller Verlautbarung zum Ziel gesetzt, Snus «weltweit zu kommerzialisieren».

Die EU sah bislang davon hab, das Verkaufsverbot zu lockern. Die Gesetzesänderung in der Schweiz käme der Tabakbranche also gerade gelegen. Man sei der Meinung, Snus sollte zugelassen werden, schreibt Philip Morris Schweiz denn auch auf Anfrage. Konsumenten «sollten die Wahl haben, Snus zu kaufen und somit ein alternatives Tabakprodukt mit dem Potenzial, Gesundheitsrisiken zu vermindern, zu beziehen».

Auch in den USA sind die Tabakkonzerne in die Snusproduktion eingestiegen – mit einem eindeutigen Ziel. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete über eine Studie der Harvard-Universität. Die Wissenschaftler untersuchten interne Dokumente der Konzerne. Camel-Produzent Reynolds beabsichtigt demnach, rauchlosen Tabak «klar als Zigaretten-Ersatz für bestimmte Situationen und nicht als dauerhaftes Rauch-Substitut» zu positionieren. Camel-Snus wird in den USA denn auch mit dem Slogan «Genuss überall» beworben. Die Untersuchungen der Wissenschaftler deuten gemäss dem Bericht darauf hin, dass Raucher animiert werden sollen, nicht Snus statt Zigaretten, sondern Snus und Zigaretten zu konsumieren.

Kantone fürchten mehr Süchtige

Solche Befunde befeuern die Vorbehalte gegenüber der in der Schweiz vorgeschlagenen Gesetzesrevision. Die sind insbesondere bei den Kantonen gross. Es gebe wohl keinen Anlass, am heutigen Snus-Verkaufsverbot etwas zu ändern, sagt Stefan Leutwyler, stellvertretender Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK). Denn damit würde in erster Linie eine weitere Form des Tabakkonsums ermöglicht, die aufgrund des hohen Suchtpotenzials von Nikotin keineswegs unproblematisch sei. Durch zusätzliche Verkaufskanäle könnte die Zahl der Tabakabhängigen insgesamt steigen, so Leutwyler.

Noch hat sich die GDK nicht formell mit dem Vorstoss Reimann befasst. Wichtig für allfällige Empfehlungen an die Kantonsvertreter im Ständerat wird die Haltung der Fachkonferenz Gesundheitsförderung und Prävention sein. Hier dominiert ebenfalls die Skepsis. Mit einer Legalisierung von Snus würde man auch Werbung dafür machen, sagt Cornelia Waser von der Gesundheitsförderung des Kantons Bern. «Es wäre mit einer Steigerung des Konsums zu rechnen, mit den entsprechenden Folgekosten.» Das sei weder im Interesse der Bevölkerung noch vernünftig aus Sicht des Kantons.

Im Interesse der Tabakindustrie

Ähnlich tönt es in Zürich. Es sei kaum zu erwarten, dass der Kanton die Gesetzeslockerung unterstützen werde, sagt Christian Schwendimann von der Zürcher Tabakprävention. Es gebe keine vernünftigen Gründe dafür. Die gesundheitlichen Risiken seien schlicht zu gross, auch weil die Verbreitung von Snus den Zigarettenkonsum fördern könne, sagt Schwendimann.

Im Ständerat dürfte das Geschäft also mehr zu reden geben als im Nationalrat. Entscheidend wird sein, ob die Ständeräte den Bedenken ihrer Kantone mehr Rechnung tragen – oder den wirtschaftlichen Interessen der Tabakindustrie.

Tages-Anzeiger

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