«Schweizer Chirurgen überschätzen sich»

In Deutschland geben Ärzte zu, dass die Arbeitsüberlastung zu Fehlern an Patienten führt. In der Schweiz verschliesst man die Augen - dabei operieren hiesige Ärzte selbst dann noch, wenn ihnen ihre Verfassung das Autofahren verbieten würde.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Rosmarie Glauser, in einer Umfrage mit 1300 deutschen Medizinern gaben 44 Prozent der Befragten zu, dass sie die Qualität der Patientenversorgung beeinträchtigt sehen. Wie würde eine Befragung in der Schweiz ausfallen? Garantiert anders.

Wie denn?  Hier würden Chirurgen niemals zugeben, dass die Arbeitsüberlastung ein Qualitätsproblem ist. So weit sind wir in der Schweiz noch lange nicht. Hinzu kommt die oft falsche Selbsteinschätzung. Dazu gibt es eine interessante Studie. Piloten und Chirurgen wurden grossen zeitlichen Belastungen ausgesetzt. Danach stritten 26 Prozent der Piloten den Effekt von Erschöpfung auf ihre Leistungsfähigkeit ab, aber 70 Prozent der Chirurgen. Die falsche Selbsteinschätzung ist auch antrainiert. Wir haben in der Schweiz einen Anwesenheitskult. Angesehen wird derjenige, der möglichst viel arbeiten kann. Das wird auch klar gefordert.

Kommen Fehler aufgrund von Arbeitsüberlastung zum Vorschein?  Theoretisch schon. Es gibt viele Studien, die dies ganz klar belegen. Ein Wachzustand von 24 Stunden ist mit einem Blutalkoholspiegel von 1,0 Promille gleichzusetzen. Auto fahren dürfte man da nicht mehr, operieren schon.

Wieso werden die Fehler dann nicht offengelegt?  Wir wissen nicht, wie viele Fehler tatsächlich passieren. Würde ein Arzt aber offen zugeben, dass in seinem Spital mehr Fehler aufgrund von Arbeitsüberlastung passieren, könnte er seine Karriere definitiv vergessen.

Wo passieren die meisten Fehler? Eher bei Routineangelegenheiten. Bei Notfällen ist der Adrenalinspiegel so hoch, dass Fehler wohl eher selten sind.

In welchen Bereichen ist die zeitliche Überlastung am grössten?  Kritisch ist die Situation gemäss unseren Rückmeldungen oft in der Anästhesie und in der Gynäkologie, wo die Abteilungen sehr klein sind und man stetig bereit sein muss für Notfälle. Allgemein hat sich die Situation verbessert, seitdem wir dem Arbeitsgesetz unterstellt sind. Schwarze Schafe gibt es aber noch immer, Suizide und Burnouts bei Assistenzärzten und Oberärzten leider auch. Der wachsende Spardruck in den Spitälern verschärft die Situation aber wieder. 

Was wird dagegen unternommen?  Im Kanton Bern haben wir mit einem politischen Vorstoss beantragt, die Verhältnisse zu kontrollieren. 2010 ist dies nun ein Schwerpunkt im Arbeitsinspektorat. In zwei Spitälern wurden schon Untersuchungen gemacht und die Resultate waren ernüchternd. Auch der Kanton Zürich setzt sich ein.

Wird die Offenheit der deutschen Ärzte Auswirkungen auf die Schweiz haben? Ich glaube nicht. Die Kultur ist anders. Die deutschen Ärzte in der Schweiz melden sich zwar relativ schnell bei uns, aber an der Durchsetzung hapert es dann trotzdem. Denn grundsätzlich sind sie noch abhängiger als die einheimischen Ärzte. Allerdings wandelt sich das Blatt nun.

Wie das?  Eines unserer Vorstandsmitglieder, ein deutscher Arzt, ist nun wieder zurück in Deutschland und er sagt, es sei dort besser. Deutschland hat auf den Ärztemangel reagiert und ist daran, die Bedingungen zu verbessern. Das wird sich bei uns dramatisch auswirken, denn mittlerweile stammen 50 Prozent der Assistenz- und Oberärzte in der Schweiz aus dem Ausland. Wenn die wegbleiben, haben wir wirklich ein Problem.

baz.ch/Newsnet

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