S&P: Nationalbank trägt zu Ungleichgewicht in Europa bei

Die SNB kauft nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor's im ganz grossen Stil Anleihen starker Euroländer wie Deutschland, Holland oder Finnland. Die SNB widerspricht.

Devisenreserven blähen sich auf: Der Haupteingang der Schweizerischen Nationalbank in Bern.

Devisenreserven blähen sich auf: Der Haupteingang der Schweizerischen Nationalbank in Bern.

(Bild: Keystone)

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) schätzt in einer heute veröffentlichten Analyse, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) von Anfang 2012 bis Juli 2012 Regierungsobligationen von starken Euroländern wie Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Finnland und Österreich in Höhe von 80 Milliarden Euro gekauft hat. Dies entspricht knapp der Hälfte des durch Anleihen gedeckten Finanzbedarfs dieser Staaten. Die SNB selbst gibt keine Details darüber bekannt, wie sie ihre Reserven bewirtschaftet.

In einer Mitteilung vom Dienstagabend schreibt sie aber, die Studie enthalte einen «fundamentalen Fehler». Sie ignoriere den beträchtlichen Anstieg der SNB-Depositen bei anderen Zentralbanken und internationalen Institutionen. Die Schlussfolgerung von S&P, dass die SNB Staatsanleihen von Euro-Kernländern in der Grössenordnung von 80 Milliarden Euro gekauft habe, sei daher unbegründet.

Die Käufe der SNB tragen laut S&P «bedeutend» dazu bei, dass die Zinsen für deutsche, französische, niederländische, finnische und österreichische Anleihen sinken. Diese reduzierten sich, gemessen an einem Mehrjahresmittelwert, von 3,04 Prozent im Vorjahr auf 2,15 Prozent im bisherigen Jahresverlauf 2012.

«Recycling» von Euros

Indem die SNB dieses «Recycling» von Euros betreibt, trägt sie laut S&P zu den Ungleichgewichten in der Eurozone bei. Die Zinsen von Ländern mit grossen Wirtschafts- und Schuldenproblemen erreichten in den vergangenen Monaten mehrfach kritisch hohe Niveaus, was das Misstrauen der Finanzmärkte widerspiegelt.

Im Fokus steht derzeit vor allem Spanien. Um die Lage zu stabilisieren, und weil grosse Investoren vorsichtig geworden sind, kauft die Europäische Zentralbank (EZB) in einem nicht unumstrittenen Programm Anleihen von Euro-Krisenländern auf, um so die Zinslast für diese Staaten zu senken.

Schweiz zuvor Kapitalexporteur

Der in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der Schuldenkrise stark angeschwollene Zufluss von Kapital auf Schweizer Banken stammt laut S&P zu einem bedeutenden Teil aus Euro-Krisenländern wie Griechenland oder Spanien. Die Schweiz importiere seit 2008 netto Kapital.

Davor war die Schweiz tendenziell eher ein Kapitalexporteur gewesen. Während die Schweizer Banken die Gelder bei der SNB parken, blähen sich die Devisenreserven der Währungshüter wegen der Untergrenze-Politik zum Euro weiter stark auf. Um den Kurs von 1,20 Franken zu halten, musste die SNB mehrfach massiv Euro kaufen.

Zwischen Ende 2009 und Juli 2012 verdreifachten sich durch diese Effekte die Devisenreserven der SNB auf umgerechnet 312 Milliarden Franken. Die Bilanz der SNB multiplizierte sich um den Faktor 3,4.

bru/sda

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