Auktion um Betreuung von Asylbewerbern eröffnet

Mit der bisherigen Vergabepraxis ist jetzt Schluss: Der Bund schreibt erstmals Aufträge für fünf Asyl-Empfangszentren aus – die Firma ABS Pratteln bietet dabei mit.

Bessere Betreuung: Erstmals bewerben sich mehrere Anbieter um die Führung der Budesasylzentren – die Qualität soll dadurch steigen.

Bessere Betreuung: Erstmals bewerben sich mehrere Anbieter um die Führung der Budesasylzentren – die Qualität soll dadurch steigen.

(Bild: Mischa Christen)

Über 20 Jahre lang sonnte sich das Zürcher Unternehmen ORS Service in einer Monopolstellung: Das Bundesamt für Migration (BfM) vergab all seine Aufträge für die Betreuungder fünf Bundesasylzentren an das Unternehmen. Dessen Jahresumsatz 2010: 55 Millionen Franken. Andere Anbieter wie die ABS Betreuungsservice AG aus Pratteln standen auf dem Abstellgleis und erhielten keine Möglichkeit, sich für diese Aufträge zu bewerben: Sie wurden vom Bund um Aufträge in Millionenhöhe gebracht.

Diese Praxis verstiess jedoch gegen das Bundesgesetz über öffentliches Beschaffungswesen. Der Bund hätte seine Aufträge alle fünf Jahre ausschreiben müssen. Das BfM gelobte letztes Jahr Besserung. Gestern schrieb es erstmals die Aufträge für seine fünf Bundesasylzentren aus – mit einem halben Jahr Verspätung. Darin werden Aufträge mit einem Volumen von etwa 70 Millionen Franken vergeben. Diese Summe hat das BfM 2011 für die Asylbetreuung ausgeben. Tendenz: steigend.

Preise sinken, Qualität steigt

Grundsätzlich bedeute die Ausschreibung mehr Wettbewerb, sagt Jürg Scheidegger, Direktor der ABS. «Die Kosten werden tendenziell sinken und die Qualität verbessert. Doch der grosse Preiskampf wird nicht ausbrechen.» Der Preis ist stark abhängig von den Personalkosten. Und diese seien überall in etwa gleich, so Scheidegger.

Die ABS betreute im vergangenen Jahr das befristete Asylzentrum in der Zivilschutzanlage Pratteln, welches das überfüllte Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel entlastete. Auch Zentren in den Kantonen Neuenburg und Luzern werden von der ABS betreut. «Damit konnten wir uns sicher dem Bund empfehlen», meint Scheidegger. Die Ausschreibung belebe aber das Geschäft, jeder Anbieter müsse über die Bücher, um am Markt zu bestehen. Die neue Konkurrenz birgt aber auch Risiken: «Nicht nur neue, sondern auch bestehende Mandate werden in Zukunft stärker umworben», sagt Scheidegger.

Die ABS erhoffe sich sicher mehr Aufträge in ihrem Kerngeschäft und möchte im Rahmen der Neukonzeption der Asylunterbringung eine aktive Rolle spielen. Für welche Aufträge sie sich genau bewerben möchte, sei noch völlig offen. «So viele, wie vernünftig. Doch zuerst müssen wir die Ausschreibungen analysieren, bevor wir uns detailliert darüber äussern können.» Für die Anmeldungen hat die ABS nun 50 Tage Zeit, dann läuft die Eingabefrist ab.

Der Bund hat die Aufträge in fünf Lose aufgeteilt: Los 1 enthält das Bundesasylzentrum in Basel sowie die über diese Aussenstelle betriebenen Not­unterkünfte. «Dies ist sicher ein interessantes Los, zumal wir die örtlichen Gegebenheiten kennen sowie gute Kontakte zu Kanton und Gemeinden haben», sagt Scheidegger. Aber auch weitere Aufträge kommen infrage: Sie enthalten Zentren in Kreuzlingen, mit Flughafen Zürich und weiteren Standorten (Los 2), Vallorbe mit Flughafen Genf (Los 3), Altstätten mit weiteren Zentren in der Innerschweiz (Los 4) und Chiasso mit weiteren Zentren.

Ausschreibung als Alibi-Übung

Ob mit der erstmaligen Ausschreibung tatsächlich Konkurrenz in die Branche kommt, darf zumindest angezweifelt werden. Die einseitige Vergabe hat das BfM damit begründet, mit der ORS Service «sehr zufrieden» gewesen zu sein und «keine weiteren Anbieter gekannt» zu haben. Die Vergabe könnte also auch zur reinen Alibi-Übung verkommen.

Das BfM verspricht: «Sämtliche Anbieter werden gleich behandelt. Der Zuschlag wird an die wirtschaftlich günstigsten Anbieter gehen, das bedeutet: die beste Qualität zum besten Preis», bekräftigt BfM-Sprecher Michael Glauser. Auch Jürg Scheidegger glaubt daran, dass man eine objektive Beurteilung vornehmen wird.

Den verpassten Millionen werden die ABS und ihre Konkurrenten nachtrauern müssen. Die kurze Antwort des BfM, ob jemals eine Entschädigung an die geprellten Unternehmen thematisiert wurde: «Nein.»

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt