Lokal handeln, global denken

Roland Luzi arbeitet seit sieben Jahren als Asyl-Seelsorger inmitten fremder Kulturen. Er befasst sich mit den Sorgen und Ängsten der Flüchtlingen im Asylantenheim.

Offen und tolerant: «In der Asylseelsorge spielt die eigene Religion eine nicht so grosse Rolle», sagt Roland Luzi.

Offen und tolerant: «In der Asylseelsorge spielt die eigene Religion eine nicht so grosse Rolle», sagt Roland Luzi.

(Bild: Aissa Tripodi)

Das Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) befindet sich an einem unwirtlichen Ort zwischen dem Zoll Otterbach und dem Ausschaffungs­gefängnis. Dichter Verkehr drängt sich auf der Strasse von und nach Deutschland. Ein übler Geruch weht von der nahen Kläranlage herüber.

Im Zentrum drinnen ist es nicht viel gemütlicher. 400 Menschen drängen sich auf ­dichtem Raum. Kinder rasen in den kahlen Gängen um die Wette, in einer Ecke spielt eine Gruppe Jugendlicher Ping-Pong, dort schreit ein Baby. Es herrscht ein kunterbuntes Durcheinander. Hier trifft die verschleierte Muslima auf den orthodoxen Juden, die grell geschminkte Serbin im Minirock auf die syrische Familie.

Religion spielt keine Rolle

Seit sieben Jahren setzt sich Roland Luzi für die Asylsuchenden im Empfangszentrum ein. Der schlicht gekleidete reformierte Seelsorger arbeitet im Team des Ökumenischen Seelsorgedienstes für Asylsuchende (OeSA). Finanziert wird dieser Service hauptsächlich von den Landeskirchen der beiden Basel, Aargau und Solothurn sowie durch Spenden.

Diese Finanzierung sei nicht selbstverständlich, meint Luzi, denn es sei ein Dienst an Menschen, welche selten Kirchenmitglieder seien. Jüdische und muslimische Vertreter werden nach Bedarf aufgeboten, vorläufig sind sie noch nicht in den Seelsorgedienst eingebunden. Wer hier ankommt, steckt in einer Krise, hat «Seenot» wie es Luzi ausdrückt. Deshalb spiele bei der Asylseelsorge die eigene Religion eine nicht so grosse Rolle. Die meisten sind unter schwierigsten Umständen hierher­gekommen. Viele sind traumatisiert von den Erlebnissen in ihrer Heimat oder der komplizierten und gefährlichen Reise. Sie sind alle in Sorge um den Entscheid des Asylverfahrens.

Offenheit als Voraussetzung

Eine Frau erzählte kürzlich, dass sie mit einem Schlepper aus Afrika geflohen und in der Prostitution in Zürich gelandet sei. Als sie das realisierte, musste sie erneut fliehen.

Luzi trifft auf viele Schicksale, nicht selten auch auf pure Verzweiflung. Wenn er sieht, dass es jemandem gar nicht gut geht, informiert er die Betreuung, damit die zuständigen Fachstellen aufgeboten werden. Luzi betreibt die sogenannte «aufsuchende Seelsorge», indem er auf die Asylsuchenden zugeht und Kontakte knüpft. Sich so anzubieten brauche manchmal Mut und Kraft. Es kommt vor, dass er auf die Hilfe eines Dolmetschers angewiesen ist, um Sprachbarrieren zu überwinden.

Seine Aufgabe sieht er darin, zuzuhören, zu trösten oder zu einer Andacht einzuladen. Hin und wieder greift er zur Gitarre und singt mit den Leuten. Das karg eingerichtete Seelsorgezimmer ist für viele ein willkommener Rückzugsort. Ablehnung erfährt er von den Asylbewerbern mit einem anderen religiösen Hintergrund kaum. Hier lösen sich religiöse und ethnische Grenzen auf. Offenheit ist eine wichtige Voraussetzung im Empfangszentrums-Alltag, um den Normalbetrieb aufrechterhalten zu können.

Seelsorge über die Musik

Luzi handelt nach dem Motto «lokal handeln und global denken». Er begegne hier täglich der Welt und das sei sehr spannend und lehrreich. Er setzt sich intensiv mit der politischen Lage von Krisenländern auseinander, um auf dem Laufenden zu sein. Es sei auch interessant, die Augenzeugenberichte der Flüchtlinge zu hören.

So haben ihm aramäisch sprechende Christen aus Syrien bereits vor Monaten erzählt, dass ganze Dorfbevölkerungen vertrieben werden. Auch skurrile Geschichten erlebt Roland Luzi. Er erinnert sich gut an eine amische Familie, welche auf Irrwegen im Empfangszentrum gelandet ist und dort während fast drei Monaten ihren Lebensstil durchgezogen hat.

Im Aufenthaltsraum sitzt eine Gruppe junger Kurden um einen Tisch. Ein Mann schlägt ein paar Takte auf ­seiner Tembûr, einer Langhalslaute, an. Die neben ihm sitzende Frau stimmt ein melancholisches Lied an. Solch schöne Momente gehören ebenfalls zum Alltag, meint Luzi dazu. Er erachtet generell die Musik als ein wichtiges Element in der Asylseelsorge. Nebst Gitarre spielt er selber diverse Perkussionsinstrumente.

Das Musizieren biete die Möglichkeit, Gefühls­lagen und das religiöse Empfinden auszudrücken und Lebensfreude zu wecken. Aus diesem Grund hat er auch das Projekt «Très très fort» ins Leben gerufen. Ab Oktober lädt Luzi die Asylsuchenden zum gemeinsamen, interkulturellen Musizieren ein. Mit von der Partie sein werden jeweils ein Profimusiker sowie weitere, freiwillige Musiker. Jeden Montagnachmittag soll das bunte Musikensemble zusammenkommen.

Die OeSA betreibt zudem in einem Ensemble von mehreren Containern in der Nachbarschaft des EVZ einen Café-Treffpunkt, Kinderbetreuung, Kleiderabgabe und Rechtsberatung. Das Programm «First Step» bietet Hilfe bei der Erstintegration an und wird von 50 Freiwilligen unterstützt. In der Asylseelsorge werde das Evangelium eins zu eins umgesetzt, fasst es Luzi zusammen. Man müsse sich den Menschen offen und urteilsfrei hingeben und erhielte im Gegenzug Einblick in viele Lebensgeschichten, Kulturen und Religionen.

Basler Zeitung

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