Rebellion der Lokomotivführer

Die SBB wollen Energie sparen. Sie haben die Rechnung ohne die Bähnler gemacht.

«Unausgereift» und «nicht umsetzbar»: Die «adaptive Lenkung» fällt bei dem Lokführern durch.

«Unausgereift» und «nicht umsetzbar»: Die «adaptive Lenkung» fällt bei dem Lokführern durch.

(Bild: Keystone Ti-Press/Carlo Reguzzi)

Martin Furrer

Die Geschichte von Andreas Meyer und Doris Leuthard – es ist die Geschichte einer harmonischen Beziehung, mehr noch: Sie ist fast schon eine Liebesgeschichte. Meyer, der Konzernchef der SBB, und Leuthard, die CVP-Verkehrsministerin, gehen in der Energiepolitik Hand in Hand.

Vor drei Jahren erklärte Leuthard vor den Medien in Bern, um «den Ausstieg aus der Atomenergie zu schaffen» sei «ein Umdenken unumgänglich». Sie präsentierte dabei stolz «ein Vorbild», das gewillt sei, «bei der Energiewende demonstrativ den Lead übernehmen» – Meyer lächelte versonnen.

Der Manager versprach, die SBB würden «bis 2025 komplett auf erneuerbare Energie umsteigen». Seither inszeniert sich der bundesnahe Betrieb als Unternehmen auf politisch korrekter Fahrt ins Glück einer schönen, neuen Energiesparwelt.

Tablets im Führerstand

Vor einem knappen Jahr folgte dem Versprechen die schriftliche Absichts­erklärung. Meyer strahlte. Leuthards Umwelt- und Verkehrsdepartement jubelte. Es teilte mit, die SBB könnten das Ziel «dank einer energiesparenden Fahrweise» schnell erreichen. Ein neues Konzept namens «adaptive Lenkung» werde es möglich machen. Dabei sendet die SBB-Betriebszentrale, die den Überblick über die Verkehrslage, Staus und Rotlichter auf dem Schienennetz hat, zusätzlich zu den regulären Tempo-Signalen separate Geschwindigkeits-Empfehlungen auf einen mobilen Tablet-Computer in den Führerstand. Dies soll den Männern im Cockpit helfen, vorausschauender und dadurch stromsparender zu fahren als bisher.

Meyer könnte seine Liebe zu Leuthards lenkender Politik natürlich nicht leben ohne treue Mitarbeiter, «welche den Gedanken einer nachhaltigen SBB im Arbeitsalltag umsetzen», wie es im «SBB-Nachhaltigkeitsbericht 2014» so schön heisst. Deshalb ver­anstalteten die SBB regelmässig entsprechende «Sensibilisierungen» und «informative Mittagsanlässe».

Die Lokomotivführer jedoch, obschon von ihrem obersten Chef sensibilisiert, informiert und instruiert, die Waggons künftig adaptiv zu lenken, machen nicht mit. Ausgerechnet die Lokomotivführer, diese sonst so technikbegeisterten, bodenständigen, loyalen Gesellen – sie leisten Widerstand. Sie lehnen sich auf. Sie rebellieren.

Ärger im Verband

Meyer und Leuthard – sahen wir sie nicht schon als Traumpaar unterwegs in triumphaler Fahrt Richtung Energie-­Idylle, elegant wie ein Hochgeschwindigkeits-Zug, dessen Weichen auf Erfolg gestellt sind?

Diese schöne Fahrt wird jetzt zwar nicht definitiv beendet. Aber sie wird massiv gestört. «Immer wieder», liest man nämlich in der Zeitschrift «Loco­Folio», dem offiziellen Organ des Verbandes Schweizerischer Lokomotivführer, «sieht sich das Personal mit neuen Bestimmungen konfrontiert, die unausgereift und deshalb nicht umsetzbar sind». Dazu gehöre das Konzept der adaptiven Lenkung, kritisiert der politisch neutrale Verband, der etwa einen Drittel der rund 3500 Personen- und Güterzug-Lokführer vertritt. Das Konzept sei untauglich für die Praxis. Es sei wohl in erster Linie erfunden worden, «um dem für die SBB zuständigen Umwelt- und Vekehrs­departement Schützenhilfe zu leisten bei der Umsetzung der Energiewende».

Die SBB loben, die «ausgeklügelte Technik» des 34 Millionen Franken teuren Systems verhelfe dem Lokpersonal zu einer «optimalen Fahrstrategie». Sie helfe, «Halte vor roten Signalen zu vermeiden». So könnten jährlich zehn Millionen Franken an Energiekosten eingespart werden.

Die Lokführer-Gewerkschaft hingegen sieht in den Tablets eine «elektronische Spielerei», ja eine «Gefahr», weil sie vom Blick auf wichtige Instrumente ablenkten und mitunter gar ein höheres Tempo anzeigten, als es die Situation erlaube.

Warntöne im Cockpit

Einige Lokführer wiederum hätten, wären sie den Anweisungen des Geräts gefolgt, Zwangsbremsungen durchführen müssen, so dass der Energiespar-Effekt «auf einen Schlag verpufft wäre». Zudem sende das Gerät verwirrende Warntöne aus, die denjenigen des Zugkontroll-Systems ähnelten.

«Wir Lokführer», so ein Verbandsmitglied zur «Basler Zeitung», «sind schon immer energiesparend gefahren. Die adaptive Lenkung verschlingt unter dem Strich mehr Energie, als dass sie einspart».

Die Konzernleitung sei über die ­Vorbehalte informiert worden, sagt der Mann. Genützt hat es bisher nichts. Meyer und Leuthard lächeln die Bedenken einfach weg.

Basler Zeitung

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