«Professor Imhof soll in seinem eigenen Laden Ordnung schaffen»

Der Soziologe Imhof spricht von Lynchjustiz, der Bundesrat fordert einen Krisengipfel – nach der Kampagne gegen Samuel Schmid stehen die Medien in der Kritik. Verlegerpräsident Lebrument hält die These vom Rudeljournalismus für falsch.

Herr Lebrument, der Soziologen Kurt Imhof kommt zum Schluss, eine Treibjagd wie jene gegen Bundesrat Samuel Schmid habe es kaum jemals gegeben. Wie krank ist die Schweizer Medienlandschaft? Ich bin erst gestern aus den Ferien zurückgekehrt und muss sagen, dass ich es – gelinde gesagt – unerhört finde, was da abläuft. Es kann doch keine Rede davon sein, dass beim Fall Schmid alle Medien gleichgeschaltet waren. Dass Schmids Amtsführung, nicht zuletzt im Hinblick auf die Affäre Nef, eine Unisono-Kritik ausgelöst hat, dagegen lässt sich wohl nichts einwenden. Die Folgerungen, welche die einzelnen Medien daraus schlossen, waren aber höchst unterschiedlich. Der Fall wurde breit und unterschiedlich kommentiert.

Imhof behauptet in einer Studie, die Schweizer Medien hätten seit dem Ungarn-Aufstand 1956 nie mehr so einhellig in eine Richtung geschrieben. Das stimmt nicht. Erinnern wir uns etwa an die Pelzmantel-Affäre um den damaligen Bündner Regierungsrat Peter Aliesch. Da konnte man sagen, dass alle Schweizer Medien dasselbe schrieben. Bei Schmid trifft das nicht zu: Zwar stand er lange Zeit im Mittelpunkt des Interesses, darüber geschrieben wurde aber sehr differenziert.

Sie zweifeln also an, dass die Studie von Imhof stichhaltig ist? Und ob. Nehmen wir als Beispiel die «Südostschweiz» (SO), die ich verlege. Die Zeitung vertrat eine völlig andere Auffassung in der Affäre Schmid als die Zürcher Medien. Das hat SO-Chefredaktor Andrea Masüger Herrn Imhof auch mitgeteilt. Dieser hat dann aber verlauten lassen, dass seinem Institut das Geld fehle, unsere Zeitung zu abonnieren. Für mich zeigt das: Er hat offenbar nur eine ganz enge Auswahl an Zeitungen bei der Studie untersucht. Nicht einmal alle Regionen der Schweiz mit ihren wichtigsten Medienorganen wurden angeschaut. Ich würde Kurt Imhof deshalb empfehlen, in seinem eigenen Laden Ordnung zu schaffen. Er sollte besser öfter in seinem Institut sein – und weniger vor der Kamera.

Auch die Bundesräte Doris Leuthard und Rudolf Merz finden laut der Zeitung «Sonntag», die Medien seien in der Affäre Schmid ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen. In Bern zählt offenbar nur die Sicht der Zürcher Medien. Man schaut auf die Titel von Ringier, Tamedia, NZZ und schliesslich auch auf das Schweizer Fernsehen. Diese Titel decken aber nicht die ganze Schweiz ab. Auch wenn Zürich für einmal einen Accord general findet, ist das noch lange nicht die Meinung der ganzen Schweiz. Ich wehre mich darum in aller Form gegen die Kritik des Bundesrats. Wir haben einen vielfältigen und anständigen Journalismus hierzulande.

Sie haben also kein Verständnis für die Kritik der Bundesräte? Ich kann die Betroffenheit bei den Bundesräten Leuthard und Merz gewissermassen nachvollziehen. Wenn ein Ratskollege ständig in den Schlagzeilen ist und scharf kritisiert wird, kann man zum Schluss kommen «Gopfridstutz, jetzt könnten die Medien den Schmid mal in Ruhe lassen». Mein Verdacht ist allerdings auch, dass die Bundesräte nicht genügend informiert werden, was in den Zeitungen der Ostschweiz oder Nordwestschweiz steht.

Leuthard verlangt nun einen Krisengipfel mit Verleger, Chefredaktoren und Presserat. Werden Sie die Einberufung einer solchen Konferenz unterstützen? Es braucht keinen Krisengipfel. Wenn wir vom Bundesrat aber eingeladen werden, nehmen wir am Gespräch teil. Ich werde mich dem sicherlich nicht widersetzen. Mich macht aber stutzig, dass zuerst eine Krise ausgerufen wird - und dann erst der Gipfel. Ich hätte mir gewünscht, dass man schon vorab miteinander spricht.

Sie forderten unlängst, dass sich Journalisten bei ihrer Arbeit nicht mehr allein auf die Öffentlichkeit berufen dürfen, sondern in erster Linie auf die Interessen der Unternehmen. Kommen die Verleger ihren politischen Interessen nicht mehr nach? Ich sprach in Montreux über die sinkenden Auflagen der Kaufzeitungen. Ich sagte, die starre Trennung zwischen Verleger und Redaktion müsse relativiert werden. Wir müssen gemeinsam danach streben, ein Qualitätsprodukt zu produzieren. Dabei spielt der Verleger genauso eine Rolle wie die Redaktion, und schliesslich die Disziplin der Redaktion ebenso wie die Pressefreiheit. Dass der Journalist für die Öffentlichkeit schreibt, ist mir auch klar. Mir geht es darum, den Negativtrend bei den Kaufzeitungen zu stoppen. Mit der obigen Debatte hat das nichts zu tun.

Vielleicht schon: Statt ihrer politischen Aufgabe stehen heute die kommerziellen Interessen der Verlage im Vordergrund. Der Vorwurf: Bei den Gratiszeitungen verwischen sich die Grenze zwischen kommerziellen und publizistischen Inhalten, im Internet werden Berichte so rasch publiziert, dass die Sorgfalt darunter leidet. Bundesrat Moritz Leuenberger hat letzten Frühling an der Generalversammlung der europäischen Verleger die Gratiszeitungen gelobt. Er pries, dass die Gratiszeitungen weniger wertend verfahren, sich kurz halten, und die Leute wieder nachvollziehen können, was die Medien schreiben. Fakt ist auch: Heute wollen die Menschen schnell informiert werden.» Ich sehen nicht ein, dass man den Verlagen vorschreiben müsste, dass eine Geschichte im Internet erst publiziert werden darf, wenn sie sechs Stunden lang bearbeitet wurde. Dass bei diesem Tempo Fehler vorkommen, will ich aber nicht bestreiten. Deswegen zu behaupten, dass der Journalismus schlechter geworden ist, wäre aber falsch.

baz.ch/Newsnet

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