Pendler wollen allein im Auto sitzen

Ein Pendlerauto ist im Schnitt mit 1,1 Personen besetzt – noch weniger als vor 20 Jahren. Die Lösung gegen den Stau heisst: Fahrgemeinschaften. Coop plant nun ein Experiment.

Pendlerstrom: Feierabendverkehr auf der Autobahn zwischen Zürich-Wiedikon und dem Autobahndreieck Zürich-Süd.

Pendlerstrom: Feierabendverkehr auf der Autobahn zwischen Zürich-Wiedikon und dem Autobahndreieck Zürich-Süd.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Stefan Häne@stefan_haene

Autopendler sind einsame Menschen. Bei Fahrten zur Arbeit oder nach Hause sitzen durchschnittlich nur 1,12 Personen in einem Wagen. Das ist deutlich weniger als bei Freizeitfahrten (1,99) oder bei Fahrten für Einkäufe (1,64). Dies zeigt die jüngste Verkehrsbefragung des Bundes: Im sogenannten Mikrozensus 2010 haben rund 63'000 Personen Auskunft über ihr persönliches Verkehrsverhalten gegeben.

Über alle Fahrkategorien betrachtet, liegt der Wert bei 1,6 Personen pro Fahrzeug. Damit sind die Autos heute noch schlechter ausgelastet als früher. 1994 waren es 1,62 Personen (weiter zurück lassen sich die Daten aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden nicht vergleichen). Der Rückgang ist zwar marginal. Bedeutsam ist der Befund gleichwohl, zeigt er doch, dass die Autonutzer ihr Verhalten in den letzten 20 Jahren nicht verändert haben.

Dabei würde eine bessere Besetzung der Fahrzeuge sowohl ökonomisch als auch ökologisch Sinn machen, wie vom TA befragte Fachleute übereinstimmend sagen. «Es gäbe weniger Stau, und auch die Umweltbelastung nähme ab», sagt etwa der Berner Mobilitätsexperte Franz Mühlethaler, der beim Zürcher Jungunternehmen Cabtus arbeitet. Profitieren könnten auch die Autopendler – finanziell.

Flexible Arbeitszeit als Problem

Mühlethaler beschäftigt sich seit Jahren mit dem sogenannten Carpooling und hat mehrere Forschungsprojekte durchgeführt, unter anderem im Auftrag des Bundes. Dank Befragungen von Autofahrern ist er zu spannenden Befunden gelangt. Als Mythos entpuppt hat sich etwa, dass die Autofahrer in ihrem Wagen ein Statussymbol sähen und ihr Reich auf vier Rädern deshalb mit niemandem teilen wollten. Die geringe Auslastung der Autos wurzelt vielmehr im Bedürfnis der Gesellschaft, maximal flexibel zu sein.

Hier ortet Mühlethaler denn auch den Grund für die leichte Abnahme der Werte gegenüber 1994: Die Arbeitszeiten seien im Vergleich zu den 90er-Jahren nochmals flexibler geworden. Immer mehr Leute müssten abends überraschend länger arbeiten oder würden nach verrichtetem Tageswerk nicht direkt nach Hause fahren, sondern frönten ihren Hobbys oder gingen einkaufen. Gesunken sei deshalb die Bereitschaft, auf die Flexibilität des Autos zu verzichten, sagt Mühlethaler. «Doch Fahrgemeinschaften müssen berechenbar sein.»

Ideale Voraussetzungen bieten Betriebe mit Schichtarbeiten. Einer davon ist Coop. In seiner Einkaufs- und Verteilzentrale in Wangen will Coop nun erstmals testen, inwieweit sich das Personal dazu animieren lässt, Fahrgemeinschaften zu bilden und diese zu pflegen. «Das Projekt ist Teil unserer Bemühungen für eine nachhaltigere Mobilität», sagt Sprecherin Nadja Ruch. Seit Mitte September läuft eine Umfrage unter den 900 Mitarbeitern in Verwaltung und Logistik. Ob beim Personal genügend Bereitschaft besteht, ist noch unklar – und ebenso, wann das Projekt starten wird. Coop will zuerst das Ergebnis der Umfrage abwarten.

Firmen kaum interessiert

Mit dem geplanten Experiment bewegt sich der Grossverteiler auf ziemlich einsamen Wegen. Noch pflegen erst wenige Firmen ein seriöses Mobilitätsmanagement. Das Bundesamt für Energie hat 2008 ein Förderprogramm gestartet, das in diesem Frühjahr geendet hat. Daran teilgenommen haben 135 Betriebe mit total 35'000 Mitarbeitenden – eine kleine Zahl angesichts der circa 313'000 Unternehmen und 3,5 Millionen Beschäftigten in der Schweiz.

Experte Mühlethaler, der Firmen berät, spricht von einem «harzigen Vorwärtskommen». Er schlägt daher vor, das Mobilitätsmanagement für verbindlich zu erklären. In Frankreich und Italien etwa verpflichte der Staat die Unternehmen dazu und kontrolliere die Umsetzung. Ansetzen könnten die Firmen bei den eigenen Parkplätzen, die sie nur noch Mitarbeitenden in Fahrgemeinschaften abgeben könnten. «Am Stauproblem sind die Firmen mitschuldig», sagt Mühlethaler. Sie mehr in die Pflicht zu nehmen, hält er deshalb für legitim. Dieser Ansicht ist auch Energieexperte Hanspeter Guggenbühl. Sein Vorschlag: Die Arbeitgeber sollen künftig eine Pendlerabgabe bezahlen, um den Ausbau der Bahn- und Strassenkapazität verursachergerecht mitzufinanzieren. Die Abgabe sollte pro Arbeitsplatz und nach Pendeldistanz bemessen werden. Durch die Abgabe entstünde ein Anreiz, das Pendeln zu vermindern, sei es durch die Förderung von Heimarbeit, sei es durch die Bevorzugung von Angestellten, die in der Nähe wohnen (TA vom 9. Oktober).

2 Personen pro Auto: Stau weg

Beide Ideen dürften politisch einen schweren Stand haben. Als nicht umsetzbar gilt unter Fachleuten der Vorschlag, auf Autobahnen eine Extraspur zu schaffen für Autos mit zwei oder mehr Personen. Was zum Beispiel in den USA längst Tatsache ist, lässt sich aufgrund der engen Platzverhältnisse hier kaum realisieren. Eine Knacknuss bleibt der Freizeitverkehr, der 40 Prozent des Gesamtverkehrs ausmacht. Hier ist die Auslastung mit zwei Personen pro Auto zwar grösser als beim Pendelverkehr. Wie sie sich weiter steigern lässt, darüber brüten Experten schon lange, ohne Zwangsmassnahmen wie Belegungsvorschriften dürfte es jedoch schwierig werden.

Beim Freizeit- wie beim Arbeitsverkehr besteht die Gefahr eines sogenannten Rebound-Effekts: Schrumpft die Blechkolonne, gibts wieder mehr Platz auf der Strasse, was neue Autos anziehen könnte – der erzielte Gewinn wäre zunichte gemacht. Mühlethaler verhehlt dieses Risiko nicht. Gleichwohl plädiert er für eine bessere Auslastung der Fahrzeuge. Läge diese nur schon bei 2 Personen pro Auto statt wie heute bei 1,6, liessen sich 15 bis 20 Prozent der gefahrenen Kilometer und entsprechend C02 (750 Tonnen pro Tag) einsparen, wie der Fachmann für den Grossraum Zürich berechnet hat. «Das Stauproblem wäre weg.»

Tages-Anzeiger

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