«Ohne einen neuen, grossen Stausee sind die Ziele nicht zu erreichen»

Energiezukunft

Für den AKW-Ersatz braucht es mehr Wasserkraft. Höhere und neue Staumauern sind eine Option. Doch, wo ist das überhaupt noch zu machen?

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Matthias Chapman@matthiaschapman

Das kühnste und gleichvoll umstrittenste Stauseeprojekt plante die Schweiz im Urserental. Das Hochtal wäre von Andermatt bis Realp überflutet worden. Ein gigantischer Stausee wäre entstanden, praktisch vollständig von Bergen umringt und somit geologisch optimal für ein Staubecken. Hunderte Menschen hätten ihre Heimat verloren und umgesiedelt werden müssen. Doch so weit kam es nicht. Die Bevölkerung wehrte sich mit Erfolg, obwohl der Bund noch 1946 die Armee gegen den Aufstand einsetzte. Andere bewohnte Täler schrieben eine andere Geschichte. Marmorera etwa oder Zervreila, die zwei Bündner Dörfer wurden in den 50er-Jahren geflutet. Das gleiche Schicksal ereilten Göscheneralp, Innertal und weitere Siedlungen. Die Phase, als grössere Staumauern in der Schweiz gebaut wurden, endete um 1970, als letztes Grossprojekt wurde Emosson realisiert. Ein 180 Meter hohes Bauwerk, das knapp 230 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten kann.

Jetzt, mit dem anvisierten Ende des Atomzeitalters, soll die Wasserenergie nochmals einen Schub erfahren. Bundesrätin Doris Leuthard hatte den Ausbau der Wasserkraft als einen Träger ihrer «Energieperspektiven 2050» gepriesen. Am letzten Freitag nun veröffentlichte das Bundesamt für Energie ein «Faktenblatt» mit dem Untertitel «Abschätzung des Ausbaupotenzials der Wasserkraftnutzung unter neuen Rahmenbedingungen». Darin stecken Erläuterungen zur nackten Zahl von rund 4 Terawattstunden Strom, welche die Wasserkraft künftig zusätzlich liefern soll.

Greina ist politisch undenkbar

Im «Faktenblatt» ist die Rede von «Neubauten Grosswasserkraftprojekte», die bis zu 2,4 Terawattstunden zusätzlichen Strom bringen sollen. Darin enthalten die «Nutzung in VAEW-Gebieten». Diese Abkürzung hat es in sich: Es sind Gebiete, die aus Gründen des Landschaftsschutzes vor der Nutzung der Wasserkraft geschützt werden. Greina heisst das Schlüsselwort dazu. Die Hochebene sollte überflutet werden. Baubeginn für eine grosse Talsperre war für 1991 geplant. Schliesslich aber scheiterte das Projekt ebenfalls am Widerstand des Volkes. Landesweit kam es zu Protestaktionen. Bereits 1986 wurde das Projekt beerdigt. Obwohl nicht beim Namen genannt, geistert der Begriff Greina seit dem letzten Freitag wieder in einschlägigen Kreisen herum. «Es ist absurd, jetzt wieder von Greina zu sprechen», sagte der Nationalrat und Präsident der Greina-Stiftung, Reto Wehrli, der «NZZ am Sonntag».

Bei Greina winkt Professor Anton Schleiss von der ETH-Lausanne ab. «Greina ist politisch undenkbar, es ist ein geschütztes Gebiet», so der Experte für Wasserbau. Zur selben Kategorie zählt das Gebiet Rheinwald am Splügen, wo während des Zweiten Weltkriegs zwei grosse Mauern geplant waren. Jetzt ist eine relativ kleine Mauer geplant. Im Hinblick auf die ambitionierten Pläne für den Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz meint Schleiss aber auch: «Ohne einen neuen grossen Stausee sind die Ziele nicht zu erreichen.»

Im Furkagebiet?

Fragt sich nur, wo dieser zu stehen kommen soll. Schleiss macht wenig Hoffnung. «Politisch ist das kaum noch umsetzbar.» Trotzdem drückt sich der Professor nicht um eine Antwort. In der Hochebene bei Gletsch unterhalb der Furka und des Rhonegletschers, «da besteht die Möglichkeit eines grossen Stausees», sagt der Fachmann. Um im gleichen Atemzug nachzuschicken: «Ich rede da nur von der technischen Machbarkeit.» Auch dieses Projekt war schon einmal angedacht, dann aber wieder in der Schublade verschwunden.

Es ist heikel, Gebiete beim Namen zu nennen, die für einen Ausbau der Wasserkraft infrage kommen. Das war schon damals, als er 1987 für das Bundesamt für Energie eine Studie für den Ausbau der Wasserkraft erstellte. Auf dutzenden Seiten wurde das Potenzial ermittelt, was noch vorhanden ist, ohne aber die Namen von betroffenen Anlagen zu nennen, so wie dies auch bei der neuesten Studie von 2004 im Auftrag des BFE der Fall war.

Erstmals Projekte beim Namen genannt

Am Wochenende tat er es was die Vergrösserung von bestehenden Stauseen betrifft. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sprach er von über 10 Talsperren (siehe separate Tabelle), die aufgestockt werden könnten. Die Projekte hatte er allesamt schon in seinen Plänen von 1987 einbezogen. Inzwischen erhöht wurde die Staumauer Mauvoisin (1991) und die Projekte Göscheneralp und Grimsel sind weit fortgeschritten und baureif. Von den restlichen damals untersuchten Talsperren wurde bis jetzt keine weiter verfolgt, «weil das ökonomisch unter den bestehenden Rahmenbedingungen keinen Sinn macht». Das heisst, die Investitionen liessen sich nicht in nützlicher Frist amortisieren. Damit das gegeben wäre, müsste sich der Strompreis zu Spitzenzeiten des Verbrauches nach Ansicht von Schleiss etwa verdoppeln. Allerdings würden Staumauererhöhungen in der Regel nicht mehr Energie liefern, aber die Stromproduktion im kritischen Winterhalbjahr erhöhen, was für die Versorgungssicherheit der Schweiz von grösster Bedeutung ist.

Überhaupt mag sich Schleiss mit den rudimentären Berechnungen des Bundesamtes für Energie nicht recht anfreunden. Er hält das noch verwertbare Potenzial der Wasserkraft in der von Doris Leuthard genannten Höhe kaum realisierbar. Derzeit betrage die Stromproduktion aus Wasserkraft jährlich rund 36 Terawattstunden. Allgemein wird das technisch ausnutzbare Wasserkraftpotential der Schweiz inklusive Kleinwasserkraftwerke auf rund 42 TWh geschätzt. Aber: «Eine 100-prozentige Nutzung ist schlicht nicht möglich.»

baz.ch/Newsnet

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