«Natürlich würden die Frauen Nein stimmen»

Interview

Statt den Wehrdienst für Männer abzuschaffen, könnte man einen allgemeinen Bürgerdienst für Frauen und Männer einführen. Das spaltet die Grüne Partei. Nationalrätin Yvonne Gilli sagt, weshalb sie dafür ist.

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Rupen Boyadjian@RupenB

Sie sprechen sich für eine allgemeine Dienstpflicht für Frauen und Männer aus. Weshalb?
Es gibt für mich zwei grundsätzliche Argumente: Das erste ist gleichzeitig auch die Voraussetzung. Eine allgemeine Dienstpflicht ergibt nur Sinn, wenn sie sich nicht an Kriegsführung, sondern an Friedenssicherung und allgemein grundsätzlich solidarisch zu erbringenden Leistungen in der Gesellschaft von heute orientiert. In diesem Sinn unterstütze ich es, wenn alle jungen Menschen in einer Solidargemeinschaft auch gemeinschaftlich einen Dienst leisten zugunsten der Gesellschaft. Zweitens macht es in der heutigen Gesellschaft nur Sinn, dass solidarische Leistungen von Frauen und Männern gleichberechtigt erbracht werden.

Die meisten Frauen würden einen obligatorischen Dienst an der Urne doch ablehnen. Weshalb sollten Frauen künftig Dienst leisten?
Ja, natürlich würden sie Nein stimmen, wenn diese Dienstpflicht im alten grünen Kampfanzug daherkommt. Auch ich stimme unter diesen Umständen für die Armeeabschaffung. Ich bin mir aber nicht sicher, ob junge Menschen, Frauen und Männer, einen sinnvollen Einsatz zugunsten unserer Gesellschaft an der Urne ablehnen würden.

Wie könnte die neue Dienstpflicht ausgestaltet sein?
Da sich die heutige Dienstpflicht noch weitgehend an einer Kriegsführung des letzten Jahrhunderts orientiert, gibt es keine Entscheidungsgrundlagen für mögliche zukünftige Modelle. Diese müssen zuerst geschaffen und breit diskutiert werden. Worin wir aber sicher Erfahrung haben, das ist im Bereich der Bewältigung von Naturkatastrophen wie Erdrutschen oder Überschwemmungen. Diese Erfahrungen können sicher miteinbezogen werden in der Erarbeitung zukünftiger Modelle.

Was sagen Sie zum Einwand einiger Kritiker, der Dienst könne gar nicht umgesetzt werden, weil es zu wenige geeignete Einsatzmöglichkeiten für die vielen Tausend Dienstpflichtigen gibt?
Die Umsetzung ist nicht eine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens – aber sicher eine Herausforderung.

Einige geben zu bedenken, die Kinderbetreuung sei in der Schweiz zu wenig gut ausgebaut, als dass Frauen drei Wochen pro Jahr fehlen könnten.
Das ist eine Ausrede. Erstens stellt sich die Frage, ob eine zeitgemässe Wehrpflicht die gleiche Struktur braucht wie der alte Wiederholungsdienst. Auch andere praktikable Dienstzeiten sind vorstellbar. Und zweitens ist es höchste Zeit, dass Frauen und Männer sich auch die Familienverantwortlichkeiten gleichberechtigt teilen, sonst wird eine allgemeine Dienstpflicht zur Farce.

Auch mit einer allgemeinen Dienstpflicht wäre zu erwarten, dass der Militärdienst überwiegend von Männern geleistet wird. Würden dann nicht weiterhin alte Geschlechterrollenbilder zementiert, wie es einige dem heutigen System vorwerfen?
Es ist eine Frage der Ausgestaltung der Dienstpflicht, ob ein veraltetes Rollenmodell zementiert wird. Sicher gilt das für die Dienstpflicht von heute – aber die Krise, in der sie sich seit Jahren befindet, zeigt, dass dieses Modell nicht zukunftsfähig ist. Unter anderem auch, weil moderne Gender-Aspekte nicht integriert sind.

baz.ch/Newsnet

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