Musikpavillon als Schandmal

Der Pavillon im Zürcher Platzspitz soll renoviert werden. Das weckt schlechte Erinnerungen an noch schlechtere Zeiten.

«Der Platzspitz bot ein weltweit be­achtetes, für die Schweiz blamables Schaufenster»: Das Pavillon auf dem Platzspitz.

«Der Platzspitz bot ein weltweit be­achtetes, für die Schweiz blamables Schaufenster»: Das Pavillon auf dem Platzspitz.

(Bild: Urs Jaudas)

Helmut Hubacher

Im Platzspitz-Park beim Hauptbahnhof in Zürich steht ein denkmal­geschützter Musikpavillon. Er ist Teil einer historischen Parkanlage aus der Zeit der Schweizerischen Landesausstellung von 1883. Nun hat der Zürcher Stadtrat beschlossen, den Pavillon für 1,14 Millionen Franken zu restaurieren. Er besteht aus einer filigranen Eisenkonstruktion und dem mit Grünspan belegten Kupferdach.

Das wäre für eine BaZ-Kolumne kein sich aufdrängendes Thema. Aber der Platzspitz verschaffte sich in den 1980er-Jahren traurige Berühmtheit. Mit dem Musikpavillon in einer beschämenden Funktion.

Der Platzspitz bot ein weltweit be­achtetes, für die Schweiz blamables Schaufenster. Zur Schau gestellt wurde ein in seiner Dimension und Dramatik bislang unbekanntes Drogenelend.

Sepp Estermann, Stadtpräsidentvon Zürich, bat den Bund um Hilfe. Womit diese Drogenszene auch uns im Nationalrat beschäftigte. FDP-Präsident Franz Steinegger und ich als SP-­Vorsitzender besuchten Ende 1989 den Tatort Platzspitz. Diese Besichtigung ist nie aus meinem Gedächtnis gelöscht worden.

Wir hatten einen bitterkalten Novembertag erwischt. Ich fror selbst im Wintermantel. Von den Drögelern waren für diese Kälte wenige warm genug angezogen. Die Armut schaute einem aus den Kleidern an. Allein diese «Anlege» beelendete uns schon. Sie trafen sich aus zwei Gründen im Platzspitz. Erstens, um sich die auf dem Dealermarkt beschafften Drogen zu spritzen. Wer, wie ich, so etwas noch nie gesehen hat, litt schon beim Zuschauen. Die meist verwahrlosten Drogensüchtigen boten einen jämmerlichen Anblick. Ich habe sie eigentlich bloss noch als menschliche Wracks wahrgenommen.

Zweitens haben sie sich auf dem Platzspitz verpflegt. Freiwillige Frauen kochten für sie. Sie müssen doch einmal am Tag warm essen können, hörten wir. Diese Fürsorgerinnen dürften die Einzigen gewesen sein,die mit den aus der Gesellschaft gekippten Menschen noch lieb um­gegangen sind. Sie in ihrem Seelenschmerz bemuttert haben.

Von den Frauen vernahmen wir ­Barbarisches. Im Musikpavillon übernachteten die Obdachlosen. Eng verschlungen, um sich gegenseitig warm zu geben. Zugedeckt mit schä­bigen Wolldecken.

Das Schlimmste folgt erst. Drögeler sind wie Kriminelle behandelt worden. Moment: Das wäre bei denen ver­boten. Wer morgens um 7 Uhr noch da lag, sei von der Polizei abgespritzt worden, schilderten uns Frauen.

Ich weiss noch, wie ich entsetzt hinausgeschrieben habe: «Das darf doch nicht wahr sein. Das wäre in Basel nicht möglich. Unsere Polizei würde so etwas niemals machen.» Das ist es, was mir beim Stichwort Musikpavillon eingefallen ist.

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