«Misstrauensvotum für emanzipierte Männer»

Interview

Männer fordern von Justizministerin Simonetta Sommaruga das gemeinsame Sorgerecht – jetzt. Mediator und Rechtsanwalt Christof Brassel sagt, weshalb das Sorgerecht für die Männer so wichtig ist.

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Claudia Blumer@claudia_blumer

Verstehen Sie die Wut der Männer auf Simonetta Sommaruga?
Ich finde es völlig unverständlich, dass das Departement die Frage des gemeinsamen Sorgerechts auf die lange Bank schiebt. Das gemeinsame Sorgerecht ist eine Sache, die man losgelöst von allen andern Fragen jetzt regeln kann. Das Hinausschieben des gemeinsamen Sorgerechts als Regelfall ist für emanzipierte Männer, die sich für ihre Kinder engagieren, ein Misstrauensvotum.

Emanzipierte Frauen sagen, bei der Gleichstellung der Männer gehe es sehr schnell voran, während die Gleichstellung der Frauen Jahrzehnte in Anspruch nimmt.
Die Gleichstellung der Frauen ist wichtig, die gilt es voranzutreiben. Umso mehr sollten daher Männer, die sich für ihre Kinder engagieren, nicht brüskiert werden.

Ist das gemeinsame Sorgerecht den Männern, die zu Ihnen in die Mediation kommen, wichtig?
Die Mehrheit aller Männer, mit denen ich im Rahmen einer Mediation zu tun habe, verhält sich in Kinderfragen aktiv und kooperativ. Dass sie nach der Scheidung nicht automatisch sorgeberechtigt sind, ist für sie ein Misstrauensvotum.

Es gibt auch Väter, die sind nicht sorgeberechtigt und merken es gar nicht, weil sich de facto gar nichts ändert.
Man streitet sich tatsächlich um etwas, bei dem viele nicht genau wissen, was es ist. Denn das Sorgerecht betrifft vor allem die entscheidenden Fragen im Leben eines Kindes wie Ausbildung, medizinische Eingriffe, Religion. Es kommt nicht so häufig vor, dass sich Eltern darüber streiten. Die wichtigen Alltagsentscheidungen liegen ohnehin in der Kompetenz der Obhutsinhaberin. Und bei medizinisch dringenden Fällen muss die Person, welche die Obhut hat, sofort handeln.

Das Sorgerecht hat also weitgehend symbolischen Wert. Ist dieser so wichtig?
Ich denke schon. Wer sich engagiert, muss auch eine Wertschätzung erhalten. Das würde eine deutliche Entspannung bewirken.

Es kursieren zweierlei Klischees: Von der Frau, die es sich mit den Alimenten des Scheidungsvaters bequem macht, und vom Vater, der sich um die Unterhaltspflicht drückt und sich nicht um die Kinder kümmert. Treffen diese Bilder zu?
Die Wirklichkeit ist so facettenreich, ich kann diese Klischees nicht bestätigen, sie kommen in Reinkultur eher selten vor. Aber natürlich gibt es Männer, die generell meinen, wenn sie geschieden seien, müssten sie nichts mehr zahlen. Und Frauen, die aus emotionaler Verletztheit das Bedürfnis haben, eine Kompensation in finanzieller Form einzufordern.

Simonetta Sommaruga will die neue Sorgerechtsregelung mit einer neuen Unterhaltsregelung verknüpfen. Im Notfall soll der alimentenpflichtige Elternteil aufs Sozialamt gehen müssen.
Eine Regelung, die den unterhaltspflichtigen Elternteil zum Sozialhilfeempfänger macht, würde viele Männer unnötig demotivieren. Sinnvoll wäre es dagegen, die Skos-Richtlinien im Interesse von Alleinerziehenden zu ändern. Eine neue Unterhaltsregelung braucht Zeit, man sollte dies sehr sorgfältig anschauen und keine polarisierende Regelung bevorzugen. Und vor allem sollte man die Sorgerechts- nicht mit der Geldfrage verquicken. Simonetta Sommaruga sollte alles tun, um eine Entspannung zwischen den Scheidungspartnern zu fördern. Das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall wäre ein wichtiges Signal dazu.

Viele Väter machen mit den Kindern gerade mal einen Sonntagsspaziergang. Sie sollen aber unbedingt sorgeberechtigt sein?
Wenn sich ein Elternteil zu wenig um das Kind kümmert, muss der andere das alleinige Sorgerecht beantragen können. Der Entscheid darüber liegt beim Gericht.

Stehen die Männer wirklich so schlecht da, wie uns die IG Antifeminismus weismachen will?
Das ist nicht mein Eindruck. Es gibt viele haarsträubende Geschichten auf beiden Seiten. Und es wäre anmassend, wenn ich sagen würde, die lassen sich mit dem gemeinsamen Sorgerecht aus der Welt schaffen. Aber das Klima würde sich damit spürbar entspannen, je früher desto besser. Im Übrigen besteht dann auch weniger die Gefahr, dass das wichtige Thema der Elternverantwortung zur populistischen Stimmungsmache missbraucht wird.

baz.ch/Newsnet

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