«Mädchen lernen zu wenig, sich zu widersetzen»

Frauen trauen sich zu wenig zu, zeigt der Bildungsbericht. Mathilde Jaccard kennt das. Aber selber schuld seien die Frauen daran nicht, sagt die Kunststudentin.

Mathilde Jaccard (22) studiert Kunstgeschichte in Freiburg. Sie ist Vorstandsmitglied des Verbands der Schweizer Studentenschaften.

Mathilde Jaccard (22) studiert Kunstgeschichte in Freiburg. Sie ist Vorstandsmitglied des Verbands der Schweizer Studentenschaften.

Talentierte junge Frauen kneifen beim Wettbewerb, talentierte junge Männer suchen ihn, zeigt eine aktuelle Forschungsarbeit. Wie ist das bei Ihnen?
Ich kenne das Problem. Wenn wir an der Universität miteinander diskutieren, nehmen sich Frauen rascher zurück und beharren nicht auf ihrer Meinung. Vor allem, wenn Männer an der Debatte beteiligt sind. Ich versuche, mich dieser Schwäche zu stellen.

Sie stimmen den Befunden der Forscher also zu?
Ganz klar. Was mich aber stört, ist die implizite Folgerung daraus, Frauen seien selber schuld daran.

Tatsächlich gibt es ja Unterschiede im Wettbewerbsverhalten. Offenbar kämpfen sich im Osten mehr Frauen bis nach oben durch. Können Sie sich dies erklären?
Ich vermute kulturelle Gründe. Dort gibt es diese Kultur, dass Frauen sich behaupten können und müssen. Bei uns hält sich hingegen die Vorstellung hartnäckig, Mädchen sollten kein Aufhebens machen und sich nicht widersetzen. Das beginnt schon früh in der Kindheit, wirkt sich dann später aber auf das Selbstvertrauen aus, das man benötigt, um jemandem zu widersprechen.

Das Wettbewerbsverhalten hat auch Auswirkungen auf die Wahl des Studienfachs. Der am Dienstag erschienene Bildungsbericht zeigt, dass in der Schweiz auf fünf Männer nur eine Frau kommt, die einen Hochschulabschluss in Mathe, Naturwissenschaften, Informatik oder Technik (Mint) macht. Trifft das auch auf Ihr Umfeld zu?
Tatsächlich! Sogar jene Kolleginnen am Gymnasium, die zuerst ein solches Studium ins Auge gefasst hatten, entschieden sich dann trotzdem dagegen.

Was vermuten Sie für Gründe?
Selbst nach etlichen Jahrzehnten Emanzipation der Frau hat sich in diesem Bereich noch zu wenig geändert. Frauen trauen sich Leistungen zu wenig zu. Um das zu ändern, muss man in der Erziehung und der Grundschule beginnen. Zu diesem Schluss kommt übrigens auch der Bericht der Akademien der Wissenschaften Schweiz zu den Mint-Fächern. Aber das wird dauern.

Was muss sich konkret ändern?
Es gibt zum Beispiel das Experiment, in dem sich junge Frauen Videos erfolgreicher Frauen ansahen. Danach konnten sie es sich selber eher vorstellen, denselben Weg zu gehen. Es braucht also Vorbilder. Je mehr Frauen oben ankommen, desto mehr werden ihren Beispielen folgen.

Dann kommt also alles von alleine gut. Es braucht einfach noch etwas Zeit?
Leider reicht das nicht. Ändern muss sich auch die Art und Weise, wie Stellen besetzt werden. Vorurteile bei Personalverantwortlichen haben zur Folge, dass Frauen immer noch seltener den Zuschlag erhalten als Männer, wie eine aktuelle internationale Studie über die Vergabe von Stellen im Forschungsbereich aufzeigt. Selbst wenn sich unter den Bewerbungsdossiers gleich viele Frauen befinden, wird eher ein Mann engagiert.

Könnte das nicht damit zusammenhängen, dass Frauen zu wenig selbstbewusst auftreten?
Diese Differenz ergibt sich bereits nach der Durchsicht der Bewerbungsdossiers. Es geht also nicht bloss um das Auftreten, sondern auch um tief sitzende Vorurteile.

Sie halten demnach die politisch diskutierten Frauenquoten, speziellen Fördermassnahmen für Frauen oder Lohnanalysen für notwendig?
Ja. Sonst geht es einfach zu lange.

Wie beurteilen Sie die Situation an den Hochschulen?
Sehen Sie. Heute sind in der Kunstgeschichte 9 von 10 Studierenden weiblich, aber nur die Hälfte der Professoren sind Frauen. In Europa besetzen Frauen nur gerade 25 Prozent der Lehrstühle, obwohl die Mehrheit der Studierenden mittlerweile Frauen sind.

Die akademische Welt ist also in der Frage der Gleichstellung der Geschlechter vergleichsweise rückständig?
Ja. Darum braucht es Gleichstellungsbeauftragte an den Universitäten. Wir vom Verband der Schweizer Studierendenschaften fordern zudem, dass die Geschlechterfrage in sämtlichen Entscheiden berücksichtigt wird. Und öffentliche Ausschreibungen von Stellen sollen sich explizit an Frauen wenden.

Wie behaupten Sie sich in dieser von Männern dominierten Uni-Welt?
Sobald das Gefühl hochschwappt, dass ich etwas nicht schaffe, lege ich einen Stopp ein. Ich analysiere, warum ich so denke. Und versuche dann, die Herausforderung anzunehmen. Momentan bin ich an meiner Masterarbeit. Abgenommen wird sie übrigens von einem Professor. Da muss ich mich überwinden, eine eigene Meinung zu einem Thema, in dem er sich bestens auskennt, zu entwickeln und seinem Urteil standzuhalten.

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