«Karrers Aussage ist arrogant»

Interview

Der zurücktretende Juso-Präsident David Roth kontert die Kritik von Economiesuisse-Chef Heinz Karrer. Zudem verrät der Luzerner, wie er den 1:12-Abstimmungskampf noch gewinnen will.

«Ich bin keine besonders spannende Person»: David Roth tritt nach drei Jahren als Juso-Präsident ab.

«Ich bin keine besonders spannende Person»: David Roth tritt nach drei Jahren als Juso-Präsident ab.

(Bild: Keystone)

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Sie treten Ende 2014 als Präsident der Jungsozialisten (Juso) zurück. Gehen Sie dann arbeiten? (lacht) Anders als die hoch bezahlten Lobbyisten der Grosskonzerne werde ich ab März 2014 nicht mehr in Bern arbeiten. Meine Zeit als Juso-Präsident war zwar nicht immer ganz stressfrei. Ich hatte aber das grosse Privileg, dass ich viel Spass an der Arbeit hatte.

Economiesuisse-Chef Heinz Karrer sagt, die 1:12-Initiative könne nur unterstützen, wer sich noch nie im Arbeitsumfeld bewegt habe. Dass Karrer nun behauptet, dass sich nur faule Menschen gegen die Millionensaläre einsetzen, zeugt von seiner Arroganz. Es ist eine Geringschätzung gegenüber den Menschen, die tagtäglich arbeiten, ohne sich Millionen auszahlen zu können.

Bei einer letzten Volksbefragung lag der Zuspruch für die Initiative gerade mal bei 35 Prozent. Was unternehmen Sie, um das Ruder in den kommenden zwei Monaten noch herumzureissen? Befürworter und Gegner einer vernünftigen Lohnbandbreite lagen praktisch gleichauf. Da die Gegner der 1:12-Initiative nicht aufzeigen können, was sie gegen die Abzockerei unternehmen, bin ich zuversichtlich. Das Rennen ist völlig offen.

Wie wollen Sie die unentschlossenen Wähler auf Ihre Seite holen? In der Schweiz stellen wir eine Lohnexplosion bei den Managersalären und eine Stagnation bei den Normalverdienenden fest. Diese Tatsache müssen wir bekannter machen. Sobald einer Mehrheit bewusst wird, dass sich einige wenige auf Kosten aller anderen schamlos bereichern, werden wir eine gute Chance haben.

Die Bürgerlichen warnen, dass die Initiative den Wirtschaftsstandort erheblich schwächen würde. Es ist die gleiche Leier wie bei der Abzockerinitiative. Leute wie Jean-François Rime (Anm. d. Red.: Präsident des Gewerbeverbandes) oder Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann werfen mit Nebelpetarden um sich und versuchen mit Detaildiskussionen vom eigentlichen Thema abzulenken. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich am Ende der gesunde Menschenverstand durchsetzt.

Nicht nur bei den Bürgerlichen regt sich grosser Widerstand. Selbst prominente Politiker aus ihrer Mutterpartei warnen vor den Folgen der Initiative. Da bin ich sehr gelassen. Ich habe selten so viel Engagement bei den Mitgliedern gespürt. Kommt dazu, dass die Medien versuchen, mit falschen Fakten die Initiative zu schwächen. So hat sich z.B. Alexander Tschäppät (Anm. d. Red.: Berner Stadtpräsident) nie gegen die Initiative ausgesprochen. Das wurde auch im «Tages-Anzeiger» falsch getitelt. Aber die Haltung der Medien ist auch nicht weiter erstaunlich, wenn man weiss, wie viel die Verlagsbosse verdienen.

Ein anderes Beispiel: Die Basler SP-Finanzdirektorin Eva Herzog warnte vor Einbussen von bis zu 30 Millionen Franken. Das kommt für mich nicht überraschend. Frau Herzog steht in einem Amt, in dem sie von Grossfirmen wie Novartis oder Roche unter Druck gesetzt wird. Obwohl es sich nur um Einzelfälle handelt, ist das natürlich nicht hilfreich. Aber wir stehen geschlossen für die 1:12-Initiative. Die Partei fasste einstimmig den Entscheid zur Ja-Parole.

Nach drei Jahren an der Spitze der Juso treten Sie zurück. Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz? Als ich angetreten bin, schrieben viele den Niedergang der Juso herbei. Wir haben diese Stimmen nun Lügen gestraft. Wir konnten unsere Mitgliederzahl deutlich steigern und sind in der Schweizer Politlandschaft besser verankert denn je. Es handelt sich um eine Teamleistung, aber ich konnte meine Rolle als Präsident erfüllen.

Konnten Sie auch inhaltlich etwas bewegen? Die Initiative gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln hat gezeigt, dass wir Themen auch aus einer internationalen Perspektive betrachten. Dieses Problem zeigt sehr schön, wie der Finanzmarkt mehr denn je diktiert, wie sich unsere Wirtschaft gestalten soll. Unsere Initiative soll dem Einhalt gebieten.

Die Nahrungsmittelinitiative greift globale Zusammenhänge auf. Besteht nicht die Gefahr, dass diese zu komplex sind, um damit einen Erfolg an der Urne zu erzielen? Die unmittelbare Betroffenheit bei diesem Thema ist gegeben. Wir müssen uns bewusst sein, dass beispielsweise sämtliche Kunden einer Pensionskasse potenzielle Spekulanten für Nahrungsmittel sind. Die Kassen werden von den Banken dazu angehalten, in solche Produkte zu investieren. Die Schweizerinnen und Schweizer wollen nicht, dass ihre Altersvorsorge mit dem Hunger in anderen Ländern finanziert wird.

Die grösste Niederlage während Ihrer Präsidentschaft? (überlegt lange) Mich ärgert, dass wir das Referendum gegen die Steuerabkommen nicht zustande brachten. Wir hätten wohl nicht gleichzeitig gegen drei Abkommen das Referendum ergreifen sollen. Das war letztendlich eine Fehleinschätzung.

Sie übernahmen damals das Amt von Cédric Wermuth – ein erfolgreicher Provokateur. Wie war es für Sie, in seine Fussstapfen zu treten? Er konnte für uns bereits eine grosse mediale Aufmerksamkeit erkämpfen, die es zu erhalten galt. Das ist gelungen. Nicht weil ich als Person besonders spannend wäre, sondern weil wir die richtigen Themen gesetzt haben.

Wermuth sagt, der Zeitpunkt Ihres Rücktritts sei im Hinblick auf die Parlamentswahlen in zwei Jahren «ideal» gewählt. Schielen Sie bereits nach Bern? Ich bin noch im Luzerner Kantonsrat und freue mich, mich künftig stärker auf diese Arbeit fokussieren zu können. Zudem muss man realistisch bleiben. Der einzige SP-Parlamentssitz in Luzern ist im Moment besetzt. Die SP Luzern kämpft selbstverständlich für einen weiteren Sitz im Nationalrat. Doch dafür fehlen noch einige Prozentpunkte. Ob das bei den nächsten Wahlen klappt, ist zurzeit höchst fraglich.

Welche Qualitäten muss Ihr(e) Nachfolger(in) mitbringen? Neben der Lust am Politisieren braucht es vor allem eine dicke Haut. Wenn grosse Vereine wie die Economiesuisse gegen einen schiessen, braucht es viel Standfestigkeit. Zusätzlich ist die Verankerung in der Basis wichtig. Unsere Präsidentschaft wird basisdemokratisch bestimmt. Zurzeit konzentrieren wir uns aber noch voll auf den Abstimmungskampf der 1:12-Initiative.

baz.ch/Newsnet

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