Ist der Islamische Zentralrat eine Sekte?

Der Islamische Zentralrat gerät unter Druck. Muslimische Organisationen distanzieren sich. Rechtskonservative Kreise fordern gar ein Verbot. Die Uni Bern sieht Bezüge zu einer «innerislamischen Sektenproblematik».

Gerät unter Druck: Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats (links) steht unter Beobachtung.

Gerät unter Druck: Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats (links) steht unter Beobachtung.

Der Islamische Zentralrat IZRS sorgt verstärkt für Unruhe. Wie eine Recherche in muslimischen Kreisen zeigt, ist die Gruppierung unter Musliminnen und Muslimen inzwischen heftig umstritten. So will die Föderation der islamischen Dachorganisationen Schweiz (Fids) gemäss eigenen Angaben noch diesen Monat alle Verbände und Moscheen vor den Exponenten und der Propaganda des Rates warnen. Mit seinen Auftritten wolle dieser Stimmung machen und junge Muslime anlocken. Dabei sei die Organisation ein Arm des radikalen deutschen Predigers Pierre Vogel, so die Fids.

Abspaltung vollzogen

Derweil geht der Zentralrat auf seiner Internetseite in die Offensive. Vorab Präsident Nicolas Blancho nimmt zu den aktuellen Vorwürfen Stellung. Er dementiert nach wie vor (siehe auch Interview in der Ausgabe vom Montag), der Zentralrat schüre Gewalt.

Blancho wie auch Patric Jerome Illi alias Abdel Azziz Qaasim Illi, Kommunikationsverantwortlicher des Rates, studieren an der Universität Bern Islamwissenschaften. Wie die Leitung des Instituts für Islamwissenschaft und neuere orientalische Philologie um Reinhard Schulze und Anke von Kügelgen auf Anfrage dieser Zeitung mitteilt, beobachtet man die Entwicklung genau. Das Institut habe die islamische Religionslandschaft in der Schweiz und die Sektenproblematik unter muslimischen Gemeinschaften im Blick und erforsche diese Bereiche. Der aktuelle Befund: «Erste Untersuchungen deuten an, dass der Rat im Kontext einer innerislamischen Sektenproblematik gesehen werden kann.»

Bei dieser Problematik geht es gemäss Samuel-Martin Behloul, Islamwissenschafter an der Universität Luzern, um Gruppierungen, welche sagen, sie praktizierten den «echten» Islam. Sie spalteten sich von der Mutterreligion ab und klagten, die Mehrheit der Muslime habe sich vom Ursprung des Islam abgewendet.

Droht Unterwanderung?

Sektenproblematik – besteht gar die Gefahr, dass extremes Gedankengut in die Analysen des Instituts der Uni Bern einfliesst oder unter Studierenden gestreut wird? Die Institutsleitung winkt ab. Die Tatsache, dass zwei prominente Vertreter des Zentralrates Studenten an der Universität Bern seien, spiele bei der Forschung keine Rolle und habe keine Rückwirkung in Bezug auf die wissenschaftliche Arbeit. Am Institut studierten Personen verschiedenster ethnischer und/oder religiöser Herkunft. «Es ist uns ein Anliegen, dass die akademische Auseinandersetzung in einer offenen, von gegenseitigem Respekt geprägten Atmosphäre stattfinden kann», hält die Leitung fest. Im Übrigen werde die fachwissenschaftliche Ausbildung der Studenten strikte von deren konfessionellen Einstellung getrennt. Jede Rückwirkung der Islam-Interpretation auf die Studiensituation sei also unterbunden. Gemäss dem Rechtsdienst der Universität sind ausseruniversitäre Aktivitäten grundsätzlich Privatsache der Studierenden. «Ausseruniversitäre Aktivitäten könnten höchstens dann für die Universität von Relevanz sein, wenn durch sie gegen universitäre Rahmenbedingungen verstossen würde», so der Dienst. Dazu gehört zum Beispiel die Störung des Studienbetriebs.

Minderheit in Minderheit

Islamwissenschafter Behloul will die Rolle des Zentralrates nicht überbewerten. Noch sei der im letzten Oktober gegründete Verein zu jung, um klare Rückschlüsse über dessen Ziele und Aktivitäten zu ziehen. Der Fachmann kann sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht vorstellen, dass die Muslime scharenweise zu der Organisation überlaufen. Doch Behloul sagt auch: «Natürlich ist nicht auszuschliessen, dass Einzelpersonen mit radikalen Ansichten unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft im Zentralrat ihre geistig-ideologische Heimat finden könnten.» Ob dies zu einer direkten Bedrohung für die Schweizer Rechtsordnung werden könnte, bezweifelt Behloul eher, «da es sich um eine Minderheit innerhalb der Minderheit handelt».

Dennoch fühlen sich rechtskonservative Kreise herausgefordert. So will das Aktionskomitee «Gegen die strategische Islamisierung der Schweiz», welches aus dem Aktionskomitee «Stopp Minarett Langenthal» hervorging, dem Zentralrat ans Fundament. «Wir setzen alles daran, dass der Islamische Zentralrat Schweiz verboten wird», betont Daniel Zingg auf Anfrage. Aus den Statuten des IZRS gehe hervor, dass diese Vereinigung ein Parallelrecht einführen wolle und sich dabei auf die Scharia berufe. Derzeit kläre ihr Jurist ab, in welcher Form man vorgehe wolle.

Eine Randgruppe

Islamwissenschaftler Behloul, aber auch die Experten der Universität Bern halten indes fest, dass der Zentralrat unter den Muslimen heute kaum eine Bedeutung hat. Sie stellen eine mediale Überinterpretation des Zentralrates fest, «die nicht mit der wirklichen Stellung der Organisation in der islamischen Verbandslandschaft korreliert». Der Geltungsanspruch des Rates finde unter nichtorganisierten Muslimen bislang keine Anerkennung. Behloul hält fest: «Die Auftritte der Ratsmitglieder mit ihren langen Bärten und den langen Kleidern werden auch unter den Muslimen nicht nur gern gesehen. Gerade die grossen bosnischen und albanischen Gemeinden möchten nicht, dass der Islam mit extremem Gedankengut oder gar Terrorismus in Verbindung gebracht wird.»

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