Im Schnellzug von null zur Mehrheit im Bundesrat: Triumph der Frauen

Die Förderung in den Parteien und der Charakter der Schweizer Politik brachten die Frauen vorwärts.

Das Wahldrama von 1993 um Christiane Brunner (l.) und Ruth Dreifuss verlieh dem Anliegen der Frauen Dynamik.

Das Wahldrama von 1993 um Christiane Brunner (l.) und Ruth Dreifuss verlieh dem Anliegen der Frauen Dynamik.

(Bild: Keystone)

Hannes Nussbaumer@tagesanzeiger

1984, als in der Schweiz die freisinnige Elisabeth Kopp zur ersten Bundesrätin gewählt wurde, amtete in Grossbritannien bereits seit fünf Jahren eine Premierministerin. Andere Länder hatten noch früher Frauen in ihre höchsten Ämter gewählt. Als Golda Meir 1969 israelische Regierungschefin wurde, besassen die Schweizer Frauen noch nicht einmal das Stimmrecht. Erst 1971 wurden sie zu vollwertigen politischen Akteurinnen.

Und jetzt das: Ein gutes Vierteljahrhundert nach der Kopp-Wahl steht die Schweiz kurz vor einer Frauenmehrheit im Bundesrat. «Das ist sehr rasch gegangen», freut sich die Aargauer FDP-Ständerätin Christine Egerszegi.

Dreifuss-Wahl als Initialzündung

Dass die Schweizer Frauen erst mit erheblicher Verspätung an der Politik beteiligt wurden, dürfte zum Tempo beigetragen haben. «Es bestand ein Nachholbedarf – mit der Folge, dass die Schweiz heute weiter ist als manche Länder, in denen die Frauen bereits seit den 1930er-Jahren mitbestimmen dürfen», sagt Ständerätin Egerszegi.

Richtig vorwärts kamen die politisierenden Frauen allerdings erst in den 1990er-Jahren. Nach dem Rücktritt von Elisabeth Kopp (1989) gab es noch einmal vier Jahre lang einen reinen Männer-Bundesrat. Dann, 1993, kam es zur denkwürdigen Nichtwahl der Genfer Sozialdemokratin Christiane Brunner. Sie führte dazu, dass Frauen landesweit auf die Strasse gingen – und zwar längst nicht nur linke Frauen.

Beginn einer öffentlichen Diskussion

Der zornige Protest wirkte. Kurzfristig, indem das Parlament eine Woche nach Brunners Nichtwahl deren «Zwillingsschwester» Ruth Dreifuss wählte. Mittel- und langfristig, indem nun auch den bürgerlichen Parteien klar geworden war: Ihre Wähler und vor allem Wählerinnen verlangten eine angemessene Frauenvertretung in den politischen Gremien. «Es setzte eine öffentliche Diskussion ein. Die Sensibilisierung für das Frauenthema war in den Neunzigerjahren enorm», sagt der Politologe Werner Seitz. Im Rückblick zeigt sich: Die Wahl von Ruth Dreifuss war das Ereignis, das dem Anliegen der Frauen Dynamik verlieh. Die Parteien begannen «ihre» Frauen gezielt zu fördern. Die SP, die das besonders engagiert tat, wurde dafür mit Wahlsiegen belohnt.

Politik entspricht Frauen

Dass der Frauenanteil in Parlamenten und Regierungen seit 1971 markant zugenommen hat, ist ein Resultat der parteiinternen Frauenförderung. Im Nationalrat stieg der Frauenanteil von fünf (1971) auf dreissig Prozent (2007). Allerdings sind die parteipolitischen Unterschiede nach wie vor beträchtlich. Rund die Hälfte der Nationalrätinnen gehört einer links-grünen Partei an, obschon dieses Lager nur etwa halb so viele Mandate besitzt wie das bürgerliche.

Dass in politischen Spitzenpositionen der Frauenanteil ungleich viel höher ist als in wirtschaftlichen, lässt sich aber nicht einfach damit erklären, dass die Parteien zu einer besseren Frauenförderung gezwungen sind als die Unternehmen – weil den Wählerinnen und Wählern das Geschlecht ihrer Spitzenvertreter offenbar wichtiger ist als den Aktionärinnen und Aktionären.

Politische Karriere kaum planbar

Eine ebenso wichtige Ursache für die stattliche Zahl von Spitzenpolitikerinnen dürfte sein: «Der Charakter der Schweizer Politik passt gut zur klassischen Frauenbiografie», sagt der Politologe Michael Hermann. «Eine politische Karriere ist in der Schweiz kaum planbar; ausserdem haben die meisten Ämter Milizcharakter, sind also zeitintensive, aber nicht sonderlich gut bezahlte Teilzeitbeschäftigungen.»

Bis in die jüngere Vergangenheit waren politische Karrieren damit vor allem auf Männer zugeschnitten, die es sich leisten konnten, neben ihrer besser bezahlten beruflichen Karriere auch noch Politik zu betreiben. Oder für Frauen, die keine Familie ernähren mussten, sich aber engagieren wollten – zum Beispiel für Mütter, die nach der familiären Auszeit eine Teilzeitaufgabe suchten. Der heute verbreitete Typ Vollzeitpolitiker beziehungsweise Vollzeitpolitikerin ist eine neuere Erscheinung.

Vor allem unter den älteren Spitzenpolitikerinnen gibt es nicht wenige, die in die Politik kamen, weil diese ein attraktives Betätigungsfeld für Wiedereinsteigerinnen bot. Solange es kaum möglich war, Familie und Karriere in der Wirtschaft zu verbinden, bot sich die Politik als Alternative an.

Die Wirtschaft hat dazugelernt

Auch die Zürcher Historikerin Elisabeth Joris verweist darauf, dass die Politik viel früher als die Wirtschaft die Vereinbarkeit von Familie und Karriere ermöglicht und so viele Frauen angezogen hat. Hinzu komme: «Die Politik ist weniger hierarchisch strukturiert als die Wirtschaft. Hier geht es mehr um die Sache und weniger um den persönlichen Karriereerfolg. Vielen Frauen entspricht diese Mentalität», sagt Joris.

Allerdings hat die Wirtschaft in jüngerer Zeit dazugelernt. Kinder und Karrierekiller lassen sich heute eher kombinieren. Ob damit das Interesse an der Politik abnimmt, bleibt abzuwarten. Ständerätin Egerszegi stellt fest, dass es schwieriger geworden sei, Frauen für die Politik zu gewinnen. Auffällig ist auch, dass die Zahl der kandidierenden Frauen ausgerechnet bei der Wirtschaftspartei FDP abnimmt: 2003 waren 35 Prozent der FDP-Nationalratskandidaten weiblich. 2007 waren es noch 28 Prozent.

Frauenmehrheit wäre starkes Symbol

Gewiss wäre eine Frauenmehrheit im Bundesrat ein starkes Symbol. Wer jedoch bereits die Macht in Bundesbern in Frauenhand sieht, freut sich zu früh: Im Nationalrat sitzen noch immer 70, im Ständerat 80 und an den Spitzen der Bundesverwaltung – also auf den Chefsesseln der wichtigsten Bundesämter, der Staatssekretariate und der Armee – 100 Prozent Männer.

Tages-Anzeiger

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