Frühe Sprachförderung

Es wäre sinnvoll, «Deutsch vor dem Kindergarten» in allen Kantonen einzuführen.

Wenn die Eltern angeben, ihr Kind könne nicht oder nicht gut deutsch reden und verstehen, werden sie auf die Pflicht aufmerksam gemacht, ihr Kind in eine Spielgruppe zu bringen.

Wenn die Eltern angeben, ihr Kind könne nicht oder nicht gut deutsch reden und verstehen, werden sie auf die Pflicht aufmerksam gemacht, ihr Kind in eine Spielgruppe zu bringen.

(Bild: Keystone)

Die Sprache ist eine Schlüsselfunktion für den Erwerb von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Sprache ist Voraussetzung, lernen zu können. Vom Kindergarten bis zum Ende der Volksschule wird grosser Wert auf die Sprache gelegt. Trotzdem gibt es Kinder und Jugendliche, welche am Ende ihrer Schulzeit Sprachdefizite aufweisen. Das kann sich negativ auf ihre Berufslaufbahn auswirken.

Der Bildungsbericht, den der Bund und die Kantone 2018 zusammen herausgegeben haben, zeigt, dass das Ziel, wonach 95 Prozent der jungen Leute einen Abschluss auf Sek-II-Niveau, d. h. eine Berufslehre oder eine Matur, haben sollten, von den Schweizerinnen und Schweizern erreicht wird. In der Schweiz geborene Ausländerinnen und Ausländer verfehlen dieses Ziel um mehrere Prozentpunkte.

Das heisst, dass auch die Schule nicht für jedes Kind den gewünschten Erfolg herbeiführen kann, herkunftsbedingte Defizite zu beheben. Im Gegensatz zur Gruppe der spät Zugewanderten, welche eine noch tiefere Abschlussquote Sek II aufweist, besteht bei den in der Schweiz geborenen ausländischen Kindern die Chance, durch frühe Sprachförderung die Bildungsvoraussetzungen erheblich zu verbessern.

In Basel-Stadt haben wir unter der Leitung des damaligen Volksschul-Chefs Pierre Felder ein Projekt lanciert: «Deutsch vor dem Kindergarten». Eltern füllen einen Fragebogen aus, den sie vor der Anmeldung ihres Kindes für den Kindergarten erhalten. Wenn sie angeben, ihr Kind könne nicht oder nicht gut deutsch reden und verstehen, werden sie auf die Pflicht aufmerksam gemacht, ihr Kind in eine Spielgruppe zu bringen. Dort soll es Deutsch lernen, bevor es in den Kindergarten eintritt.

Dieses «selektive Obligatorium» war in der Politik nicht unumstritten, es gab Kräfte, welche diesen Eingriff in die Entscheidbefugnis der Eltern ablehnten. Geht man aber vom Kindeswohl aus, ist diese Verpflichtung nicht nur gerechtfertigt, sondern nötig. Begleitet wird dieses Projekt von Professor Alexander Grob, Fakultät für Psychologie der Uni Basel, mitfinanziert von der Jacobs-Foundation. Erste Erkenntnisse zeigen, dass die Kinder im Alter von drei Jahren sehr schnell und auf spielerische Weise Deutsch lernen. Eine wissenschaftliche Auswertung erfolgt bald.

Weil es nicht nur in Basel Kinder mit Sprachdefiziten gibt, wäre es sinnvoll, frühe Sprachförderung vor dem Kindergarten-Eintritt in allen Kantonen einzuführen. Der Bund müsste ein solch flächendeckendes Vorgehen unterstützen. Die gesetzlichen Grundlagen dafür bestehen in der Bundesverfassung und im Ausländergesetz. Gleich mehrere Ziele könnten so erreicht werden.

Gute Sprachkenntnisse fördern die Integration. Gute Sprachkenntnisse helfen, eine Schul- und Berufsbildung zu erwerben, und sie verringern die Gefahr der Jugendarbeitslosigkeit. Unsere Gesellschaft muss ein Interesse daran haben, dass junge Leute nach ihrer Schulzeit eine Perspektive für eine Berufslaufbahn haben, die ein selbstständiges Leben ermöglicht.

Basler Zeitung

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