Fête des Vignerons: Millionenloch und kein Bedauern

Zu wenig Besucher, zu hohe Kosten: Veveys Winzer fehlen bis zu 16 Millionen Franken. Sie sagen: «Wir haben getan, was wir konnten.»

Sind nach der Fête des Vignerons auf Geldsuche: Mitglieder der Winzerbruderschaft von Vevey marschieren am 18. Juli 2019 zur Theaterarena. Foto: Odile Meylan (24 Heures)

Sind nach der Fête des Vignerons auf Geldsuche: Mitglieder der Winzerbruderschaft von Vevey marschieren am 18. Juli 2019 zur Theaterarena. Foto: Odile Meylan (24 Heures)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Über eine Millionen Festbesucher, 355'000 veräusserte Tickets und 230'000 verkaufte Flaschen Festwein reichen nicht aus, damit die diesjährige Fête des Vignerons mit schwarzen Zahlen endet. Das zeigen Recherchen des Westschweizer Fernsehens und der Zeitung «24 Heures». Die Winzerbruderschaft Confrérie des Vignerons de Vevey, die das Fest alle 20 bis 25 Jahre organisiert, bestätigte die Information.

Bei einem Budget von 100 Millionen Franken sind während des Fests, das am 11. August zu Ende ging, 16 Millionen Franken zu wenig in die Kassen geflossen. «Das heisst aber nicht, dass der Verlust 16 Millionen Franken betragen wird», präzisiert die Sprecherin Marie-Jo Valente. Die Aufräumarbeiten seien weiter in Gang, noch seien die gesamten Einnahmen und Ausgaben nicht bekannt. Die Abrechnungen einzelner Dienstleister würden erst noch eintreffen, so die Sprecherin.

Keine Staatshilfe

Die Winzerbruderschaft hat auf die düsteren finanziellen Aussichten reagiert und einen Krisenstab eingesetzt. Dieser soll Möglichkeiten prüfen, zusätzliche Einnahmen zu generieren oder Ausgaben zu reduzieren. Der Krisenstab dürfte auch die Stadt Vevey und den Kanton Waadt angehen. Auf staatliche Hilfe wollte die Confrérie ursprünglich verzichten. Es gibt auch keine staatliche Defizitgarantie, wie bei der letzten Ausgabe im Jahr 1999, die damals nicht benötigt wurde, weil die Fête mit einem Überschuss von 4 Millionen Franken endete. «In diesem Jahr mussten wir dem Staat Geld für Leistungen zahlen, die er 1999 noch gratis erbrachte», sagt Winzer und Organisator Blaise Duboux. «Die Ausgaben für die Platzmiete, Reinigungsarbeiten, Sicherheit und das Verkehrskonzept gingen ins Geld», betont er.

Insgesamt 8 Millionen Franken zahlten die Festorganisatoren staatlichen Stellen. Zur Diskussion steht, dass der Staat zur Verringerung des Defizits einen Teil der verrechneten Leistungen erlässt oder Geld zurückzahlt. Der Gedanke begeistert Élina Leimgruber, Stadtpräsidentin von Vevey, nicht. «Wir haben eine Vereinbarung unterzeichnet, es ist also schwierig, diese wieder rückgängig zu machen», sagte Leimgruber auf Anfrage der Zeitung «24 Heures» Bekannt ist, dass die Stadtregierung von Vevey selbst gegen Budgetdefizite ankämpft.

Bilder: Die Fête des Vignerons 2019

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François Margot, Präsident der Winzerbruderschaft, kündigt an, mit Dienstleistern, Sponsoren und Mäzenen in Kontakt treten zu wollen, um die Buchhaltung in den kommenden Wochen zu stabilisieren. In Diskussion ist auch der Aufruf zu einem Crowdfunding. Dazu muss die Bruderschaft wohl Eigenkapital einschiessen. Solches ist vorhanden. In der Vereinsrechnung für das Jahr 2016 wies sie über 12 Millionen Franken Eigenmittel aus.

Hat sich die Confrérie mit dem 100-Millionen-Franken-Budget übernommen, zumal die Fête des Vignerons 1999 noch 50 Millionen Franken kostete? Bedauern ist keines zu hören. «Für die Organisation der Fêtes haben wir alles gemacht, was wir tun konnten», blickt Blaise Duboux zurück. Das Konzept, ein Spektakel mit neuester und teurer Technologie zu realisieren, hält er nach wie vor für richtig, weil die moderne Gesellschaft einfach ein Spektakel auf diesem Niveau erwarte.

Journalisten hätten vor dem Festival über überhöhte Eintrittspreise berichtet, statt auf den Inhalt zu fokussieren.

Natürlich sah auch Blaise Duboux bei den Tagesvorstellungen in der 20'000 Plätze fassenden Arena stets Tausende unbesetzte Sitze. Damit war augenfällig, dass weniger Deutschschweizer Tagesausflüge nach Vevey unternahmen, als sich die Organisatoren erhofft hatten. Auf die hohen Ticketpreise von bis zu 370 Franken führt dies der Winzer aus Epesses aber nicht zurück. «Es gab bis zum Schluss Tickets für 79 Franken zu kaufen», argumentiert er. Die hohen Temperaturen und Regentage hätten vielleicht eine Rolle gespielt. Auch Aufführungsabbrüche wegen Unwetter musste man hinnehmen.

Leise Kritik übt Duboux an den Journalisten, die kurz vor dem Festivalbeginn über überhöhte Eintrittspreise berichtet hatten, statt auf den Inhalt zu fokussieren. Er beobachtete, wie sich die Kritik über die sozialen Netzwerke ungebremst weiterverbreitete. Erst nach dem Beginn der Fête, also Mitte Juli, hätten sich die Medien mit den Darbietungen beschäftigt, sagt er. Das habe einen positiven Effekt gehabt, der dazugeführt habe, dass das Winzerfest schliesslich jene nationale und internationale Ausstrahlung bekommen habe, auf die man am Genfersee in den letzten Jahren hingearbeitet habe.

Die kommenden Wochen werden für die Zukunft der Fête des Vignerons entscheidend sein. Trotz eines drohenden Millionendefizits rechnet bei den Organisatoren und in der Bevölkerung aber niemand damit, dass es nach 2019 keine Fête mehr geben könnte. Auch weil sich die Politiker in Vevey viel zu gut amüsierten, um den Anlass mit jahrhundertealter Tradition fallen zu lassen. Allein die Waadtländer Regierungspräsidentin Nuria Gorrite besuchte ein halbes Dutzend Vorstellungen. Am Ende scherzte sie: «Im Notfall könnte ich in jeder Rolle auftreten.»

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