Experte: 'Ndrangheta ist nicht die gefährlichste Mafia für die Schweiz

Für den bekannten Investigativjournalisten Jürgen Roth ist Deutschland bereits ein Mafialand. Der Kenner der organisierten Kriminalität beurteilt in einem Interview die Bedrohungen für die Schweiz.

Mafia-Bosse werden in ganz Europa verhaftet: 'Ndrangheta-Drahtzieher Giuseppe Pelle in Duisburg.

Mafia-Bosse werden in ganz Europa verhaftet: 'Ndrangheta-Drahtzieher Giuseppe Pelle in Duisburg.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Sie recherchieren und schreiben seit Jahrzehnten über die organisierte Kriminalität. Ist die Mafia eine Gefahr für die Schweiz?Jürgen Roth: Die Schweiz ist wie jeder prosperierende europäische Staat von der internationalen organisierten Kriminalität bedroht. Diese hat in den letzten beiden Jahren massiv Gelder eingesetzt, um strauchelnde, defizitäre Firmen und Wirtschaftszweige aufzukaufen. Deren Ziel ist, mit Hilfe des kriminellen Geldes Wirtschaftsmacht zu erlangen und marktbestimmend im Wirtschaftskreislauf zu werden. Dabei spielt die italienische Mafia sicher eine gewisse Rolle. Bedeutungsvoller für die Schweiz sind jedoch die kriminellen Grossorganisationen aus Osteuropa und insbesondere der ehemaligen UdSSR.

Warum ist das so? Diese Organisationen haben – und das unterscheidet sie von der italienischen Mafia – in der Regel hervorragende Beziehungen zum russischen FSB, dem ehemaligen KGB. Teilweise gibt es in der Schweiz eine enge Kooperation zwischen kriminellen Paten und dem FSB. Und in den letzten 15 Jahren wurden Hunderte von Firmen dieses Personenkreises in der Schweiz gegründet. Immerhin hat das Schweizer Bundesamt für Polizei in einem strategischen Analysebericht von 2007 geschrieben, dass Netzwerke von Schweizer Bürgern bestehen, die mit ihren Dienstleistungen die geschäftlichen Aktivitäten der Nachrichtendienste und der kriminellen Strukturen unterstützen. Dabei geht es um Geldwäsche, Frauenhandel und Waffenhandel.

Medienberichte der letzten Wochen erwecken den Eindruck, dass die 'Ndrangheta, die kalabresische Mafia, in die Schweiz drängt. Welche Erkenntnisse haben Sie dazu? Die Cosa Nostra hat sich bereits in den Achtziger Jahren insbesondere im Tessin festgesetzt und beste Kontakte zu Finanzinstituten geknüpft. In den Neunziger Jahren wuchs die Infiltration der 'Ndrangheta. Grund war die Ausbreitung einzelner 'Ndrangheta-Clans in der Lombardei und im Aostatal. Die Nähe zur Schweiz und zum Geldwäscheparadies Tessin war das wichtigste Motiv für die 'Ndrangheta-Clans, sich im Tessin auszubreiten. Genf spielt heute ebenfalls eine wichtige Rolle.

Lässt sich abschätzen, wie viele Mafia-Clans in der Schweiz aktiv sind? Nein, das wäre alles Spekulation. Sicher ist, dass in Lugano ein wichtiger Repräsentant der Cosa Nostra aktiv ist, der im Erdgasgeschäft Millionengeschäfte macht – zusammen mit einem russischen Oligarchen, der ebenfalls in der Schweiz residiert. Bekannt ist, dass 'Ndrangheta-Clans aus San Luca und Mandatoriccio in Genf und Zürich sogenannte Locale haben, also regionale Stützpunkte. Diese Locale betreiben – in Zusammenarbeit mit der albanischen Mafia – Geldwäscherei und Drogenhandel.

Wie stark ist denn die 'Ndrangheta in Deutschland? Die 'Ndrangheta zählt in Deutschland sicher zu den mächtigsten kriminellen italienischen Organisationen. Sie ist insbesondere in Baden-Württemberg sehr aktiv, mit besten politischen Kontakten. Aber man sollte nicht vergessen, dass die albanischen kriminellen Organisationen wie insbesondere die sogenannte Russenmafia weitaus einflussreicher geworden sind. Damit will ich sagen, dass die Fokussierung auf die 'Ndrangheta ein falsches Bild der Bedrohungslage geben würde.

Zurück zur Schweiz: Welche Rolle spielt sie für das organisierte Verbrechen? Die Schweiz ist ideal für Geldwäsche – nicht weniger übrigens, als es Deutschland ist. Wobei in der Schweiz die Komplizen der organisierten Kriminalität eine entscheidende Rolle spielen. Gemeint sind damit Anlageberater, Banker, Wirtschaftsprüfer und insbesondere Rechtsanwälte. Ohne sie hätte die organisierte Kriminalität weitaus weniger Einfluss.

Können Sie Zahlen zur Bedeutung der organisierten Kriminalität in der Schweiz nennen? Nein, es gibt keine verlässlichen Zahlen. Zwar gibt es Gerichtsverfahren, aber sie dürften nur einen geringen Prozentsatz ausmachen. Das Dunkelfeld ist enorm. Und es wird so bleiben, solange die Ermittler in der Schweiz keine politische Rückendeckung erhalten, weil die wirtschaftliche Macht der organisierten Kriminalität so bedeutsam ist.

Wie muss man sich den Mafioso in der Schweiz oder in Deutschland vorstellen? Unterschiedlich. Einerseits als Sozialhilfeempfänger oder kleinen Koch, andererseits als smarten Unternehmer, der im Bentley herumkutschiert und von Leibwächtern begleitet wird. Letzteres Bild trifft auf jeden Fall für den Mafioso zu, der über eine Vielzahl von Firmen, über Strohleute, verfügt. Ich rede dabei von der Schweiz und Deutschland – und nicht von Italien.

In Ihrem neuen Buch «Gangsterwirtschaft» zeichnen Sie ein düsteres Bild Deutschlands: Die Mafia verwandelt wirtschaftliche Macht zunehmend in politische Macht. Können Sie Ihre These erläutern? Für immer mehr Angehörige der politischen und wirtschaftlichen Elite ist das Prinzip der Legalität, ethisches Gewissen und die Werteordnung der Verfassung nur noch Theater, reine Show und Inszenierung in der Mediendemokratie. Teile der Wirtschaft und der politischen Elite haben sich vom Grundverständnis einer demokratischen Gesellschaftsverfassung gelöst und folgen ihren eigenen Gesetzmässigkeiten, der Logik der Mafia. Was früher zum klassischen Arsenal der Wirtschaftskriminellen gehörte, ist heute allgemeines Knowhow für die Gestaltung von Firmenkonstruktionen geworden. Führende russische Oligarchen beziehungsweise Tycoone aus Osteuropa haben bis heute engste Verbindungen zu kriminellen Strukturen in ihrer Heimat. Sie sind dabei, sowohl in der Schweiz wie in Deutschland, grosse Industriekonzerne aufzukaufen oder sich dort einzukaufen.

In welchen Branchen sind diese Oligarchen tätig? Es geht um die strategische Industrie – Erdgas, Erdöl, Elektrizität und Kommunikation. Damit wird politischer Einfluss ausgeübt. In Deutschland werden wir erpressbar, was beim Konzern Gasprom besonders deutlich ist. Der faire Wettbewerb wird dadurch ad absurdum geführt. Weil es immer schwieriger wird legale und kriminelle Geldtransaktionen zu unterscheiden, wird die Gefahr der Korruption zwangsläufig noch weiter steigen. Und die Korruption von politischen Entscheidungsträgern durch kriminelle Strukturen ist zumindest in Deutschland kein Einzelfall.

Sind Mafia-Zustände wie in Deutschland irgendwann auch in der Schweiz denkbar? Hoffentlich nicht. Andererseits warum sollte sich die Situation in der Schweiz anders entwickeln als in Deutschland. Gemeinsam ist der politischen Elite, dass sie die Gefahr der organisierten Kriminalität nur zeitweise zur Kenntnis nimmt und die Polizei hie wie da im Regen stehen gelassen wird. Wenn die Medien nicht ständig auf die Gefahren aufmerksam machen und aufklären, wird sich nichts bewegen. Und die international organisierte Kriminalität wird weiter wachsen, zum Nachteil der normal arbeitenden Unternehmer und der Arbeitnehmer. Ein Mafia-Szenarium hat immer mit den gesellschaftlichen und sozialen Umständen zu tun. Wenn die Zivilgesellschaft nicht wachsam ist, wird die Mafia, als die unkontrollierte Macht, irgendwann einmal siegen.

baz.ch/Newsnet

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