Eltern finanziell abzustrafen, ist der falsche Weg

Dass viele Kinder zu wenig gut Deutsch sprechen, ist ein Problem. Es gibt aber bessere Lösungen, als für Sprachunterricht Geld zu verlangen.

Fehlende Frühförderung: Die Gemeinden interessiert es häufig erst beim Schuleintritt, welche Voraussetzungen die Kindergärtler mitbringen. (Archivbild)

Fehlende Frühförderung: Die Gemeinden interessiert es häufig erst beim Schuleintritt, welche Voraussetzungen die Kindergärtler mitbringen. (Archivbild)

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Raphaela Birrer@raphaelabirrer

Erneut sorgt der Thurgau in der Bildungspolitik für Aufsehen. Und erneut löst er eine unbequeme Debatte zu einem Problem aus, das die Schulen auch in anderen Deutschschweizer Kantonen beschäftigt. Vielerorts spricht ein zu hoher Prozentsatz der Kindergärtler zu schlecht Deutsch. Häufig handelt es sich dabei um Kinder, die in der Schweiz geboren wurden und deren Eltern bereits lange hier leben. 

Bildungsexperten sind sich einig: Wer seine schulische Laufbahn mit Sprachdefiziten startet, der wird auch später Nachteile haben. Insofern ist das Anliegen des Thurgauer Parlaments berechtigt, die Eltern in solchen Fällen besser in die Pflicht nehmen zu dürfen – zumal vorschulische Angebote zur Sprachförderung bestünden. Doch der Weg, den die Politiker wählen wollen, ist nicht richtig.

Wer seine schulische Laufbahn mit Sprachdefiziten startet, der wird auch später Nachteile haben.

Statt die Eltern finanziell abzustrafen, wenn ihre Kindergartenkinder mangelhafte Deutschkenntnisse vorweisen, sollten die Weichen früher und umfassender gestellt werden. Der Kanton Basel-Stadt macht es vor: Er klärt den Förderbedarf im Vorschulalter systematisch ab. Spricht ein Kind die Landessprache zu schlecht, muss es in eine subventionierte Sprachspielgruppe oder -Kita. Eine solche verbindliche Regelung liesse sich via kantonales Volksschulgesetz ein­führen – dazu braucht es keine Ver­fassungsänderung. 

Doch dafür muss die Politik ihre Scheu vor einer strukturierteren Frühförderung ablegen. Heute interessiert es die Gemeinden häufig erst beim Schuleintritt, welche Voraussetzungen die Kindergärtler mitbringen. Das hat gerade für Kinder aus Migrantenfamilien weitreichende Folgen, wie der letztjährige nationale Bildungs­bericht gezeigt hat. Demnach ist zum Beispiel deren Sek-II-Abschlussquote signifikant tiefer als jene der Schüler aus Schweizer Familien. 

Klar: Frühförderung kostet. Die grossen Kantone Zürich und Bern wollen deshalb das Basler Modell nicht einführen. Doch die Investition würde sich lohnen – nicht nur für die Betroffenen, auch für die ganze Gesellschaft.

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