Ein Feingeist und PR-Hooligan

Der PR-Berater Klaus J. Stöhlker lebt gut – mit all seinen zahlreichen Widersprüchen: Um die Schweiz zu bewahren, möchte er alles verändern.

Gut gelaunte Kassandra: Klaus J. Stöhlker im Konferenzzimmer der Stöhlker AG.

Gut gelaunte Kassandra: Klaus J. Stöhlker im Konferenzzimmer der Stöhlker AG.

(Bild: Henry Muchenberger)

Kaum jemand, der keine Meinung über Klaus J. Stöhlker hat. «Ist er immer noch so ein Kotzbrocken?», wird gefragt, wer vom Besuch beim Zolliker PR-Berater zurückkehrt. Spätestens seit seiner Aussage über das Zuger Attentat gilt Stöhlker als taktloser Schwadroneur: Ein Freund in Kampfscheidung habe bei dem bewaffneten Überfall vom September 2001 seine Frau verloren, das habe manches erleichtert, schrieb er zum zehnten Jahrestag des Massakers in seinem Internetblog.

Die Meinungen waren gemacht, einmal mehr: Stöhlker, der PR-Hooligan, hatte wieder zugeschlagen. Nicht, dass der sich an seinem Image stören würde: «Es gibt natürlich manche, die halten den Stöhlker für einen Provokateur», sagt Stöhlker. Doch schon sein Schwiegervater, ein Bergbauer aus dem Wallis, habe gesagt: «Ich muss die Erde provozieren, damit etwas wächst.» Das ist die eine Seite des 71-Jährigen. Die andere Seite: Stöhlker, der präzise Beobachter. Selbst, wer in der Sache nicht mit ihm übereinstimmt, muss ihm eines zugestehen: Nur wenige haben den epochalen Wandel der Schweiz in den letzten vier Jahrzehnten so originell, aber auch so mitleidlos beschrieben wie er.

«Was wirklich los ist im Land»

Klaus J. Stöhlker ist bestens vorbereitet an diesem Freitagmorgen: «Ich gebe Ihnen einen kurze Einführung», sagt er, «damit Sie wissen, was wirklich los ist im Land.» Ein ganzes Dossier hat er angelegt, das vor allem aus aktuellen Zeitungsartikeln besteht. Stöhlker hebt an: Eine «Kompetenzkrise» sei es, welche die Schweiz derzeit erlebe. Geistig-moralischer Niedergang, wohin man schaue. Der Finanzchef der Stadt Zug, der wichtigste Mann im Kanton, habe eine Witwe um Millionen betrogen, dennoch dürfe er im Amt bleiben. Etwas ähnliches habe sich in der Zuger Gemeinde Baar mit einem Mitglied der Stadtregierung abgespielt.

Dekadenz allenthalben: Christoph Blocher, «der kreativste Schweizer Politiker seit 40 Jahren» halte Parlamente erklärtermassen für «langweilige Vereine». Damit habe der Spiritus rector der SVP die Schweizer Politik vollkommen abqualifiziert. Gleichzeitig sehe er, Stöhlker, in der Zeitung zwei unreife grüne Nachwuchspolitikerinnen, die «kichernd ins Bundeshaus einziehen». Der Vortrag schliesst, vorerst, mit einem deprimierenden Verdikt: «Die Demokratie, vor 150 Jahren mühevoll erkämpft, ist in Auflösung begriffen.»

Vom Untergang einer Welt

Der Schweizer Demokratie geht es schlecht, doch Klaus J. Stöhlker geht es gut, das ist nicht zu übersehen. Es ist eine äusserst gutgelaunte Kassandra, die uns hier gegenübersitzt. Wir befinden uns im Konferenzraum der Stöhlker AG in deren Zolliker Hauptsitz. Die massiven Stühle, die um den Konferenztisch herum stehen, habe er von einem Bündner Schreiner anfertigen lassen, verrät der Hausherr schmunzelnd, Stühle, die für schwere Körper, ausgelegt seien, für einen längst verschwundenen Managertypus, dem nicht einmal das Wort «Fitness» bekannt war.

Die Zeiten ändern sich, nicht nur, was die Leibesfülle der Führungsschicht betrifft. Geradezu geschichtslyrisch wird es Stöhlker zumute, wenn er an seine Zürcher Anfänge zurückdenkt: «Ich habe noch den Glanz der alten Schweiz erlebt», erzählt er mit leuchtenden Augen, «die Herrlichkeit der Gottfried-Keller-Schweiz», all das, was seit den 70er-Jahren untergegangen sei, hinweggerafft von der Globalisierung.

Wir befinden uns auf geschichts­trächtigem Boden: Zollikon, die behäbige Gemeinde an der Zürcher Goldküste, sei «die freisinnigste Stadt der Schweiz», glaubt Stöhlker. «Unten am See lebten die Gewerbler und Handwerker, oben die freisinnige Elite: Ärzte, Rechts­anwälte, Wirtschaftskapitäne.» Wollte man es parteipolitisch ausdrücken: Unten am See wohnte die SVP, oben residierte die FDP.

Und heute? «Der Freisinn ist für mich, offen gesagt, tot», sagt Stöhlker. FDP-Präsident Philipp Müller sei zwar «clever, gescheit und schnell lernend». Doch für die internationalisierte Wirtschaftselite des Landes könne er «allenfalls ein Vollzugsgehilfe» sein: «Müller ist ein kleiner Immobilienspekulant aus einem Aargauer Tal», spottet Stöhlker. «Wenn er wenigstens ein grosser wäre, wie Christian Constantin im Wallis.» Mit zwei Sätzen ist der Gegner erledigt.

Die Schweiz in Europa

Für Stöhlker ist klar: Alte Gewissheiten gelten nichts mehr. Ist die Schweiz, wie wir sie kennen, am Ende? Sitzen wir einem Untergangspropheten gegenüber? Aber nicht doch. Eine einfache, eindeutige Antwort zu erwarten, das hiesse, die dialektischen Fähigkeiten des schwergewichtigen PR-Mannes zu unterschätzen. Die Zukunft der Eidgenossenschaft sieht Stöhlker in der EU, doch der vielbeschworene Sonderfall sei deswegen noch lange nicht am Ende. «Die Schweiz ist ein Sonderfall!», ruft er emphatisch aus.

Als der Industrielle Stephan Schmidheiny Ende der 70er-Jahre in einem ganzseitigen NZZ-Aufsatz das Ende der helvetischen Ausnahmestellung verkündet habe, da sei er, Stöhlker, aus dem Sessel hochgesaust und habe ausgerufen: «Was für ein Narr!» Stöhlker denkt ganz anders: Für ihn muss sich alles ändern, damit es bleiben kann, wie es ist. «Heute muss der Acht-Millionen-Stadtstaat seine Rolle in Europa finden.» Die besten und reichsten Leute müsse die Schweiz anziehen – als Kanton Zug Europas.

«Der Bupp kann babble ...»

Eines wird keiner behaupten wollen, der Klaus J. Stöhlker kennt: dass es dem Mann an Selbstbewusstsein fehle. Aus kleinen Verhältnissen hat er sich hochgearbeitet, seine Firma, seinen Ruf wie Donnerhall, sein prächtiges Zolliker Haus, oben am Hang, alles hat er sich selbst erarbeitet.

Der Vater ein kleiner Beamter, wächst Stöhlker im pfälzischen Ludwigshafen auf, einer der scheusslichsten Industriestädte im kriegsversehrten Nachkriegsdeutschland. Bald ist er weg, zuerst aus der Schule, dann aus der Stadt. «Bei mir ging alles immer rasend schnell», berichtet er. Mit 14 beginnt er, für das «Pfälzer Tageblatt» zu schreiben, acht Pfennig Honorar pro Zeile. Vier Veranstaltungen besucht er an manchen Abenden. Zwei Jahre später verlässt er das Gymnasium.

Sein grosses Talent bleibt nicht lange unentdeckt. Als 16-Jähriger darf er die Ansprache bei der Einweihung des Schillerdenkmals im pfälzischen Landau halten. «Der Bupp kann babble, der muss Parrer werde», heisst es. Bald ist Stöhlker beim Fernsehen.

Vier Wochen Arrest

Rasend schnell geht es weiter: Beim damaligen Südwestfunk hält es der Nachwuchsjournalist nicht lange aus, denn Teamarbeit ist seine Sache nicht.

Stöhlker verlässt den Sender, leistet Wehrdienst, doch weit bringt er es nicht bei der Bundeswehr. Sein loses Mundwerk wird ihm zum Verhängnis, die militärische Laufbahn endet jäh. Als Kompaniesprecher beschwert er sich über die unappetitliche Kantine. Der Oberst: «Wir haben den Krieg verloren, wir können nicht alles sofort renovieren.» Darauf Stöhlker: «Herr Oberst, der Krieg geht wohl immer nur in der Mannschaftskantine verloren, nicht im Offizierskasino.» Vier Wochen Arrest sind die Folge; die Beförderung zum Leutnant wird abgesagt.

In die Schweiz kommt Stöhlker halb zufällig. Seine Frau, eine Walliserin, hat Heimweh. Also bewirbt er sich bei verschiedenen Schweizer Zeitungen. Der Einstieg ins PR-Geschäft ist eher eine Notlösung, denn als Journalist will ihn niemand haben. Stöhlker ist ein Aussenseiter, doch er setzt sich durch: «Hätte es qualifizierte Einheimische gegeben, die analog hätten denken und formulieren können, ich wäre nie genommen worden», glaubt er. Kränkt es ihn, wenn man ihn heute, nach über 40 Jahren in der Schweiz, noch immer einen Deutschen nennt? «Nein», sagt Stöhlker, «das kümmert mich überhaupt nicht.» Um hinzuzufügen: «Jetzt kommt aber der typische Stöhlker: Ich kann nichts für die Dummheit der anderen.»

Über die Jahre und Jahrzehnte hat er einen eigenen Dialekt entwickelt, das bekannte Stöhlker-Patois, ein Schweizerdeutsch, das seine pfälzische Grundierung nicht verleugnen kann (noch immer sagt er «Famillje», so wie der deutsche Altkanzler Helmut Kohl).

Nein, so ganz verbergen kann und will er seine Herkunft nicht. Seinen deutschen Pass habe er zwar gezwungenermassen abgeben müssen, denn damals, als er Schweizer geworden sei, sei die doppelte Staatsbürgerschaft vom deutschen Gesetz noch nicht vorgesehen gewesen. Doch nachdem er sich beim deutschen Botschafter über den «Rauswurf» beklagt habe, halb im Scherz, habe er wenig später einen Brief von der deutschen Gesandtschaft bekommen, in dem ihm der Botschafter die deutsche Staatsangehörigkeit wieder angetragen habe.

Stöhlker, der Stilist

Stöhlker, der Provokateur, Stöhlker, der Grenzgänger, das fällt den Leuten ein, wenn sie an den Zolliker KMU-­Unternehmer denken. Eines geht dabei stets vergessen: Klaus J. Stöhlker ist auch ein glänzender Stilist, das erkennt jeder, der seine Bücher und Aufsätze liest. Die bedeutendsten Schweizer Eigenschaften, so schrieb er vergangenen August in einem Gastbeitrag für die BaZ, hätten sich entwickelt aus einem «inneren Selbstvertrauen, das einst im festen Schritt des Landmanns wie im sicheren Auge des Handwerkers zum Ausdruck kam.»

Seien wir ehrlich: Es gibt wohl keine zehn Journalisten zwischen Flensburg und Bozen, die solch erhabene Sätze formulieren können. Müsste nicht er den grossen Roman über den Niedergang des Zürcher Freisinns schreiben, erzählt als Familiengeschichte über Generationen hinweg, so wie Thomas Manns «Buddenbrooks»?

Zugegeben, der Vergleich mit Thomas Mann ist ein bisschen dick aufgetragen. Doch Stöhlker wäre nicht Stöhlker, trüge er nicht noch ein wenig dicker auf: «Offen gesagt», antwortet er, «habe ich etwas viel Grösseres vor.»

Basler Zeitung

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