Drängt die 'Ndrangheta in die Schweiz?

Die kalabresische Mafia ist schon lange hierzulande tätig. Bedenken des Bundesamts für Polizei, wonach die Kriminellen vermehrt in die Schweiz kommen könnten, sind nach der jüngsten Offensive der italienischen Carabinieri aktueller denn je.

In Italien haben die Carabinieri 300 ’Ndrangheta-Verdächtige verhaftet.

In Italien haben die Carabinieri 300 ’Ndrangheta-Verdächtige verhaftet.

(Bild: Keystone)

Monica Fahmy@fahmy07

Die in Kalabrien ansässige ’Ndrangheta ist auch in der Schweiz aktiv, daran lässt der Jahresbericht 2009 des Bundesamts für Polizei fedpol keinen Zweifel. «Von besonderer Bedeutung in der Schweiz ist die ’Ndrangheta», steht im Bericht.

Geldwäsche-Plattform und Rückzugsraum

Die Schweiz mit ihrem attraktiven Finanzplatz dient hauptsächlich als Plattform für Geldwäsche, wobei sich diese Aktivität nicht auf den Bankensektor beschränkt. Investitionen in Immobilien, Kunst und Gastgewerbe sind für die Mafia noch mit weniger Risiko verbunden als stärker kontrollierte Banktransaktionen. Auch als Rückzugsraum und Ort für illegale Geschäfte sei die Schweiz für die ’Ndrangheta interessant.

Die ’Ndrangheta sei im Grenzgebiet zum Tessin und dem Wallis etabliert, steht im fedpol-Bericht. Bei strafrechtlichen Ermittlungen gegen kriminelle Organisationen aus Italien werde die ’Ndrangheta häufig erwähnt, meist im Zusammenhang mit Geldwäsche und Drogenhandel.

Voruntersuchung zur Schweizer ’Ndrangheta-Zelle abgeschlossen

So hat das Bundesstrafgericht im Oktober 2009 einen im Tessin wohnhaften Drogenhändler zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Mann, der im Auftrag der ’Ndrangheta handelte, hatte in einem Wohnmobil mit Tessiner Kennzeichen über 200 Kilogramm bolivianisches Kokain transportiert, das für den italienischen Markt bestimmt war.

Seit dem 17. Dezember 2002 ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen eine mutmassliche ’Ndrangheta-Zelle in der Schweiz. Diese soll seit Beginn der 90er-Jahre auf der Achse Zürich–Tessin aktiv gewesen sein. Die Anschuldigungen lauten auf organisierte Kriminalität, Geldwäscherei und Drogenhandel. Die Voruntersuchung beim Eidgenössischen Untersuchungsrichteramt ist beendet. Der 148-seitige Schlussbericht des Untersuchungsrichters wurde am 8. Juni 2010 der Bundesanwaltschaft übermittelt. Aufgrund des Berichts wird sie entscheiden, ob Anklage erhoben wird.

Druck aus Italien zwinge Mafia in die Schweiz

Wie stark sich die ’Ndrangheta bereits in der Schweiz ausgebreitet hat, ist unklar. In der NZZ schätzt der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth, dass die ’Ndrangheta in den letzten Jahren hierzulande 20 bis 30 Milliarden Franken gewaschen hat. Doch diese Schätzungen lassen sich noch ebenso wenig belegen wie die Vermutungen, welche die Politikwissenschaftlerin Stephanie Oesch in ihrem Buch «Die organisierte Kriminalität – eine Gefahr für den Finanzplatz Schweiz?» anstellt. «Es ist anzunehmen, dass die ’Ndrangheta gerade auch über kleinere Banken im Tessin ihr Geld verschiebt», schreibt Oesch.

Fedpol hält die Entwicklungen in Italien im Auge. Die Mafia stehe in Italien zunehmend unter Druck. «Das kann dazu führen, dass sie ihre Aktivitäten vermehrt in die Schweiz verlagert», steht im fedpol-Bericht. Nach der Verhaftungswelle in Italien sind diese Bedenken aktueller denn je.

baz.ch/Newsnet

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