Die teuren Zürcher Privatkliniken

In Konstanz kostet eine Handoperation 15-mal weniger als in der Zürcher Privatklinik. In der Klinik Im Park zahlen die Patienten sogar Spitzenpreise.

Operation im Triemli-Spital: Die öffentlichen Spitäler arbeiten im Vergleich um einiges günstiger als die privaten.

Operation im Triemli-Spital: Die öffentlichen Spitäler arbeiten im Vergleich um einiges günstiger als die privaten.

(Bild: Reto Oeschger)

Herbert Kuhn (Name geändert) wollte seine rechte Hand operieren lassen. Wegen eines Knotens in der Innenhand hatte sich der kleine Finger über die Jahre immer mehr verkrümmt. Der Hausarzt empfahl Kuhn den Eingriff und schickte ihn zu einer Chirurgin, die als Belegärztin in der Privatklinik Im Park in Zürich operiert.

Kuhn, der halb-privat versichert ist, verlangte von der Klinik einen Kostenvoranschlag. Denn obwohl die Krankenkasse zahlt, ist ihm nicht egal, wie hoch die Rechnung ist. Als Kuhn die Offerte erhielt, erschrak er: 19'400 Franken sollte der Eingriff kosten, und in dieser Summe waren noch nicht mal die Honorare für die Chirurgin und den Anästhesisten inbegriffen.

6000 Franken für den Operationssaal

Laut dem Voranschlag sollte Kuhn vier Tage stationär bleiben, was bei einer Tagespauschale von 1040 Franken einen Betrag von 4160 Franken ergab. Weitere grosse Posten in der «groben Kostenschätzung» der Klinik: Eine Eintrittspauschale von 4750 Franken; eine Grundpauschale für die Benutzung des Operationssaales in der Höhe von 2170 Franken, dazu eine Minutenpreissumme von insgesamt 3960 Franken bei einer prognostizierten Operationsdauer von 180 Minuten, ergibt zusammen über 6000 Franken für den Operationssaal.

Der Rest sind Beträge von jeweils mehreren Hundert Franken für diverse Leistungen wie zum Beispiel Aufwachraum, Medikamente, Radiologie oder Labor.

Lieber in Konstanz unters Messer

Das war Herbert Kuhn zu viel. Nach Rücksprache mit seiner Krankenkasse entschied er sich, für die Operation ins Klinikum Konstanz zu gehen. Kuhn ist deutscher Staatsbürger und bei einer deutschen Krankenkasse versichert, lebt aber seit vielen Jahren in der Schweiz. Die Ärzte in Konstanz führten den Eingriff ambulant durch. Ein stationärer Aufenthalt erschien nicht nötig, da Herbert Kuhn fit ist. Um 10.00 Uhr morgens erhielt er eine Teilanästhesie, zwei Stunden später sass er bereits wieder in der Cafeteria bei Kaffee und Kuchen. Die Rechnung für den Eingriff belief sich auf 1040 Euro.

Im Vergleich dazu fand Kuhn die Offerte der Zürcher Klinik erst recht unverschämt. Er wandte sich an den «Kassensturz». Als dieser nachfragte, korrigierte Im Park die Summe wegen angeblicher Rechenfehler um 7000 Franken nach unten. Doch auch so bleibt eine riesige Differenz zur Rechnung aus Deutschland.

Auch im Vergleich mit anderen Spitälern sind die Kosten für die kleine Handoperation in der Privatklinik sehr hoch. In einem öffentlichen Spital des Kantons Zürich zahlt ein Halbprivatpatient laut dem Spitalverband VZK für den gleichen Eingriff und zwei Tage Aufenthalt 5000 Franken (ohne Arzthonorare). Mehrheitlich würden solche Operationen aber ambulant durchgeführt, sagt VZK-Geschäftsführer Willy Rufer. Und dann gelten die tieferen Tarmed-Tarife.

Je länger der Aufenthalt, umso ausgeglichener die Rechnung?

Die Klinik Im Park gehört zur Privatklinikgruppe Hirslanden. Deren Leiter Tarife und Verträge, Lukas Eichenberger, erklärt die hohen Kosten für die relativ einfache Behandlung mit dem Tarifsystem der Hirslandengruppe. Dieses System gelte für alle Patienten, egal ob jemand für eine leichte oder schwere Operation ins Spital komme.

«Die meisten Kosten fallen in den ersten Tagen an, weil dann am meisten Infrastruktur gebraucht wird und der Aufwand des Pflegepersonals am grössten ist», sagt Eichenberger. «Ein kurzer Spitalaufenthalt kann so tatsächlich teuer erscheinen, ein langer dagegen wird eher günstig.» Übers Ganze gesehen gehe für die Versicherer die Rechnung auf, meint der Tarifspezialist von Hirslanden.

Grosse Preisunterschiede

Für den einzelnen Patienten sieht die Sache anders aus. Zusatzversicherte müssen sich zwar nicht um den Preis einer Operation kümmern, solange ihre Krankenkasse einen Vertrag mit der Klinik ihrer Wahl hat. Grundversicherte hingegen, die sich für einen bestimmten Eingriff auf eigene Kosten aufklassieren wollen, sollten unbedingt Offerten einholen. Denn die Preisunterschiede zwischen den Spitälern sind gross.

Das lässt sich am Beispiel eines Leistenbruchs zeigen. Der TA liess für diese Operation mit zweitägigem Spitalaufenthalt auf der Privatstation bei den wichtigsten Zürcher Kliniken Kostenvoranschläge einholen. Das Resultat: Am teuersten ist mit 11'100 Franken die Klinik Im Park, gefolgt von Hirslanden mit 10'200 Franken.

Bethanien verrechnet laut mündlicher Auskunft zwischen 9000 und 10'000 Franken, die Pyramide veranschlagt 8300 Franken. Um einiges günstiger ist der Eingriff in einem öffentlichen Spital, dort kostet er laut VZK nämlich nur 6100 Franken. Dazu kommen bei allen Spitälern noch die Arzthonorare in der Höhe von mehreren Tausend Franken.

Dass die Klinik Im Park vergleichsweise teuer ist, hat übrigens auch die Zürcher Gesundheitsdirektion festgestellt. Sie hat deshalb deren Antrag abgelehnt, auf die Zürcher Spitalliste zu kommen und damit einen Staatsbeitrag an die Fallpauschalen zu erhalten.

Kassen können Nein sagen

Die neue Spitalfinanzierung brachte eine gewisse Vereinheitlichung bei den Tarifen. Denn die Fallpauschalen gelten für öffentliche und private Spitäler gleichermassen. Aber eben nur für jenen Teil der Rechnung, der über die Grundversicherung abgerechnet wird. Bei den Privattarifen sind die Kliniken frei in ihrer Preisgestaltung. Einzig die Versicherer können ihnen Grenzen setzen.

So hat sich Helsana zunächst geweigert, mit den Kliniken Lindberg und Bethanien neue Verträge abzuschliessen, weil ihr deren Preisforderungen zu hoch waren. Beide Kliniken gehören zur Genolier-Gruppe.

Die Bandbreite ist verantwortbar

Diese ist jüngst durch Zukäufe zur zweitgrössten Privatklinikgruppe der Schweiz aufgestiegen. Wenn Helsana ihren Privatversicherten ein umfassendes Angebot machen will, kommt sie deshalb um Genolier nicht herum. In Verhandlungen haben sich die beiden inzwischen angenähert. Man stehe kurz vor einer Einigung, heisst es bei Helsana. Peter Graf ist dort verantwortlich für den Leistungseinkauf. Er betont, der Kontakt zwischen Krankenversicherung und Privatkliniken sei in der Regel gut. Im Grossen und Ganzen würden keine überrissenen Preise verlangt. «Die Bandbreite ist verantwortbar.»

Anders sieht es bei den Ärzten aus, da gebe es Ausreisser nach oben. «Theoretisch können sie verlangen, was sie wollen», sagt Graf. In krassen Fällen schaltet die Versicherung einen Vertrauensarzt ein und verlangt die genaue Diagnose. Eine schwarze Liste von unverschämt teuren Ärzten führt Helsana nicht. Grafs Kollege bei der Krankenversicherung Sanitas, Marco van den Heuvel, schätzt die Situation ähnlich ein. Sanitas hat mit allen Zürcher Privatkliniken Verträge abgeschlossen. «Die Preise der Leistungen liegen in einem akzeptablen Rahmen», so Van den Heuvel, «in unseren Verhandlungen können wir diese mitbeeinflussen.»

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt