«Die Flagge ist nicht verboten»

Bei SVP-Politiker Oskar Freysinger hängt die deutsche Kriegsflagge an der Decke. Wie das zu verstehen ist, erklären zwei deutsche Experten.

  • loading indicator

Aus Deutschland blickt man mit Befremden auf die Kontroverse um Oskar Freysinger, in dessen Büro eine Kriegsflagge des Wilhelminischen Kaiserreiches, sorgfältig drapiert, hängt. Für den «Spiegel» ist das nicht die erste Provokation des Walliser Politikers. Er schreibt: «In Geschmacksfragen lag Freysinger schon zu Anfang seiner Parteikarriere daneben.»

Der SVP-Politiker weiss genau, was er tut, wie er in der Reportage von SRF klarmachte. «Die Flagge ist nicht verboten», sagt Eckhard Jesse, Politologe und Extremismusforscher von der TU Chemnitz. Das wiederum macht sie attraktiv für rechtsextreme Gruppierungen, die die Reichskriegsflagge anstelle von verbotenen nationalsozialistischen Flaggen tragen.

Für den Krieg im deutschen Kaiserreich

In der Form, wie sie bei Freysinger hängt, wurde die Flagge seit 1892 von den Streitkräften des Wilhelminischen Kaiserreichs verwendet. Insgesamt war die Reichskriegsflagge von 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bei Marine und Armee im Einsatz. 1903 wurde sie leicht abgewandelt. In dieser Form benutzten sie rechtskonservative Freikorps nach 1919 weiter, bis sie 1935 durch die Hakenkreuzflagge abgelöst wurde. Das Reichskreuz, das auf der Flagge oben links zu sehen ist, wurde in die Hakenkreuzflagge übernommen.

«Das Dritte Reich kann man nicht direkt mit dem deutschen Kaiserreich vergleichen», sagt Thomas Menzel vom deutschen Militärarchiv in Freiburg. Wenn sich Freysinger im SRF-Beitrag auf das wilhelminische Deutschland bezieht, steht er auf der sicheren Seite. Dennoch sei die Flagge laut Menzel «ein gewisses Erkennungszeichen».

Problematischer Kontext

Wie man die Flaggenaffäre um Freysinger einschätzt, hänge vom Kontext ab, sagt der Militärhistoriker: An der Flagge als historischem Zeugnis der wilhelminischen Epoche lässt sich nichts aussetzen. Betrachtet man jedoch, dass die Reichskriegsflagge heute ausschliesslich von rechtsextremen Gruppen gehisst wird, ist sie nicht frei von politischer Tendenz. Die zu klärende Frage ist also, ob sich Freysinger tatsächlich in diesem Kontext bewegt – oder ob die Reichskriegsflagge schlicht eine weitere Nummer des Politprovokateurs ist, bevor er sich als Teil der Walliser Regierung stärker zurückhalten muss.

«Kein deutscher Politiker könnte sich das erlauben», sagt Politologe Jesse. Allerdings sei die Situation ganz anders als in der Schweiz. Was für einen deutschen Politiker gilt, muss nicht für einen Schweizer Politiker gelten. Auch das weiss Oskar Freysinger genau.

Der Walliser Politiker sagte Anfang Woche gegenüber baz.ch/Newsnet, er habe die Flagge beim Besuch einer U-Boot-Ausstellung in Lübeck aus ästhetischen Gründen gekauft. Sie sei für ihn nur ein «dekoratives Element, das ich nicht mit einer Ideologie in Verbindung bringe». Als Bürger und Gymnasiallehrer muss Freysinger aber klar sein, dass eine Flagge nie rein dekorativ sein kann. Sondern es ist ihr Grundmerkmal, eine (nationale) Symbolik zu transportieren. Freysinger selbst mag nicht alle Fahnen gleichermassen: In einer abgelehnten Motion forderte er 2011 ein Verbot der EU-Flaggeauf öffentlichen Gebäuden.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt