Die Blaufahrer aus den Bergen

Gepriesen sei der Wein! Im Wallis steht jeder fünfte Unfall-Lenker unter Alkoholeinfluss. Kurven fahren ist die Devise – auch dort wo es keine hat.

Ein Gläschen darfs noch sein: Die Walliser und ihren Hang zum Traubensaft.

Ein Gläschen darfs noch sein: Die Walliser und ihren Hang zum Traubensaft.

(Bild: Keystone)

Das Wallis, das ist jener Teil der Schweiz, der hinter dem Mond liegt. Ein Land, reich an grauen Steinen, einer Sprache, die klingt wie Steinschlag, und Menschen, die entweder ins Fernsehen kommen oder nirgendwohin. Wallis, das ist dieses Kontinentchen jenseits der Röstigraben-Ver­werfung, dessen tektonische Platten stets auf einem Meer von Weisswein zu schwappen scheinen. Dieser ferne Ort, auf dem Kühe aufeinander losgehen, Wölfe abgeknallt werden und in den hintersten Tälern Menschen den Kopf schütteln, wenn man ihnen sagt, die Erde sei keine Scheibe, in deren Mitte das Wallis liege.

Die Walliser haben eine eigene Hymne, die erste Strophe geht so: «Nennt mir das Land, so wunderschön, das Land, wo ich geboren bin, wo himmelhoch die Berge stehen, und Manneskraft wohnt bei schlichtem Sinn.» Das Wallis, der Wilde Westen der Schweiz, der Zufluchtsort der letzten Wilden, ­Männerland so sehr, dass ein Walliser, vor die Entscheidung gestellt zwischen einer gut gebauten Kampfkuh und einer gut gebauten Frau, stets die Kuh vorzieht, weil «sie besser folgt, weniger redet und auch hüera güet aussieht».

Kurven auf der Geraden

Wahrscheinlich liegt die schlichte In­­dividualität des Walliser Mannes an seinem Weissweinkonsum. Weisswein ist Treibstoff und Motor des Wallis, macht die Steine schön, die Kühe, die Frauen, das eigene Sein. Da sitzen sie auf ihrer Scheibe, rundherum der Abgrund der Welt, trinken, und irgendwann singen sie die Walliserhymne und fahren nach Hause und sich gelegentlich über den Haufen. Jeder fünfte Walliser Unfall­verursacher hatte letztes Jahr zu viel Promille im Blut, wie aus neusten Unfalldaten des Bundesamts für Strassen hervorgeht.

Bemerkenswerter ist, dass die meisten Unfälle nicht auf den Serpentinstrassen im Irgendwo der Berge geschehen sind, sondern hauptsächlich dort, wo es geradeaus geht. Aber im Grunde ist dieser Sonderweg mit seiner Tendenz zum Nonkonformismus typisch, weil er insofern existenziell ist, da das Anderssein der Boden ist, aus dem diese Terra incog­nita ihre Identität spriessen lässt, ihre Selbstverständlichkeit des Seins. Und vielleicht deshalb ist das Wallis der einzig übrig gebliebene Kanton dieses Landes, der eine Zuflucht ist für alle, denen Geradeaus so monoton-konform ist, dass auch sie im Geradeaus an­­fangen, Kurven zu fahren.

Der Walliser ist daher nicht einfach der nur letzte Mohikaner einer anderswo schon längst untergegangenen Zivilisationsform, sondern im Grunde ein zeitloser Philosoph, der konsequent lebt, was er verinnerlicht hat; dass das Leben keine Gerade ist, auch wenn es so ausschaut. Natürlich weiss das auch jeder Trinker. Das alles zeigt aber, dass die Stellung des Wallis im Universum gründlich überdacht werden muss.

Basler Zeitung

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